Dienstag, 27. Januar 2015

Eine Frage der Flexibilität

Draghi hat geliefert, Griechenland gewählt – die Börsen steigen. Alles scheint in bester Ordnung. Wenn da nur nicht die mauen Quartalszahlen wären. Und die Sorge vor steigenden US-Zinsen.

Er hat nicht enttäuscht, der Chef der Europäischen Notenbank (EZB): Mario Draghi gab in der Vorwoche den Start eines Anleihekaufprogramms über monatlich 60 Milliarden Dollar bekannt. Mehr als erwartet. In der Folge kletterten DAX und Euro Stoxx deutlich, Dow und S&P-500 hielten sich immerhin passabel, und der Euro rutschte gegenüber dem US-Dollar gewaltig ab. Letzteres ist nur logisch, schließlich haben die Amerikaner ihr Anleihekaufprogramm längst gestoppt und bereiten vielleicht schon eine erste Erhöhung des Leitzinses vor.

Keine leichte Situation für Fed-Chefin Janet Yellen. In den vergangenen Jahren waren die USA die Zugmaschine der Weltwirtschaft. Während vor allem in Europa die Volkswirtschaften zu kämpfen hatten, legten die Amerikaner Quartal für Quartal in Sachen Wirtschaftswachstum überzeugende Zahlen hin. Auch in diesem Jahr wird die US-Wirtschaft mit wohl 3,6 Prozent fast dreimal so schnell wachsen wie Deutschland und der Euroraum. Im Konjunkturzyklus hinken die Europäer weit hinter den Amerikanern her. Auch was die Börsenentwicklung angeht, gab die Wall Street bislang den Ton an. Gerade im vergangenen Jahr blieb der DAX deutlich hinter den US-Indizes zurück. Diese Konstellation hat sich jetzt — vor allem auch durch Draghis Milliarden-Liquiditätsprogramm — höchst dramatisch umgekehrt.

Dass nun die US-Börsen nicht mehr hinterherkommen, liegt jedoch auch an den nicht recht überzeugenden Zahlen der amerikanischen Berichtssaison. In Summe lagen die Gewinnzahlen bislang zwar zu zwei Drittel über den Erwartungen und die Umsätze immerhin zur Hälfte. Allerdings fielen in der Einzelbetrachtung die negativen Überraschungen weit deftiger aus als die positiven News. Zudem sind es neben Energie-Aktien gerade Schlüsselsektoren wie Banken und — durchaus überraschend  — Konsum-Aktien, die teils arg enttäuschten. Dem gegenüber steht der DAX, der zuletzt von Rekord zu Rekord eilte und so langsam etwas überhitzt scheint. Nicht einmal der Sieg der Linkspopulisten bei der Wahl in Griechenland konnte den Aufwärtsdrang bremsen. Es scheint, als sei der dortige politische Umschwung mit all den Problemen und Streitigkeiten, die er für die Eurozone bedeutet, längst in den Kursen der europäischen Aktienmärkte enthalten.

Was wird Frau Yellen also tun? Die Unternehmen in den USA — vor allem die großen, exportorientierten — haben durch den schwachen Euro und den schwachen Yen verstärkt mit Wettbewerbsnachteilen auf dem Weltmarkt zu kämpfen. Zinserhöhungen in den USA könnten diese Währungsproblematik noch verschärfen. Keine leichte Situation für Fed-Chefin Yellen.

Das Gute an der einigermaßen vertrackten Situation: Mit der Fed-Pressekonferenz hat die „Woche der Wahrheit“ endlich ein Ende gefunden. Man kann einen Haken dranmachen: an den EZB-Entscheid, die Griechenland-Wahl und die Fed-Konferenz. Und man kann sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren. Auf die Unternehmensergebnisse, wo in den kommenden Tagen noch viel zu erwarten ist. Und auf die Stimmung am Markt. Die ist in den USA nicht besonders gut und in Deutschland trotz der DAX-Rekorde nicht euphorisch. Geht es allein nach diesem Kontraindikator, dann ist mit weiter steigenden Kursen zu rechnen. Auf der anderen Seite sind wie erwähnt die Unternehmensergebnisse eher durchwachsen, und der Februar gilt unter Saisonalitätsgesichtspunkten als eher lauer Monat. Letztlich bleibt es also bei dem Rat: kleine Positionen fahren, mal Gewinne mitnehmen, flexibel bleiben.

Dienstag, 20. Januar 2015

Rekorde und die Angst vor dem Fall

Der DAX hat endlich die 10 000er-Marke überwunden. Man geht von positiven Signalen durch die EZB am Donnerstag und einen vernünftigen Wahlausgang in Griechenland aus. Doch es bleiben Risiken.

Schon wieder so eine höchst denkwürdige Woche. Eigentlich sollte ja die US-Berichtssaion Schlagzeilen machen. Unternehmen, die gute Zahlen liefern und vielleicht noch bessere Ausblicke. Die gab es zwar auch – etwa bei Intel –, für fette Überschriften sorgte dann aber doch anderes: Die Freigabe des Franken-Wechselkurses vor allem. Inklusive der damit verbundenen weltweiten Kurskapriolen und allem was da wohl noch nachkommt. Und die Europäische Zentralbank (EZB) machte auch wieder Schlagzeilen. Laut „Spiegel“ soll EZB-Chef Mario Draghi schon am Freitag der Vorwoche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble beim „informellen Treffen“ die Modalitäten für das geplante Anleihenkaufprogramm ausgekartelt haben. Offiziell dürfte es erst heute am Erscheinungtstag dieser BÖRSE ONLINE vorgestellt werden. Zumindest gehen davon gefühlt 99 Prozent der Börsianer dieser Welt aus. Mal sehen, ob sie wirklich richtig liegen.

