Dienstag, 2. September 2014

Besondere Zeiten

Die Sorgen an der Börse werden nicht weniger. Dass die Kurse von Aktien und Anleihen gleichzeitig so stark steigen, sorgt für Stirnrunzeln. Ein Warnsignal, finden viele. Was ist wirklich dran?

Voilà, der Herbst ist da. September. Da ist es an der Zeit, gleich mal mit ein paar Vorurteilen aufzuräumen. Der September hat nämlich unter Börsianern einen schlechten Ruf. Man fragt sich nur, warum? Der Ruf scheint aus uralten Zeiten zu stammen. Denn Tatsache ist doch, dass es nur zweimal in den vergangenen zehn Jahren zu einem Minus im ersten Herbstmonat des jeweiligen Jahres kam. Achtmal dagegen ging es teils kräftig nach oben. So auch vergangenes Jahr. Da stieg der deutsche Leitindex DAX von 8195 auf 8594 Punkte. Macht ein Plus von 399 Zählern. Das ist ordentlich.

Wer sich an derlei saisonalen Aspekten orientiert, dürfte also getrost in Aktien investiert bleiben. Aber wer macht das schon? Als wankelmütiges menschliches Wesen lässt man sich doch nur allzu oft von den Wenns und Abers anderer Leute ablenken und weicht dann ab vom Plan, wie man denn nun tatsächlich investiert sein will.

Aktuell lenkt beispielsweise das Bohei um die scheinbar ins Unendliche steigenden Anleihekurse ab. Vor allem in den USA ist das Gezeter groß, also dort, wo die ­Aktienindizes von Rekord zu Rekord eilen und parallel dazu die Rendite zehnjähriger festverzinslicher Papiere auf 2,3 Prozent gefallen ist — wir erinnern uns: Fallende Anleiherenditen sind gleichbedeutend mit steigenden Anleihekursen.

Die Wenns und Abers besagter anderer Leute klingen dann ungefähr so: Die Anleihen steigen deshalb, weil die wirtschaft­liche Erholung zu schwach sei, die Gefahr einer Deflation immer stärker zunehme und Anleihen daher das klar bessere Investment seien, auch wenn der Nominalzins lächerlich niedrig erscheint. Am Aktien­markt dagegen habe man das alles nicht verstanden, die Kurse seien zu hoch, und daher werde es dort über kurz oder lang kräftig nach unten gehen. Dann sei Schluss mit der Anomalie gleichzeitig steigender Aktien- und Anleihekurse.

Nun gut, die Warnung kommt ja nicht von ungefähr. Dass Anleihekurse und Aktienkurse gleichzeitig so stark steigen, ist durchaus ein klassisches Warnsignal. Meist hält so etwas nicht lange an, und entweder das eine oder das andere gibt nach, auf dass sich die Anomalie auflöse.

Aber wir befinden uns ja bekanntlich in ganz besonderen Zeiten, in denen die Notenbanken agieren, wie sie nie zuvor agiert haben. Daher kann es auch mal sein, dass etwas, was zu „normalen“ Zeiten als Anomalie bezeichnet wurde, heutzutage eher als „neue Normalität“ eingestuft wird.
Um mit den US-Staatsanleihen anzufangen: 2,3 Prozent Rendite für eine zehnjährige Anleihe mögen zwar mickrig sein, im Vergleich zu deutschen oder japanischen Staatspapieren ist die Verzinsung aber höchst ansprechend. Dass zudem die Euro­päische Zentralbank (EZB) in Person ihres Chefs Mario Draghi eine noch lockerere Geldpolitik in Aussicht gestellt hat, macht die amerikanischen Papiere noch attraktiver. Der schon jetzt sehr ausgeprägte Rückgang der langfristigen Renditen spiegelt gleichzeitig die Erwartung wider, dass eventuelle Zinserhöhungen in den USA wahrscheinlich höchst bescheiden ausfallen werden.

