Montag, 2. April 2012

Was Europa zusammenhält

Lästerliche Gedanken von Nobelpreisträger Robert Shiller: Haben wir die Krise überbewertet?

Das ist ein langer Gastbeitrag des Nobelpreisträgers. Doch er ist gut, ordnet die EU historisch ein und regt zum Nachdenken an ...

Im Original ist der Beitrag am Wochenende bei handelszeitung.ch erschienen

Viele glauben, dass ein Zusammenbruch der Euro-Zone – wenn zum Beispiel Griechenland den Euro abschaffen und zur Drachme zurückkehren würde – ­einem politischen Scheitern gleichkäme und die Stabilität Europas gefährden würde. In ­einer Rede vor dem Bundestag im vergangenen Oktober hat Bundeskanzlerin Angela Merkel deutliche Worte gefunden: "Niemand sollte glauben, dass ein weiteres halbes Jahrhundert Frieden und Wohlstand in Europa selbstverständlich ist. Es ist es nicht. Deshalb sage ich: Scheitert der Euro, dann scheitert Europa. Das darf nicht passieren. Wir haben eine historische Verpflichtung, das Einigungswerk ­Europas, das unsere Vorfahren nach Jahrhunderten des Hasses und des Blutvergiessens vor über 50 Jahren auf den Weg gebracht haben, mit allen uns zur Verfügung stehenden verantwortbaren Mitteln zu verteidigen und zu schützen. Die Folgen, wenn das nicht gelänge, kann niemand von uns absehen."
 
Europa hat seit dem Beginn der Renaissance Mitte des 15. Jahrhunderts über 250 Kriege erlebt. Somit ist es nicht Schwarzmalerei, wenn man Sorgen über den Erhalt des Gemeinschafts­gedankens äussert, an dem sich Europa in den vergangenen 50 Jahren erfreute. In einem faszinierenden, aber weitgehend übersehenen Buch "How Enemies Become Friends" untersucht Charles A. Kupchan anhand von zahlreichen historischen Fallstudien, wie es Nationalstaaten mit einer langen, konfliktreichen Geschichte letztlich gelungen ist, feste und friedfertige Freundschaften einzugehen. Zu seinen Beispielen zählen die Schweizerische Eidgenossenschaft (1291–1848); die Entstehung des Irokesenbundes etwa ein Jahrhundert vor der Ankunft der ersten Europäer in Amerika; die Gründung der Vereinigten Staaten (1776–1789); die Vereinigung Italiens (1861) und Deutschlands (1871).
Kupchan erläutert ebenso einige bemerkenswerte Fälle, in denen Freundschaften in die Brüche gegangen sind: Den Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten (1861–65); das Ende der Anglo-Japanischen Allianz (1923); den Zusammenbruch der chinesisch-sowjetischen Beziehungen (1960); die Auflösung der Vereinigten Arabischen Republik (1961) und den Ausschluss von Singapur aus der Föderation Malaysia (1965).

Eine gemeinsame Währung wird von Kupchan an keiner Stelle als Voraussetzung für freundschaftliches Einverständnis zwischen Nationen erwähnt. Tatsächlich ist wirtschaftliche Integration eher eine Folge und keine Vorbedingung für das Erreichen politischer Einheit. Für den Autor stellt vielmehr diplomatisches Engagement das entscheidende Element für strategische Übereinkünfte und gegenseitiges Vertrauen dar. Diese können einfacher erreicht werden, wenn die Staaten über ähnliche Gesellschaftsordnungen und ethnische Zugehörigkeiten verfügen.

Dennoch legt Kupchans Analyse nahe, dass eine gemeinsame Währung Staaten beim Aufbau dauerhafter Freundschaften unterstützen kann. Er erörtert, dass der Aufbau von Freundschaften besonders gesichert ist, wenn sich eine "Geschichte" etabliert, die Identitäten verändert und das Gefühl aufkommen lässt, dass die Nationen wie Mitglieder einer Familie sind. Eine gemeinsame Währung kann dazu beitragen, eine solche Geschichte zu erzeugen.