Derlei Superlative passen jedenfalls zur höchst bemerkenswerten Woche, in welcher der DAX wohl folgerichtig neue Rekorde erreichte, weit über der 10 000er-Marke, die so lange unüberwindbar schien. Vergangenen Freitag wurde die Hürde eindrucksvoll genommen. Wir hatten es durchaus kommen sehen und vergangene Woche zu taktischen Käufen geraten. Dass die Gründe für den Kurssprung letztlich andere waren als ursprünglich angenommen – Draghi und Franken statt US-Gewinne – na ja, geschenkt!

Und noch mal was bemerkenswertes: Während DAX und auch EuroStoxx steil stiegen, tat sich bei den amerikanischen Indizes kaum etwas. Die stagnierten. Das kommt nicht so oft vor. Normalerweise zieht der Dow Jones die europäischen Indizes mit und nicht umgekehrt. Bleibt die Frage, ob die Amerikaner nun nachziehen, oder ob sich die DAX-Euphorie als übertrieben herausstellt, weil die EZB eventuell am Donnerstag die immens hohen Erwartungen doch nicht erfüllen kann? Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge! Mein lieber Mann!

Das spiegelt sich an den Märkten wieder. Die Volatilität ist hoch wie lange nicht. Die Signale sind flatterhaft. Kaum sieht es einmal nach „Kaufen“ aus, zeigt es kurz darauf das Gegenteil an. Beispiel asiatische Märkte: hier nimmt die Risikofreude gerade wieder zu, nachdem es vor 14 Tagen noch nach Absturz ausgesehen hat. Schwankungen, an die wir uns gewöhnen müssen. Wie sagte der Schweizer Investor Felix Zulauf jüngst: „2015 wird ein Traum für Trader, aber die Hölle für Investoren.“

Also mal Durchschnaufen. Nachdenken. Wo steht man denn jetzt? Fakt ist: Die Deflationsgefahr ist weiter hoch. In der Eurozone wie in den USA wie in Japan. Die EZB ist jetzt am Zug, muss liefern. Ob die Pläne letztlich dazu führen, dass die Kreditnachfrage steigt, wird man sehen. Liefern müssen auch die Unternehmen: Steigerungen bei Gewinn und Umsatz, überzeugende Prognosen. Noch ist das Gezeigte zu wenig.Und dann Griechenland: Die Wahl am Sonntag ist wegweisend.

Europas Börsen sind in Vorleistung gegangen, man setzt auf positive Entwicklungen, auf eine Lösung der Probleme. Auch in Fernost sieht es wieder besser aus. Die Börse New York dagegen scheint immer noch „überverkauft“, dort überwiegt – Stand Redaktionsschluss – die Skepsis. So recht will man noch nicht an ein weiteres Bullenjahr glauben – es wäre das siebte in Folge. Letztlich bleibt es dabei: In Zeiten steigender Volatilität, ist es klug, die Investments kleiner zu halten, immer wieder Gewinne mitzunehmen. Man muss nicht vor der EZB-Sitzung alles riskieren, ebenso nicht vor der Griechenland-Wahl. Und auch nicht vor der Sitzung der US-Notenbank kommende Woche.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Gut taktiert ist halb …

In den kommenden Tagen stehen vor allem die neuesten Quartalszahlen der US-Unternehmen im Mittelpunkt des Anlegerinteresses. Die Aussichten auf positive Überraschungen sind gar nicht so schlecht.

Der Aktienmarkt hat sich wohl gefangen. Mit extrem heftigen Schwankungen ging es in der ersten vollständigen Januar-Woche hin und her. Runter, rauf, runter, rauf. Wir hatten es kommen sehen. Doch es scheint, als ob die schlechten Nachrichten erst mal verdaut wären, als ob ein Boden gefunden wäre, sowohl am US-Markt als auch beim DAX. Aus taktischer Sicht sind Aktien daher durchaus wieder eine gute Option.

Denn: In den kommenden Tagen rückt die Berichtssaison in den Fokus. Die Nachwehen der Attentate in Paris, die Unsicherheiten um die anstehende Neuwahl in Griechenland, die Hängepartien um den Kurs der US-Notenbank und die künftige Zinspolitik der Europäischen Zentralbank — das alles ist zumindest vorerst mal vertagt. Und im Falle der Notenbanken scheint klar, dass die expansive Geldpolitik ihre Fortsetzung findet. In den USA nach neuesten Aussagen vielleicht sogar bis ins Jahr 2016 hinein. Und im Euroraum noch länger — Details wird die EZB am Tag ihrer nächsten Sitzung am 22. Januar liefern. 

Seit Montag jedoch geht es erst einmal wieder um Zahlen, um Umsätze und Gewinne der Unternehmen und vor allem um aktualisierte Prognosen. Gerade Letztere sind besonders spannend, da die Unternehmen einen Einblick geben dürften, wie sich die dank fallendem Ölpreis deutlich niedrigeren Energiekosten auf die Firmenbilanzen auswirken werden. Selbiges gilt auch für die deutlich gestiegene Ausgabenlust der Konsumenten. Es dürfte durchaus zu positiven Überraschungen kommen, nachdem zuletzt die Gewinnerwartungen nach unten revidiert wurden und die Prognosen eher zu vorsichtig sind.