Die Anomalie, und das ist die Schlussfolgerung daraus, könnte daher noch weit länger anhalten — ablenkendes Gezeter hin oder her. Wie gesagt, wir befinden uns in besonderen Zeiten. Aktien und Anleihen könnten den parallelen Anstieg also durchaus noch fortsetzen. Ob irgendwann in der Zukunft dann die Aktienkurse nachgeben, um die Anomalie aufzulösen, oder doch eher die Anleihekurse — darüber machen wir uns dann Gedanken, wenn es tatsächlich so weit ist.

Buying Opportunity

Da ist er schon wieder ... Mister Charttechnik Ralph Acampora ...


Dienstag, 26. August 2014

Fehlt nur noch ....

dass Bank-Aktien ins Rollen kommen .... hoppla ...


Provokation und Reaktion

US-Aktien auf Rekordkurs, DAX mit Nachholbedarf und der Euro im freien Fall, dazu das Treffen der wichtigsten Notenbanker der Welt. Wie das eine zum anderen passt.  

Das fällt schon auf in den vergangenen Wochen: An der US-Börse geht es ordentlich voran. Vor allem die Bluechips legen kräftig zu, und zwar so stark, dass der S&P-500 am Montag das erste Mal überhaupt die 2000-Punkte-Marke geknackt hat. Im Gegensatz dazu hinken Nebenwerte deutlich hinterher, ebenso europäische Aktien. Passiert so etwas, dann spricht man von einer Divergenz, und der eine oder andere Börsianer macht sich Sorgen, weil fehlende Marktbreite bei neuen Rekordkursen in der Vergangenheit doch immer ein recht gutes Warnsignal war. Ebenfalls fällt auf, dass der Euro fällt wie ein Stein und dass sich seit einigen Tagen der japanische Yen wieder abschwächt, nachdem sich da lange nichts getan hat.

Wie passt das denn nun zusammen? Es passt. Im Wesentlichen sind es doch gerade mal zwei Aspekte, die in diesem Jahr das Auf und Ab an den Aktienmärkten bestimmen: Da ist zum einen die Geldpolitik der Notenbanken, zum anderen sind es die geopolitischen Risiken. Beiden gemeinsam ist die Unsicherheit, wohin wir denn nun steuern. Es ist nicht recht klar, wann die ersten Zinserhöhungen in den USA kommen. Und was die Weltpolitik angeht, lähmt vor allem die Sorge vor weiteren Eskalationen — gerade was den Russland-Ukraine-Konflikt angeht.

Diese Unsicherheit sorgt sicherlich für eine Flucht in den Dollar und zudem wohl auch dafür, dass man sich als Investor, wenn überhaupt, bei Aktien dann doch lieber für die vermeintlich stabileren Bluechips entscheidet als für Nebenwerte.

Und dann sind es eben die Notenbanken, die im schönen Wechsel mit der Geopolitik für Bewegung an den Märkten sorgen. Aktuell für wieder deutlich steigende Aktienkurse. Die Notenbanken haben es sogar geschafft, dass der erneut und damit zum vierten Mal in Folge gefallene Ifo-Index dabei schlichtweg ignoriert wurde. Auslöser für die Rally am Aktienmarkt war das Treffen der Welt-Zentralbanker, das regelmäßig im Spätsommer im Örtchen Jackson Hole in Wyoming stattfindet. Dort tauscht man sich aus, genießt die Natur und stimmt vielleicht gar die Geldpolitik aufeinander ab. Dieses Jahr war es allerdings nicht ganz so beschaulich. Da warfen die Vertreter der US-Notenbank Fed der Europäischen Zentralbank (EZB) vor, „zu wenig zu tun“.

Die haben ja auch gut reden, die Amerikaner. Im Gegensatz zu Europa geht es beim konjunkturellen Aufschwung ja doch recht passabel voran. Jedenfalls folgte auf die Provokation prompt die Reaktion. EZB-Chef Mario Draghi redete Tacheles und wich im Eifer gar vom Redemanuskript ab. Er werde die Deflationsgefahr in Europa „mit allen Mitteln“ bekämpfen, sagte er, man sei „bereit“. Zudem forderte Draghi die europäischen Finanz- und Staatsminister auf, „mehr Engagement zu zeigen“. Das Wachstum solle bitteschön endlich gestärkt werden. Harter Tobak das Letztere. Der Mann übersteigt damit eigentlich die Grenzen seines Mandats — aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls wurden die deutlichen Worte so ausgelegt, dass der Beginn gezielter Stützungskäufe am europäischen Anleihemarkt nun wohl unmittelbar bevorsteht. Wäre dem tatsächlich so, dann bliebe es also nicht nur bei der bisherigen Niedrigzinspolitik der EZB, nein, man würde da noch Liquidität draufpacken. Die USA, die im Gegensatz dazu selbige ja schon reduzieren, könnten dies dann ein bisschen beruhigter tun.