So wird etwa im Gründungsmythos des Irokesenbundes die Geschichte eines grossen Kriegers und hervorragenden Redners namens Hiawatha erzählt, der gemeinsam mit dem geheimnisvollen Deganawidah umherreiste und die Vereinbarungen aushandelte, die den Bund der Irokesen begründeten. Er setzte sich für die Einführung neuer Kondolenzzeremonien ein, die an verstorbene Krieger gedenken und nicht zuletzt an die Stelle von Kriegen treten sollten. Die neue "Geschichte" wurde durch fassbare Symbole in Form von Gürteln aus Wampun-Perlen bekräftigt, dem Zahlungsmittel der Irokesen, ähnlich einer Währung oder einer Fahne. Ein Hiawatha-Gürtel enthält Symbole der fünf Nationen – Seneca, Cayuga, Onondaga, Oneida und Mohawk –, ähnlich wie die Sterne auf der Flagge der USA die einzelnen Bundesstaaten symbolisieren.

Flaggen mögen zwar ein inspirierendes Symbol einer gemeinsamen Bestimmung sein, doch die meisten von uns tragen sie nicht herum. Viele stellen sie niemals zur Schau, ausser vielleicht bei grossen Sportveranstaltungen. Ihr Ursprung als militärisch genutzte Feldzeichen kann unangenehm aggressiv wirken. Die Europäische Union hat zwar eine Flagge, aber ausser an Regierungsgebäuden der EU bekommt man sie kaum zu Gesicht. Im Jahr 1910 hat ein britischer Schullehrer diese Empfindung treffend zum Ausdruck gebracht: "Dem Mann, der über Patriotismus und Imperialismus spricht, begegnen wir ebenso mit Argwohn wie demjenigen, der über Religion oder eines der anderen Dinge redet, denen der höchste Wert im Leben zukommt. Wir halten ihn entweder für einen Schwätzer oder für einen Hohlkopf, dem entgangen ist, dass sich das, was am tiefsten ist, mit Worten nicht ausdrücken lässt."

Eine Landeswährung, die wir bei jedem Bargeldeinkauf hervorholen, erweckt keinen solchen Argwohn. Eine Währung fungiert als ständige, wenn auch latente Erinnerung an Identität. Bei ihrer Benutzung erlebt man die psychologische Erfahrung, mit anderen an einem gemeinsamen Unterfangen teilzuhaben, und entwickelt somit Vertrauen sowohl in das Unterfangen als auch in die anderen Teilnehmer.

Bei jeder Währungsunion werden für Münzen und Banknoten Symbole ausgewählt, die gemeinsame kulturelle Werte repräsentieren, und diese Symbole werden Bestandteil eines Gefühls der gemeinsamen Identität. Die Gesichter auf den Geldscheinen werden uns ähnlich vertraut wie Familienangehörige und erzeugen das, was der Politikwissenschaftler Benedict Anderson als "vorgestellte Gemeinschaft" bezeichnet hat, die einem Gefühl der nationalen Identität zugrunde liegt und es aufrechterhält.

Auf den Euro-Banknoten sind stilisierte Brücken aus verschiedenen Epochen in Europa abgebildet – und keine tatsächlich existierenden Bauwerke, die auf eine Bevorzugung einzelner Länder schliessen lassen könnten. Trotzdem bleiben die Brücken Symbole europäischer Kultur, die vermutlich von allen Europäern geteilt wird. Moderne Technologien werden nicht allzu bald dazu führen, dass Geldscheine und Münzen abgeschafft werden Es bleibt also noch viel Zeit, Nutzen aus dem symbolischen Wert einer gemeinsamen Währung zu ziehen. Selbst wenn es zu einem Zusammenbruch der Euro-Zone kommen sollte, könnte jedes europäische Land eine unterschiedliche Währung einführen und trotzdem gemeinsame Symbole beibehalten. So könnte es beispielsweise einen griechischen Euro geben, einen spanischen Euro und so weiter. Auf den Geldscheinen könnten sogar die gleichen Brücken abgebildet sein.

Sogar im elektronischen Zahlungsverkehr sollte es möglich sein, Symbole für Frieden, Vertrauen und Einheit zu schaffen. Wenn Europa diese Symbole lebendig halten kann, hätte nicht einmal ein Zusammenbruch der Euro-Zone die fatalen politischen Folgen für Europa, die so viele prophezeien.

Robert Shiller ist Professor für Wirtschaft an der Yale ­University

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