Dennoch ist nicht alles Gold. Auf mittlere Sicht sollte man auch auf unangenehme Entwicklungen vorbereitet sein. Es muss nicht zwangsläufig ein Bärenmarkt oder ein Crash sein, aber der Einstieg ins Börsenjahr hat einen Vorgeschmack darauf geliefert, wie es weitergehen könnte: Höchst volatil! Zudem ist nicht zu übersehen, dass das Momentum an den Börsen nachgelassen hat. Weltweit. Der Risikoappetit scheint zu schwinden. Und der fallende Ölpreis hat ja auch eine Kehrseite. Nicht nur, dass die großen Öl-Companys, die in den Weltindizes stark gewichtet sind, Ertragsprobleme bekommen. Nein, der immer weiter sinkende Preis für den Schmierstoff der Weltwirtschaft könnte eventuell nicht nur Ausdruck des aktuell zu hohen Angebots sein, sondern eben auch ein Indiz für sinkende Nachfrage, was als Vorbote einer weltweiten Wachstumsschwäche gedeutet werden kann. 

Für einen ausgesprochenen Bärenmarkt bedarf es allerdings einiger Zutaten, die trotz aller Probleme derzeit nicht auszumachen sind. Die Rezessionsgefahr ist nach wie vor eher gering, vor allem in den USA, die weiterhin Welt-Konjunkturlokomotive spielen müssen. Faktor 2, das Gewinnmomentum, ist ebenfalls intakt — trotz der derzeit eher vorsichtigen Prognosen. Und das relativiert auch die teils hohen Bewertungen an den Aktienmärkten. 

Einzig Faktor 3 ist problematisch, wobei dieser eigentlich immer besteht: eine Finanzkrise, die durch einen exogenen Schock ausgelöst wird. Das kann ein politisches Problem sein oder ein ökonomischer Crash — beispielsweise in China. Oder ein Drama, das in der EU stattfindet. Neben Griechenland wird in diesem Jahr auch in Großbritannien gewählt. Und ein Grexit wie auch ein Brexit, ein griechischer oder britischer Abschied vom Euro oder von der Union selbst, das dürfte dann ja doch zu allerhand Verwerfungen führen. Ergo: immer schön vorsichtig bleiben. Zwischendrin immer wieder mal Gewinne mitnehmen. Das dürfte das Motto des Jahres sein.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Turbulent ins neue Jahr

Das Börsenjahr startet mit einem Knall. DAX, Dow Jones, Euro, Öl – alles fällt. Gut, wer zuletzt das Risiko reduziert hat. Die Gelegenheiten zum Wiedereinstieg kommen erst noch.

Zuletzt war es ja nicht falsch, an der Börse etwas vorsichtiger zu agieren. In den beiden zurückliegenden Kommentaren hatten ich an dieser Stelle geraten, das Risiko etwas zu reduzieren, auch mal Gewinne mitzunehmen und auf günstigere Kurse zum Wiedereinstieg zu warten. Das war richtig so. Sowohl der DAX als auch die US-Indizes haben nachgegeben. Und es scheint fast so, als ob man den Rat noch einmal wiederholen muss: abwarten und weiter auf einen günstigeren Zeitpunkt zum Neueinstieg warten. Allerdings: So schnell, wie die Kurse sich derzeit bewegen, ist das Tal vielleicht bald schon erreicht. Wen es also schon wieder in den Fingern juckt, dem sei unbedingt zu einem nur vorsichtigen (!) Wiedereinstieg geraten, Schritt für Schritt.

Denn eines ist klar: Das Zittern, das wir in den vergangenen Wochen an den Märkten beobachtet haben, hat sich zu einem veritablen Schwächeanfall ausgeweitet. Und das kommt nicht von ungefähr. Mag ja sein, dass die USA eine Insel der ökonomischen Glückseligkeit sind, anderenorts jedoch sieht das ganz anders aus. In China etwa schwächt sich die Konjunktur ab — da mag der Aktienmarkt in Shanghai steigen, wie er will, er ist schlicht kein Gradmesser für die wirtschaftliche Gesundheit des Landes, sondern gleicht einem Spielkasino. Für China gibt es bessere Indikatoren, die Preise für Industriemetall etwa. Die sinken. Oder auch die Entwicklung des Australischen Dollar. Der fällt. Das ist wichtig, weil der Austral-Dollar ein Ausdruck der wechselseitigen Wirtschaftsbeziehungen mit China ist. Rutscht diese Währung ab, dann scheint etwas mit der Nachfrage aus dem Reich der Mitte nicht zu stimmen. Last, but not least die Börsen der Handelspartner, Hongkong und Südkorea etwa: beide im Abwärtstrend.

Aber man muss ja nicht mal den Kontinent wechseln: Theater gibt es auch in Europa genug. Etwa die griechische Tragödie mit befürchtetem Linksruck bei den Neuwahlen Ende des Monats sowie dem plötzlich wieder diskutierten Sonderweg der Hellenen: dem Grexit, dem Euro-Ausstieg. Nicht schön das. Aber eben auch Theater. Vielleicht schwächt sich ja die Tragödie nach der Wahl zu einer Tragikomödie ab. Dann dürften sich die Märkte auch wieder beruhigen. Doch noch ist das Gegenteil der Fall: Die Märkte sind unter Druck von London über Frankfurt bis — na ja! — Athen.

Und dann wäre da ja noch die Sache mit der Europäischen Zentralbank (EZB). Die deflationären Tendenzen sind alles andere als vom Tisch. EZB-Chef Mario Draghi wird umsetzen müssen, was er versprochen hat, um der siechen europäischen Wirtschaft doch noch Leben einzuhauchen: more money! Es scheint schon ausgemacht, dass es ein breit angelegtes Anleihekaufprogramm geben wird. Aber wird es funktionieren? Als Termin für Details kommt die anstehende EZB-Sitzung am 22. Januar ­infrage. Die Wahl in Griechenland findet übrigens drei Tage später statt. Auch keine so glückliche Konstellation.