An den Märkten haben die klaren Worte ihre Wirkung nicht verfehlt: Der Euro ist seither noch stärker unter Druck als schon in den Wochen zuvor, die Aktienkurse steigen, die Renditen der Staatsanleihen fallen. Und das ergibt durchaus Sinn. Die USA wollen scheinbar den Job des „Chef-Gelddruckers“ weitergeben. An die EZB. An die Bank of Japan. Nehmen die den Job an, dürften die Aktienkurse weiter steigen und Euro und Yen fallen.

Freitag, 22. August 2014

Krisenbewältigung nach Schema F

Die Kurse haben zuletzt kräftig gewackelt. Vor allem in Deutschland. Ein Grund sind sicherlich die aktuellen geopolitischen Krisen. Trotzdem stellt sich die Frage, wie signifikant die tatsächlich sind.

Das fällt schon auf: Vor allem die US-Börsen klettern recht kontinuierlich weiter — trotz aller geopolitischer Unruhen. Trotz Syrien, Irak, Gaza, Ukraine. Der Technologieaktienindex Nasdaq Composite hat beispielsweise gerade ein neues Jahreshoch erreicht. An der deutschen Börse ist das ein wenig anders. Hier ist man nervöser. Vermutlich wegen der räumlichen Nähe zu Russland und der wirtschaftlich doch recht engen Verbindungen. Und wohl auch, weil man generell hektischer auf politische Ereignisse reagiert als in den USA. Gut zu sehen war das ja am Freitag voriger Woche, als der DAX nach widersprüchlichen Gerüchten aus der ostukrainischen Krisenregion binnen weniger Minuten 200 Punkte verlor.

Dennoch sind die Märkte insgesamt recht ruhig. Trotz der Vielzahl der Krisenherde. Egal ob Aktien, Gold oder Ölpreis — die Notierungen sind relativ stabil. Da fragt man sich dann schon: Ist die Geopolitik denn überhaupt ein entscheidender Faktor für die Geldanlage? Die Frage mag vermessen oder unlogisch erscheinen angesichts der täglich auf uns einstürzenden Nachrichtenflut. Blickt man aber in die Historie, dann scheint die These gar nicht so abwegig. Letztlich ist es doch so, dass die meisten geopolitischen Ereignisse in der Summe keinen größeren Einfluss auf Umsatz und Ergebnis von Unternehmen haben. Auch Handelsbeschränkungen müssen nicht zwingend gravierend negativ ausfallen. Der Konsum verschwindet ja nicht einfach aufgrund von Restriktionen. Oft verschiebt er sich einfach nur, sucht sich neue Wege. Hinzu kommt, dass trotz fetter Schlagzeilen die meisten dieser Ereignisse relativ klein sind — jedenfalls wenn man sie aus einer globalen ökonomischen Perspektive betrachtet.

Ein dritter Punkt, der die relative Ruhe an den Märkten erklärt, ist der, dass solche Ereignisse oft schon frühzeitig antizipiert werden. Große Investoren haben meist schon rechtzeitig Anpassungen an ihrer Vermögensstruktur vorgenommen, um allen möglichen Eventualitäten tunlichst zuvorzukommen. Frei nach der alten Börsenweisheit: „Kaufen Sie das Gerücht, verkaufen Sie die Nachricht.“

Die Auswirkungen geopolitischer Risiken auf die Märkte ähneln sich durchaus. Gerade bei überraschenden Entwicklungen wanken die Kurse und Preise zunächst gewaltig, man denke an die Attentate vom 11. September 2001. Doch danach setzt sich in der Regel der vorherige Trend fort. Im Fall von 9/11 gab es zunächst einen Crash, dann eine kurze Rally, die darauf in den schon früher gestarteten Abwärtstrend mündete — die USA befanden sich zu jener Zeit schon in einer Rezession. Umgekehrt war es beim Beginn der US-Invasion im Irak im Jahr 2003. Damals rutschten die Märkte wenige Tage vor dem Einmarsch auf neue Tiefpunkte ab, um sich in den folgenden vier Jahren zu verdoppeln.