Womit wir wieder bei der Gretchenfrage wären: Wie weit geht das nun mit der aktuellen Korrektur? Genau damit haben wir es zu tun: mit einer Korrektur in einem intakten Bullenmarkt, das sollten wir nicht vergessen! Der letzte Abschwung im Dezember jedenfalls war kurz und heftig. Von nicht ganz 10 100 Punkten am 5. Dezember fiel der DAX bis zum 16. Dezember auf fast 9200 Punkte — in gerade mal sieben Handelstagen. Das derzeitige DAX-Zwischenhoch wurde nach Weihnachten am 29. Dezember mit ungefähr 9950 Punkten erreicht. Wiederholt sich die Geschichte, dann könnte der Spuk also am Montag schon vorüber sein. An diesem Tag startet die US-Berichtssaison. Auch das noch. Und auch dort gibt es ja die eine oder andere Unsicherheit ...

Dienstag, 30. Dezember 2014

Auf Party folgt Kater folgt Party – Happy New Year!

2014 endet mit Jahresgewinnen an den wichtigsten Börsen der Welt. DAX, Dow Jones, Euro Stoxx und Nikkei – allesamt im Plus. Das neue Jahr könnte jedoch etwas holprig starten.

Der Dezember lief (fast) wie erwartet. Furioser Start, dann sehr schwach Richtung Monatsmitte und schließlich wieder aufwärts bis zum Jahresende, als klassischerweise die Verliereraktien des Jahres noch einmal aufholten. So läuft das oft im Dezember ab. Jahr für Jahr. Und weil die Kurse Schwung haben, könnte es im neuen Jahr dann gleich so weitergehen. Aber so einfach ist es an der Börse ja nicht. Der Januar könnte auch mit einem veritablen Kater beginnen, da vielleicht schon zu viel gefeiert worden ist.

Suchen wir mal das Haar in der Suppe: Es gibt — schon zum wiederholten Mal in den vergangenen zwölf Monaten — interessante Divergenzen an den Märkten. Da sind die USA, dort hat es der S&P-500 gerade wieder auf ein neues Rekordhoch geschafft und der Dow Jones kletterte zum ersten Mal über 18 000 Punkte. Und da sind die Börsen jenseits der Vereinigten Staaten, die hinterherhinken, etwa der Euro Stoxx, der britische FTSE oder auch die asiatischen Börsen, angefangen von Hongkong bis hin zu Taiwan. Ebenso der DAX, der sich zwar gut hält, aber den ständig neuen Rekorden an der Wall Street nicht recht folgen kann. Diese Divergenz, dieses Aus­einanderdriften ist ein Hinweis dafür, dass sich derzeit eben auch die Volkswirtschaften höchst unterschiedlich entwickeln. Und es könnte zudem ein Warnsignal sein für die weitere Entwicklung an den Aktienmärkten, sobald die noch günstigen saisonalen Faktoren ein Ende finden.

Neben diesem eher technischen Phänomen gibt das nachlassende Wachstum Chinas zu denken. Dort ist die Transformation einer Wirtschaftsordnung, die immer noch zu sehr von Infrastrukturausgaben auf Pump abhängt, hin zu einer, in welcher der Konsum die treibende Kraft ist, noch nicht wirklich gelungen. Und in Europa, tja, da ist es gerade Griechenland, das wegen vorgezogener Neuwahlen für eine gewisse Nervosität sorgt.

Die USA ragen aus dieser doch etwas ungemütlichen Welt-Gemengelage heraus. Doch können sie sich vom Rest des Globus abkoppeln? Man darf seine Zweifel haben. Das Problem daran: Kommt es in den USA zu einer Korrektur am Aktienmarkt, dann rauschen die Kurse diesseits des Atlantiks gleich noch viel heftiger in den Keller. Wir haben es 2014 ja etliche Male erlebt.

Bleibt also die Frage, was das denn nun war, diese Jahresendrally. Ist sie ein Zeichen von Vertrauen in die Stärke der US-Wirtschaft, die den Rest der Welt schon mit sich ziehen wird? Oder hatten wir es in den vergangenen Tagen doch nur mit einer technischen Reaktion auf den fast schon panischen Abverkauf zu Beginn des Monats Dezember zu tun?

Die angesprochenen Divergenzen deuten eher auf Letzteres hin. Der Start ins neue Jahr dürfte vermutlich holprig ausfallen. Kurzfristig ist also Vorsicht angebracht. Es ist sicher nicht verkehrt, das Risiko zu reduzieren, auch mal Gewinne mitzunehmen und auf günstigere Kurse zum Wiedereinstieg zu warten. Doch keine Panik: Es mag zwar kurzfristig wacklig werden, mittel- bis langfristig gibt es jedoch keinen Grund, dem Aktienmarkt den Rücken zu kehren.

Gerade in den USA sind sowohl die News aus der Unternehmenswelt als auch die makroökonomischen Daten überwiegend erfreulich. Hinzu kommt, dass vermutlich die positiven Effekte der stark gefallenen Öl- und Energiepreise in den Kursen noch längst nicht enthalten sind. Mit der anstehenden Veröffentlichung der neuesten Quartalszahlen sowie aktualisierter Ausblicke auf die Folgemonate dürfte es da einige positive Revisionen geben. Zur Erinnerung: Die kommende Berichtssaison in den USA beginnt am 12. Januar.

Und last not least: Happy New Year!

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Wie gewonnen, so zerronnen, so gewonnen ...

Erstaunlich wackelig ist es an den Börsen. Ein wichtiger Grund dafür ist der fallende Ölpreis. Oder anders gesagt: Die negativen Effekte überdecken gerade die positiven. Noch.

Ob das wohl schon ein Vorgeschmack auf das kommende Jahr ist? Diese plötzliche und reichlich unerwartete Volatilitäts-Attacke — haben wir davon 2015 mehr zu erwarten? Die Aktienmärkte jedenfalls rutschen in den vergangenen Tagen bedenklich ab. Und das in einer Phase zum Jahresende, die sonst eigentlich von Window Dressing und damit eher steigenden Aktienkursen gekennzeichnet ist. 

Dieses Mal ist/war das offensichtlich anders. Dass bei den Parlamentswahlen in Japan die bisherige Regierung und damit auch der geld- und finanzpolitische Kurs bestätigt wurden, hat die Märkte jedenfalls noch nicht beruhigt. Jedoch scheint der US-Notenbank dies nun doch gelungen zu sein. Die beriet gestern über die Zinspolitik im neuen Jahr und will wohl Geduld walten lassen.

Der entscheidende Faktor scheint indes der Verfall des Ölpreises zu sein. Vor zwei Wochen hatten wir uns an dieser Stelle noch darüber gewundert, dass der Sell-off im Energiebereich kaum eine Auswirkung auf den Gesamtmarkt hatte — es schien ein Zeichen von Stärke zu sein. Aber denkste, die Auswirkungen zeigten sich lediglich mit Verzögerung, dafür aber mit Macht.

Man kann sich das vielleicht so erklären: Dass die Gewinnprognosen für die Unternehmen das Auf und Ab am Aktienmarkt bestimmen, ist unbestritten. Phasen von Marktschwäche waren daher immer geprägt von Gewinnschätzungen, die stagnierten oder zurückgenommen werden mussten. Genau das passiert gerade wieder: Die negativen Effekte des fallenden Ölpreises wurden durchgerechnet, die Gewinnerwartungen der Öl-Companies teils drastisch reduziert. Da der Sektor ein gewichtiger in den bedeutenden Aktienindizes ist, etwa im amerikanischen S&P-500, rutschten die Prognosen insgesamt, also für den Gesamtmarkt, ebenfalls ab. 

Gleichzeitig wurden aber die positiven Effekte des billigen Öls, etwa die fallenden Produktionskosten in der Industrie und steigende Konsumausgaben, offensichtlich noch nicht erfasst — wohl aus dem banalen Grund, dass diese schwerer einzuschätzen sind. So kommt es zur Sippenhaft, und fast alles fällt. Dass der nicht gerade von Öl-Unternehmen dominierte DAX dabei besonders abgestraft wird, scheint kurios, folgt aber der altbekannten Logik, dass der deutsche Aktienmarkt zur üblen Grippe neigt, wenn sich die Amerikaner lediglich mit einem Schnupfen herumplagen.

Was soll man also vom jüngsten Kursrutsch halten? Haben wir es nur mit einer  kurzen Episode zu tun? Fast scheint es so, denn die Konjunktur, vor allem in den USA, läuft gar nicht so schlecht. Und kommen jetzt noch die positiven Effekte durch das billigere Öl dazu, sollte sich der Aktienmarkt wieder fangen. Zumindest war dies in der Historie immer so, wenn sich der Rohstoff signifikant verbilligt hat — unter der Voraussetzung, dass dies durch ein höheres Angebot zustande kam und nicht durch eine Rezession. Die Großbank HSBC hat berechnet, dass der Weltaktienindex MSCI auf Sicht von zwölf Monaten um durchschnittlich 23 Prozent zugelegt hat, wenn Öl zuvor um 30 Prozent billiger wurde.

Dennoch sollte die plötzliche Volatilitäts-Attacke zu denken geben. 2015 dürfte vermutlich noch wackeliger werden als 2014. Denn Risiken gibt es genug, etwa die anstehende Zinswende in den USA — so sie denn tatsächlich im neuen Jahr kommt. Dazu die Wachstumsschwäche in Europa inklusive politischer Querelen rund um die Eurozone und die EU insgesamt. Nicht zu vergessen die geopolitischen Risiken, die durch den Ölpreis-Crash weiter zugenommen haben. Insgesamt dürfte das für heftiges Hin und Her sorgen, sogar die US-Notenbank Fed hat dies zuletzt mehrfach betont. Anleger sollten das beherzigen und bei Gelegenheit immer wieder mal Gewinne mitnehmen.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Hin und her kurz vor Ladenschluss

Der DAX klettert über 10 000 Punkte, fällt aber gleich wieder unter die Marke. Aber das ist nicht weiter schlimm. Ein wenig Nervosität gehört zum Börsenmonat Dezember einfach dazu.

Da kann man ja fast schon einen Haken dran machen — das Jahr ist rum. Oder? Jedenfalls so gut wie. Was Wirtschaftsnachrichten angeht, ist tatsächlich so gut wie alles gesagt und geschrieben. Gerade in den vergangenen zwei Wochen hat ja ein Highlight das andere gejagt — Verwerfungen an den Märkten inklusive. OPEC-Sitzung? Haken dran, die ist durch. An der Fördermenge wird nichts geändert, der Ölpreis bleibt also niedrig und wird so zur wichtigen Konjunkturstütze. Sitzung der Europäischen Zentralbank? Auch erledigt, die Notenbanker sind drauf und dran, im kommenden Jahr mehr Geld in den Markt zu pumpen. US-Arbeitsmarktdaten? Ebenso. Die gab es vergangenen Freitag, und die waren recht gut. Also auch einen Haken dran.