Allerdings kann es auch ganz anders kommen. Und zwar dann, wenn eine für die Weltwirtschaft ganz wesentliche Komponente betroffen ist. Wie das Öl. Während des Ölembargos von 1973 bis 1974 kam es zu signifikanten Veränderungen bei Inflation, Konsum und Unternehmensgewinnen. Der Ölpreis kletterte damals in wenigen Monaten von etwa drei Dollar pro Barrel auf fast zwölf Dollar und stürzte die westliche Welt in eine heftige Rezession.

Was lernen wir daraus? Zum einen ist es nicht verkehrt, auf den Ölpreis zu achten — wobei der zurzeit und zur Beruhigung vieler eher fällt als steigt. Zweitens sollte man den täglichen Newsflow lieber ignorieren als zum Bestandteil der eigenen Anlagestrategie zu machen — im Zweifel reagieren die großen Anleger darauf ohnehin schneller. Und drittens gilt, dass wankende Kurse meist gute Möglichkeiten bieten, nachzukaufen.

Mittwoch, 13. August 2014

Stoische Gelassenheit

Korrekturen gibt es an der Börse immer wieder. Nicht immer müssen bei einem Rückgang 
um zehn Prozent die Alarmsirenen schrillen. Der beste Ratschlag ist also der, sich daran zu gewöhnen.

Vor einigen Wochen waren wir ja schon einmal damit beschäftigt, ob die Märkte an der Schwelle einer Korrektur stehen oder gar am Beginn einer Trendwende. Damals lautete das Fazit, dass es seriös kaum möglich ist, Beginn und Ende einer Korrektur vorherzusagen. Viel wichtiger sei es — und das gilt heute immer noch —, wie man denn tatsächlich auf einen solchen Kursrutsch reagiert — oder überreagiert, was sicherlich kein guter Ratschlag wäre.

Die Korrektur findet nun tatsächlich statt und reiht sich ein in eine nicht mal ganz so lange Liste ähnlicher Ereignisse. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs jedenfalls gab es 27 Korrekturen von jeweils ungefähr zehn Prozent an der US-Börse — und wir nehmen die mal als Maßstab, ist die Wall Street doch nach wie vor globale Leitbörse, und der DAX verläuft doch in recht ähnlichen Bahnen. Wenn auch bisweilen etwas volatiler, so wie gerade eben.

Im Vergleich zu besagten Zehnprozentern unter den Korrekturen gab es dagegen nur zwölf ausgewachsene Bärenmärkte, die dadurch definiert sind, dass es um 20 Prozent oder mehr nach unten geht. Das vielleicht Erstaunliche an diesen Marktbewegungen, egal ob Zehn- oder Zwanzigprozenter, ist die Tatsache, dass sie nicht gleichmäßig über die Jahre verteilt sind. In der Tat trat fast die Hälfte der Korrekturen entweder in den 70er- oder in den 2000er-Jahren auf. Und beide Zeiträume waren geprägt von wirtschaftlichen Re­zessionen sowie den dazugehörigen längerfristigen Bärenmärkten, die sich durch teuflische Ausverkäufe und fast schon panisch anmutende Zwischenrallys auszeichneten.