Unterm Strich hat das zwischenzeitlich für neue Rekorde bei DAX und Dow Jones gesorgt. Der DAX kletterte mal wieder über die 10 000 Punkte. Wie erwartet. Die ­Jahresendrally, die an der Wall Street etwas netter als „Santa Claus Rally“ bezeichnet wird, war die vergangenen Wochen so richtig in Fahrt. Was aber prompt die Frage aufwirft: Kann man da jetzt auch schon einen Haken dranmachen oder kommt noch mehr? Zumal seit Montag die Indizes doch wieder recht ordentlich korrigieren.

Die Krux an der Sache mit den guten US-Arbeitsmarktdaten ist ja immer die, dass dann etliche Anleger gleich eine deftige Zinswende in den Vereinigten Staaten erwarten. Eine, die zudem früher ihren Lauf nimmt als erwartet. Und das sorgt dann für Unsicherheit und dafür, dass doch erst mal Gewinne mitgenommen werden.

Die amerikanische Notenbank Fed tagt jedenfalls noch einmal in diesem Jahr. Am kommenden Dienstag und Mittwoch ist es so weit. Mal sehen, ob Fed-Chefin Janet Yellen kurz vor Jahresschluss tatsächlich noch dramatische Hinweise auf den weiteren Kurs und mögliche Änderungen der US-Geldpolitik gibt.

Dass die Kurse derzeit noch einmal etwas heftiger schwanken, ist dennoch nicht sonderlich besorgniserregend. Zum einen ist es schlicht normal, wenn es nach derart langen Anstiegen wie zuletzt zu Korrekturen kommt — der Markt ist gerade doch etwas „überkauft“. Und zum anderen ist es schon traditionell so, dass solch eine Korrektur zu Beginn des eigentlich sonst so positiven Dezembers passiert. Dies hat auch damit zu tun, dass es dann zum sogenannten „Tax Loss Selling“ kommt — ja, ja, so was gibt es tatsächlich: steueroptimiertes Trading kurz vor Ladenschluss.
Und das funktioniert so: Investments, die im Minus liegen, werden verkauft, um die daraus entstandenen Verluste mit den ­Gewinnen aus anderen Anlagen verrechnen zu können. Ein beliebtes Spiel, gerade an der Wall Street. Gut möglich also, dass die Verliererbranchen des Jahres noch mal ordentlich durchgeschüttelt werden — die zuletzt arg gebeutelten Energieaktien etwa oder auch Rohstoffwerte.

Doch ebenso traditionell steigen die Kurse in der zweiten Dezemberhälfte wieder an. Positiv stimmt hier, dass trotz der insgesamt etwas überkauften Lage Otto Normalanleger in den USA nach Daten des Direktbrokers Ameritrade immer noch recht verhalten agiert und die Rally, die im Oktober ihren Lauf genommen hat, mehr oder weniger verpasst hat. Da gibt es also Nachholbedarf. Und das ist auch wichtig für den DAX, ziehen die Kurse in den USA diejenigen in Deutschland doch meist mit — in welche Richtung auch immer. Einen Haken sollte man an das Jahr also noch nicht machen. Auch wenn es nun doch fast rum ist — da ist durchaus noch etwas mehr drin

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Vergeblich pfeifende Spatzen

Manchmal funktionieren simple Regeln an der Börse nicht. Etwa die von „Kauf das Gerücht, verkauf die Nachricht“. Beim Rutsch des Ölpreises war das so. Mit Folgen auch für die Aktienmärkte

Normalerweise läuft es an der Börse ja nach dem simplen Muster „Buy the rumour, sell the news“, also: Kaufen, wenn Gerüchte aufkommen, und verkaufen, wenn sie sich bewahrheiten. Entsprechend andersherum, wenn es um negative Gerüchte geht — dann wird erst verkauft und die Position glattgestellt, wenn die Unkenrufe sich tatsächlich als richtig herausgestellt haben. Vergangene Woche jedoch wurde vom üblichen Muster abgewichen. Nach dem Treffen der OPEC-Bosse am Donnerstag in Wien kam der Ölpreis erneut enorm unter Druck, nachdem er ja schon seit Wochen kräftig gefallen war. Dabei hatten es die Spatzen doch längst von den Wiener Dächern gepfiffen, dass das wohl nichts wird mit einer Verknappung des Ölangebots, um den Preis wieder nach oben zu treiben. Und so kam es denn auch. Wie erwartet eben.

Trotzdem wurde verkauft. Und auch noch recht wahllos. An den Terminmärkten rutschten die Futures-Preise für die unterschiedlichsten Ölsorten ebenso in den Keller wie an den Aktienmärkten die Kurse für die Ölunternehmen — egal, ob es sich um integrierte Großkonzerne handelt, die alles unter einem Dach vereinen, von Förderung und Verarbeitung bis hin zur Vermarktung, ob Raffinerien, ob Bohrunternehmen, ob Ausrüster oder ob US-Fracking-Gesellschaften — erst mal weg damit, so lautete offensichtlich die Devise.

Normalerweise muss so ein Sell-off erst einmal verdaut werden. Nicht nur im Ölbereich, nein, an den Märkten insgesamt. Aber denkste. Nach kurzer Stagnation zum Wochenschluss ging es ab Dienstag wieder nach oben. Der DAX schaffte es dabei sogar wieder über die scheinbar magische 10000er-Marke.

Klar, der fallende Ölpreis hat ja sein Gutes. Bei den meisten Unternehmen sinken die Kosten, gerade in der Industrie oder im Transportbereich. Die Konsumenten haben mehr Geld in der Tasche, wenn Benzin und Heizkosten billiger werden. Geld, das sie nun anderweitig ausgeben können. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) dürfte ein Preisrückgang beim Rohöl von 30 Prozent für ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent in den meisten Industrieländern sorgen, weil diese überwiegend Öl importieren. IWF-Chefin Christine Lagarde verwies insbesondere auf die USA, Europa, Japan und China.

Das sind gute Vorzeichen für weiter steigende Kurse an den Aktienmärkten. Zum einen sind die Notenbanker insgesamt auf expansivem Kurs, zum anderen passt auch der saisonale Faktor. So haben die Leute vom Datenanbieter McGraw-Hill herausgefunden, dass die Börsen seit 1995 in jedem Dezember Plus gemacht haben, wenn denn der bisherige Jahresverlauf ebenfalls positiv war. Und diese Voraussetzung passt auch für 2014 — weltweit, für den deutschen, den japanischen und den amerikanischen Aktienmarkt. Was soll also noch schiefgehen?

„Buy the rumour, sell the news“. Tja, demnach dürfte man jetzt auch mal Gewinne mitnehmen. Oder das Risiko etwas reduzieren. Es gibt ja auch Risikofaktoren. Russland und Venezuela etwa gehören zu den Ölverlierern. Halten die still? Sinkende Ölpreise bedeuten auch weniger Petrodollar, die bisher die Kurse amerikanischer Staatsanleihen so wunderbar gestützt haben. Wird es da einen Nachfrageknick geben? US-Ölunternehmen sind stark über Junk-Bonds, also Hochzinsanleihen, finanziert. Da könnte es zu Zahlungsausfällen kommen, die den ganzen Junk-Bereich ins Wanken bringen. Und die Notenbanken? Müssen die jetzt ihre Geldpolitik überdenken? Heute tagt die EZB und eigentlich pfeifen die es die Spatzen doch längst von den Dächern, dass ...

Unsicherheit gibt es also zuhauf. Über Korrekturen sollte man sich daher nicht wundern. Insgesamt jedoch sieht es weiterhin gut aus.

Dienstag, 25. November 2014

Was muss, das muss

Es läuft an den Märkten. Die Jahresendrally ist in vollem Gang. Das hat einiges mit EZB-Chef ­Draghi zu tun. Aber auch mit China, mit Japan – und mit positiven Überraschungen.

Das ist richtig gut angekommen an der Börse: „Wir werden tun, was wir tun müssen“, hat Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), vergangene Woche gesagt. Bei Bedarf werde man noch stärker intervenieren und durch Wertpapierkäufe mehr Geld in die Wirtschaft pumpen. Auch durch den umstrittenen Kauf von Staatspapieren. O-Ton ­Draghi: „Ohne unnötige Verzögerung.“

Seither hat der DAX richtig Schub bekommen. Was zu erwarten war. Schon vor der EZB hatten die japanische wie auch die chinesische Notenbank klargemacht, dass man die Konjunktur kräftig stützen will — die Japaner durch eine nochmalige Ausweitung der Geldmenge, die Chinesen durch niedrigere Leitzinsen. Der Effekt: stark steigende Aktienkurse in Asien.

Die Maßnahmen sind auch nötig. Denn im Gegensatz zu den USA, wo die Konjunktur recht ordentlich läuft und die Notenbank Fed schon dabei ist, die expansive Geldpolitik einzuschränken, läuft es in den anderen großen Volkswirtschaften noch unrund. Zudem ist von Inflationsgefahr nichts zu merken. Was erstaunlicherweise nicht allein an den fallenden Energiepreisen liegt — nein, auch die Kerninflationsrate, bei der schwankende Energie- und ­Lebensmittelpreise nicht berücksichtigt werden, ist und bleibt niedrig. Was die OPEC am Donnerstag (dem Erscheinungstag dieser Ausgabe) bei ihrer Sitzung entscheidet, ist daher nicht maßgeblich. Fakt ist: Wenigstens ein Minimum an Geldentwertung wird geradezu herbeigesehnt — in Japan, in Europa. Da darf man als Notenbank gegensteuern, da muss man als Notenbank gegensteuern.

Als Anleger freut man sich und nimmt die Rally mit. Warum sich gegen die Notenbanken stellen? „Don’t fight the Fed“, heißt doch eine alte amerikanische Börsenweisheit. Zumal die Nachrichten aus der Wirtschaft so schlecht nicht sind. In den USA geht es sowohl am Immobilienmarkt als auch am Arbeitsmarkt aufwärts. Ebenso im Einzelhandel — eine erste Einschätzung, wie sich das diesjährige Weihnachtsgeschäft anlässt, gibt es schon zum Wochenschluss, markiert doch der „Black Friday“ (28.11.) den Start der Holiday-Shopping-Saison.

Noch mal zurück zum Thema Inflation: Die dürfte auch in den USA neuesten Berechnungen zufolge nicht signifikant anziehen, was der US-Notenbank weiterhin die Möglichkeit gibt, erst viel später mit Zinserhöhungen zu beginnen als zuletzt vermutet worden war. Viel später. Einige Fed-Mitglieder sprechen von „Ende 2016“.

Eine positive Überraschung das. Und darum geht es an der Börse. Um positive Überraschungen. Und die gibt es tatsächlich auch in Europa, wo zuletzt alles schiefzugehen schien, die Stimmung bei Unternehmern und Konsumenten mau, das Wirtschaftswachstum schwach war. Aber da waren dann eben doch einige unerwartete, positive Nachrichten: fallende Lohnstückkosten in Griechenland, Spanien und Irland etwa. Dazu kommen Unternehmenszahlen, die überzeugten.