Das ist doch schon mal ein erstaunliches Fundstück: Fast die Hälfte der Korrekturen trat also in nur zwei der sieben Jahrzehnte auf. Zufall? Wohl nicht. Wer angesichts dessen mal ganz distanziert auf die aktuelle Lage blickt, kommt dann doch ins Grübeln. Wie wahrscheinlich ist denn dann eine heftige Korrektur in unseren Tagen? Anlässe gibt es ja scheinbar genug. Die Herabstufung der Bonität amerikanischer Anleihen etwa. Die vielleicht bald kommenden höheren Leitzinsen in den USA. Und die Bewertungen: Uns wird doch immer wieder erzählt, dass die Märkte überteuert sind, dass der Finanzmarkt zur Blase aufgepustet wurde. Oder wenn schon nicht der ganze Markt, so gebe es doch wenigstens eine Techblase oder eine Börsengangblase. Und dass gerade Twenty-First Century Fox ein Gebot für Time Warner abgegeben hat, ist doch auch Indiz eines Exzesses! Oder etwa nicht? Und dann die europäischen Banken — ein Schrecken ohne Ende. Und last not least die Crash-Gründe aus der Abteilung Geopolitik: Gaza, Irak, Ukraine. Doch was ist daraufhin schon groß passiert? Der Ölmarkt ist doch erstaunlich ruhig und die Nachfrage nach Gold hat auch nicht wirklich sprunghaft zugenommen.

Was ist es dann wirklich, was die Märkte treibt? Diese Gemengelage an unterschiedlichsten Gründen? Von allem ein bisschen was? Oder ist die Wahrheit schlichter? Wie wäre es damit, dass Korrekturen einfach immer wieder mal vorkommen. Relativ regelmäßig. Und vermehrt in Zeiten von Rezessionen. Es ist, wie es ist und immer war: Korrekturen passieren. Und der beste Ratschlag ist der, sich daran zu gewöhnen.

Fast 500 Handelstage hat die US-Börse nun ohne einen zehnprozentigen Rückgang überstanden. Und vielleicht werden es noch einmal 100. Denn von Rezession ist in den USA nichts zu spüren. Im Gegenteil, die wirtschaftlichen News überzeugen. Seit Wochen. Der Trend scheint intakt. Trotz alledem.

Dienstag, 5. August 2014

Das August-Trauma ...

Der geschätzte Martin Hüfner mit einem neuen Kommentar zur Lage an den Börsen:

Kernpunkte:
  1. Die Aktienkursentwicklung der letzten Tage ähnelt in verblüffender Weise der des Jahres 2011.
  2. Wenn sich die Geschichte wiederholen würde, müsste der DAX in den nächsten Wochen bis auf 7.000 fallen.
  3. Bei den fundamentalen Faktoren gibt es freilich einige gravierende Unterschiede.
  4. Es gelten die alten Argumente. Es gibt keine Rezession. Die Wirtschaft wächst, wenn auch nicht so stark wie ursprünglich angenommen. Die Liquidität ist nach wie vor hoch. Die Zinsen sind niedrig. Alternativen zur Aktie sind daher wenig attraktiv.

Dem schließe ich mich an ... (den kompletten Kommentar gibt es hier als Download)

Dienstag, 29. Juli 2014

Die Sache mit der Faustregel

Die Börsen sind weiter im Korrekturmodus. Eine normale Entwicklung. Das Ende des Bullenmarkts muss dies längst nicht bedeuten, auch wenn schon laut über Zinserhöhungen nachgedacht wird.

Eine alte Regel der Wall Street lautet: „Don’t fight the Fed“. Das ist recht plakativ, enthält aber weit mehr, als die knappe Empfehlung „Leg Dich nicht mit der Fed an“ vermuten lässt. Frei übersetzt bedeutet die Regel eher so viel wie: „Was die US-Notenbank beschließt, das ist Gesetz, es bewegt die Märkte in die eine oder andere Richtung, also halte Dich gefälligst daran, und wenn Du trotzdem dagegen hältst, dann wirst Du verlieren.“

Ein langer Satz das. Aber vermutlich noch nicht einmal lang genug. Denn so hübsch plakativ und gut zu merken die Regel „Don’t fight the Fed“ auch ist, und so richtig sie im Kern auch sein mag, so wenig differenziert ist die Handlungsanweisung, die daraus in der Regel abgeleitet wird. Denn soll man wirklich nur in Aktien investieren, wenn die Zinsen fallen oder auf niedrigem Niveau verharren? Und soll man wirklich Aktien meiden, wenn die Zinsen steigen? Diese Sorge geht ja um, spätestens seitdem die Fed ihre expansive Geldpolitik Schritt für Schritt zurückführt, und sich die Stimmen im Offenmarktausschuss der Zentralbank mehren, dass man über höhere Zinsen zumindest doch etwas intensiver nachdenken und beraten sollte — vor allem was das „Wann“ angeht.

Aber wie gerade angerissen: Die reflex­artige Reaktion auf eine stark vereinfachende Faustregel könnte falsch sein. Sicherlich ist die Sorge vor steigenden Zinsen verständlich: Höhere Zinsen signalisieren ja oft eine Überhitzung der Wirtschaft. Steigen in solchen Situationen die Zinsen, dann verteuern sich die Kredite, und in den Unternehmen nimmt der Druck auf die Margen zu. Letztlich besteht auch die Gefahr einer Rezession, wenn die Notenbanken zu sehr an der Zinsschraube drehen.

Steigende Zinsen können aber auch Ausdruck positiver Entwicklungen sein. Der Zins ist letztlich der Preis für Kapital. Und nimmt die Nachfrage nach Kapital zu, dann steigt eben auch der Zins. Eine höhere Nachfrage nach Kapital wiederum stärkt die Wirtschaft. Verbraucher etwa fragen verstärkt Konsumentenkredite nach oder Hypothekendarlehen. Unternehmen wiederum erhöhen die Investitionsausgaben. Höhere Zinsen bedeuten auch, dass das Risiko einer Deflation gesunken ist. Und schließlich spiegelt eine Zinserhöhung in der aktuellen Situation eine Normalisierung der Geldpolitik der Fed wider. Die Kreditkrise? Die läge dann wohl hinter uns.

All diese Argumente haben ihre Berechtigung, die Vergangenheit hat dies deutlich  gezeigt: Mal reagierten die Aktienkurse positiv auf Zinserhöhungen, mal negativ. In den vergangenen 100 Jahren kam es in den USA zu 86 signifikanten Zinsänderungen.  Stiegen die Zinsen, dann war es so, dass — surprise, surprise — in drei Viertel der Fälle  die Aktienkurse ebenfalls stiegen.

Schaut man etwas genauer hin, dann scheint klar, warum. In den Zeiten parallel steigender Zinsen und Aktienkurse war es nämlich immer so, dass die Inflation relativ niedrig war, im Schnitt bei etwa vier Prozent. Die Aktien waren gleichzeitig durchschnittlich bewertet, das Kurs-Gewinn-Verhältnis der S & P-500-Aktien notierte im Schnitt bei 15. In den Fällen jedoch, in denen der Zins zulegte und die Aktienkurse fielen, lag die Inflation deutlich höher bei durchschnittlich 6,8 Prozent und das KGV wiederum notierte bei niedrigen 12,5 — eine Kombination, die auf ein rezessives Umfeld hindeutet.

Also wie war das doch gleich? „Don’t fight the Fed“? Wohl nicht. Es ist eben doch nur eine stark vereinfachende Faustregel. Sie passt einfach nicht immer. Vielleicht muss man auch bedenken, aus welcher Zeit die Regel stammt. Man datiert sie zurück in die 1970er-Jahre, in die Zeiten der Stagflation, als die USA über längere Zeit mit massiv steigender Inflation zu kämpfen hatten. Anders als jetzt, musste die Fed damals deutlich gegensteuern, zulasten von Konjunktur und Börse.

Freitag, 25. Juli 2014

That's The Way It Is


Das fällt auf: Große Aktien und sichere Anleihen laufen klar besser als Small Caps und Junk Bonds. Eine Divergenz, die doch zu etwas mehr Vorsicht mahnt ...

Dienstag, 22. Juli 2014

Eine Frage der Wahrnehmung

Krisen, wo man nur hinschaut. Die Kurse sind unter Druck. Gefragt sind sichere Investments. Doch das wird sich wieder ändern. Einzig über den Zeitpunkt lässt sich streiten.