Das reicht für steigende Kurse. Im Sog der Wall Street geht es nach oben. Aber wie weit noch? Der eher pessimistische Jeremy Grantham von GMO spricht von 2250 Punkten beim S & P 500. Sam Eisenstadt, der 63 Jahre lang für Value Line Research seine Prognosen erstellte, bevor er 2009 in den Ruhestand ging, und der als einer der besten Analysten aller Zeiten gilt, spricht von 2225 Punkten. Und die Bewertungen? Sind die denn nicht zu hoch? Sind sie nicht. Das KGV der US-Aktien liegt für 2015 bei 16,8 — also etwa auf dem Niveau des langjährigen Schnitts von 16. In einem Niedrigzinsumfeld wäre jedoch ein KGV von 20 durchaus angemessen.

Mittwoch, 12. November 2014

Auf Herbst folgt Frühling


Die scharfe Korrektur vom Oktober ist tatsächlich schon abgehakt. Die Voraussetzungen für eine Jahresendrally sind gut, weil zahlreiche Bedingungen dafür bereits erfüllt sind.

Seit Ende Oktober steigen die Kurse wieder steil an. Und so manch einer, der dem Ganzen in den zurückliegenden Tagen nicht so recht trauen wollte, dürfte sich nun fragen: Soll ich denn jetzt noch einsteigen? Den Zaudernden sei eine Weisheit Warren Buffetts aus dem Jahr 2008 ans Herz gelegt, geäußert kurz bevor die US-Märkte ihren Tiefpunkt erreichten: „Wer auf die Rotkehlchen wartet, wird den Frühling verpassen“, befand Buffett damals. Gemeint hat er natürlich den Börsenfrühling, stand doch damals wie heute rein kalendarisch erst mal der Winter bevor.

Trotzdem dürfte die Schar derer groß sein, die vor einem Einstieg zum jetzigen Zeitpunkt warnen. Zum einen weil in den kommenden Tagen nur wenige Indikatoren und andere börsenrelevante Zahlen und Aussagen anstehen und erfahrungsgemäß gerade die Schwarzseher in solchen nachrichtenarmen Zeiten nur allzu gern ihre düsteren Prognosen abgeben. Und zum anderen weil Anfang Oktober die Kurse nach den panikartigen Verkäufen tatsächlich extrem schnell wieder gestiegen sind — v-förmig, wie es im Börsenjargon so schön heißt — und daher die eine oder andere Konsolidierung in den kommenden Tagen durchaus zu erwarten ist.

Trotzdem sollte man es wohl eher mit Buffetts Rotkehlchen-Ratschlag halten, auch wenn die Kurse derzeit nicht auf einem Tief wie 2008, sondern auf Höchstständen notieren — zumindest in den USA und in Japan. Jedoch sind die Monate November und Dezember aus historischer Sicht schon immer die ertragreichsten für Aktionäre gewesen. Stichwort: Jahresendrally. Und wer will die schon verpasen?

Dass es auch dieses Jahr vermutlich erneut zu besagter Rally kommt, liegt daran, dass das Oktober-Börsengewitter so einiges bereinigt hat, was in den Monaten davor für heißgelaufene Kurse und für immer mehr Stirnrunzeln bei Börsianern gesorgt hatte, und weil sich gleichzeitig ökonomisch wie tatsächlich auch in der verfahrenen Weltpolitik doch das eine oder andere zum Besseren gewendet hat. 

Am Aktienmarkt selbst ist es die Marktbreite, die überzeugt. Das ganze Jahr über war diese immer dünner geworden. Soll heißen: immer weniger Aktien waren Teil der Kursrally. Vor allem die Nebenwerte kamen dabei tüchtig unter die Räder. Das hat sich seit der Oktober-Korrektur wieder ins Gegenteil gewandelt. Die Marktbreite hat zugenommen und nimmt weiter zu. In der Vergangenheit war dies immer ein gutes Indiz für einen anhaltenden Aufschwung an den Märkten.

Natürlich hat der jüngste Kursanstieg viel mit den angekündigten oder bereits angelaufenen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB), der Bank of Japan, aber auch der chinesischen Notenbank zu tun. Diese weiten ihre Geldmengen aus und gleichen dadurch die sinkende Liquidität in den USA aus (wir hatten das an dieser Stelle schon in Heft 35 zur Bedingung für weiter steigende Kurse gemacht).

Doch es wäre falsch, den Grund für die gute Börsenverfassung allein bei den Notenbanken zu suchen. Es sind auch die Konjunkturdaten, die überzeugen — vor allem in den USA, weniger in Europa. Jenseits des großen Teichs etwa die Daten vom Arbeitsmarkt sowie die guten Quartalszahlen der Konzerne. Auch was die Politik angeht, kann man einige Unsicherheitsfaktoren abhaken, etwa die Zwischenwahlen in den USA. Hinzu kommt, dass China und Japan Gespräche über umstrittene Hoheitsgebiete vor ihren Küsten begonnen haben. Negativ bleibt indes, dass der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland alles andere als ausgeräumt ist. 

Vielleicht hilft darüber ein weiterer schlauer Satz hinweg: „Wer die aktuellen Kurse für zu hoch hält, der soll mal in 20 Jahren wiederkommen.“ Das hat zwar nicht Buffett gesagt, es findet sich aber auch auf der langen Liste der Börsenweisheiten.