Manchmal scheint das Unglück an allen Ecken und Enden über die Welt hereinzubrechen. Gaza, Irak, Ukraine — die Nachrichten sind voll davon. So schlimm wie aktuell scheint es lange nicht gewesen zu sein. Oder doch? War die Welt nicht schon immer ein Pulverfass? Vielleicht kann man ja gar behaupten, dass das, was in der Börsianersprache mehr oder weniger passend als „geopolitisches Risiko“ bezeichnet wird, eigentlich stets irgendwie gleich hoch ist. 

Es schwelt doch immer und überall irgendetwas auf dem Globus. Das Risiko einer Eskalation ist jederzeit vorhanden. Was sich jedoch im Verlauf der Zeit definitiv immer wieder ändert, ist die Wahrnehmung dieses Risikos. Es gibt Zeiten, da wird schlicht ignoriert und negiert, was in den gewohnten, aber mitunter auch wechselnden Krisenregionen der Welt vor sich geht. Oder die Welt wird mit etwas konfrontiert, was scheinbar aus dem Nichts kommt — etwa die Attentate vom 11. September 2001. Und es gibt Zeiten, wo das Unglück eben an allen Ecken und Enden der Welt gleichzeitig hereinzubrechen scheint. Gaza, Irak, Ukraine — die Nachrichten sind voll davon. 

Trotzdem oder gerade deswegen ist das geopolitische Risiko aktuell nicht höher als vor einem Monat — wir nehmen es nur anders wahr. Etwa weil der Abschuss eines Passagierflugzeugs über der Ukraine besonders zynisch ist, weil der Einmarsch israelischer Truppen in den Gaza-Streifen eine schrecklich hohe Zahl an Opfern fordert, weil relativ viele Politiker relativ hilflos wirken. Und weil alles vielleicht noch schlimmer wird.

Die Änderung in der Wahrnehmung zeigt sich natürlich auch an der Börse — ob sie ökonomisch gerechtfertigt ist, sei einmal dahingestellt. Durch geopolitische Schocks werden Aktien, Rohstoffe, An-leihen von den Marktteilnehmern „neu -bewertet“. „Safety first“ ist dann zunächst das Motto. Und die Rückzugsorte sind immer nahezu identisch: Staatsanleihen, vorzugsweise aus den USA, Gold, der Dollar, bisweilen Öl. Auch am Aktienmarkt sind die Verwerfungen in der Regel identisch. Verkauft werden vor allem die riskanteren Assets. Das sind meist Nebenwerte, Aktien aus Highflyer-Branchen und im Fall der Ukraine-Krise auch deutsche Aktien, wären sie bei einem nennenswerten Embargo gegen Russland doch besonders stark betroffen. 

Ein weiterer Effekt dieser geopolitischen Schocks und deren Wahrnehmung ist die Überlagerung anderer relevanter News. Das gilt für Nachrichten im Allgemeinen und für — positive — Börsennachrichten im Besonderen. Dass beispielsweise die neuesten Unternehmensergebnisse aus den USA in der vergangenen Woche richtig gut waren, wurde kaum wahrgenommen. Eine Randnotiz. Negative Nachrichten dagegen verstärken die Flucht in vermeintlich sichere Vermögensklassen. Als da aktuell wären: die Bankenkrise in Portugal, eine Titelgeschichte der „New York Times“, die alle Investments als zu teuer bezeichnet ("Everything Bubble"), dazu die seltsamen „Börsentipps“ der amerikanischen Notenbankchefin Janet Yellen, die kundtut, dass die Kurse von Biotech- und Internetaktien überzogen seien. 


Dass sich die Wahrnehmung von Risiko immer wieder ändert, bietet indes auch Gelegenheiten. Die große Aufmerksamkeit was die aktuellen Krisengebiete angeht, wird im Verlauf der Zeit wieder nachlassen. Entweder weil sich die Dinge entspannen. Oder weil sich die Öffentlichkeit daran gewöhnt hat. Das mag zynisch klingen, aber letztlich ist der Mensch einfach so gestrickt. Wie lange das dauert, ist jedoch kaum zu prognostizieren, denn jede Krise hat ihre ganz eigene Dynamik. Die alte Aktionärsweisheit von der Kurzbeinigkeit politisch geprägter Börsen hat aber durchaus ihre Berechtigung.