Freitag, 11. Mai 2012

"Hype um den Crash"

Ich hatte das Vergnügen, Michael Pettis zu interviewen. Der Finanzprofessor erwartet radikale Umwälzungen in China. Vielleicht schon im Oktober, wenn Peking einen neuen Präsidenten und Premierminister ernennt.

Das Interview erscheint morgen (11. Mai) in der neuen €uro am Sonntag ...

Für meine treuen Leser gibt es den Text aber schon vorab. Bitteschön ...

Eigentlich sollte es nur ein Intermezzo sein. Zwei Jahre wollte Michael Pettis in Peking bleiben, inzwischen sind es zehn geworden. „Und ich habe keine Pläne, dass das in der nahen Zukunft anders wird, sagt er.

Der 53-jährige Wirtschaftswissenschaftler, der Ende der 80er-Jahre als Investmentbanker bei JP Morgan und Bear Stearns angefangen hat, ist zu einer Institution in Sachen China geworden. Sein Spezialgebiet „Chinesischer Finanzmarkt hat ihm Lehraufträge der Tsinghua-Universität und der Guanghua School of Management, einer Pekinger Elite-Universität, eingebracht. Dazu kommen zahlreiche Auftritte an den großen Wirtschaftsuniversitäten der Welt sowie in den Börsenprogrammen von CNBC und BloombergTV.

Dass er so richtig in Peking verwurzelt ist, hat aber auch viel mit seinem Steckenpferd zu tun: Pettis ist großer Musikfan und hat im Studentenviertel Haidian den Musikklub D-22 aufgemacht, wo er abends oft hinter dem Tresen steht, während auf der winzigen Bühne der chine-sische Rock- und Punkmusik-Nachwuchs sein Bestes gibt. Dass er deswegen bisweilen als Punk-Professor bezeichnet wird, behagt ihm aber nicht. „Manche Reporter mögen das eben. Die denken sich, da ist der Professor, der im zerrissenen Shirt mit Investoren und Regierungsvertretern über Handel und Notenbank-politik spricht, und dabei pausenlos auf den Boden spuckt. Das ist ein wenig albern. Der Mann ist vielbeschäftigt. Neben dem Klub kümmert er sich auch noch um sein 2007 gegründetes CD-Label Maybe Mars. „Das zweitgrößte Indie-Label in China", betont er.

Pettis hat mit uns über die Sorgen um die chinesische Wirtschaft gesprochen. Und auch hier gefällt ihm die Schwarz-Weiß-Malerei vieler Beobachter nicht. „Als ob es neben Crash und Hype keine anderen Möglichkeiten gäbe.


Michael, Sie sind seit zehn Jahren Professor an chinesischen Hochschulen, unterrichten die besten Studenten des Landes. Was läuft dort anders als in den USA oder Europa?
Es gibt natürlich Unterschiede, aber keine, mit denen man nicht umgehen könnte. Das chinesische Bildungssystem basiert stark auf Auswendiglernen, auf Prüfungen und Tests. Das ist meiner Meinung nach ungeeignet für sehr intelligente Studenten. Ich lasse sie daher viel selbst organisieren und bin eher Moderator.

Sie gelten als kritischer Beobachter der chinesischen Wirtschaft. Wie gehen Ihre Studenten damit um?
Interessanterweise sind viele chinesische Wissenschaftler wesentlich kritischer und besorgter als ich es bin. Diese Haltung zeigt sich auch bei meinen Studenten, wo es einen leidenschaftlichen Diskurs zwischen Moderaten und Kritikern gibt. Die Qualität und Offenheit der Debatten sind für viele Beobachter aus dem Ausland überraschend.

Wie stark unterscheidet sich der chinesische Kapitalismus denn vom westlichen Kapitalismus?
Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Es gibt hier Aspekte, die Wachstum fördern, und Aspekte, die das Gegenteil bewirken und dadurch Schulden verursachen und Konsum verhindern. So chinesisch ist das System ohnehin nicht. Man kann Vergleiche ziehen zum sowjetischen Modell in den 50ern und 60ern, zu Brasilien in den 60er- und 70er-Jahren und zu Japan in den 80er-Jahren.

Sollten wir uns Sorgen machen, dass Chinas Wirtschaftswachstum zuletzt bei nur 8,1 Prozent lag?
Die Angst war ja, dass es sogar nur 7,5 Prozent oder noch weniger sein könnten. Aber letztlich ist es eben so, dass Peking die Wachstumsziele immer erreicht, solange in Kauf genommen wird, dass dies höhere Schulden mit sich bringt. Schulden, die übrigens alle belasten. Unternehmen, weil sie sich durch verlockend niedrige Zinsen zu viel aufbürden, Private, die am Immobilienmarkt spekulieren, die lokalen Regierungen, die unsinnige Projekte vorantreiben. Eine Änderung und Neuausrichtung wird es da frühestens geben, wenn die alte Führung abtritt.

Und wie bekommt Peking dieses Wunschwachstum hin?
Das ist nicht schwer. Man erhöht die Investitionen und erhält so auf die Schnelle kräftigeres Wachstum. Das geht in China sehr gut, weil die Zinsen künstlich niedrig gehalten werden. Die Wirtschaft wächst also auf Pump, was dann problematisch wird, wenn die Schulden durch faule Kredite schneller anwachsen als die Fähigkeit der Schuldner, sie zurückzuzahlen.

Sie sagten, es könnte zu einer Neuausrichtung der Wirtschaft kommen, wenn im Oktober ein neuer Präsident und ein neuer Premier ernannt werden.
Ja, aber es ist schwer, da eine Prognose abzugeben. Es hängt davon ab, ob die Reformer in der Partei in der Lage sind, die anderen Delegierten davon zu überzeugen, dass Chinas Weg nicht nachhaltig ist.
Dann wird sich am Pekinger Wachstumsziel in diesem Jahr wohl nichts ändern?
Ich glaube nicht, dass das Wachstum in diesem Jahr auf unter acht Prozent sinken wird, es sei denn, es gibt ein externes Ereignis, vielleicht in Europa, das für Turbulenzen sorgt.

Zu Jahresbeginn klangen Sie weit pessimistischer.
Das ist nicht ganz richtig, aber es zeigt das Problem der Berichterstattung über China. Einem Analysten werden eigentlich nur zwei Meinungen zugestanden. Er soll entweder einen Crash vorhersagen oder weiterhin fulminantes Wachstum. Aber ein ernsthafter Analyst kann im Fall von China weder die eine noch die andere Extremposition vertreten. Ich habe jedenfalls gesagt, dass sich Chinas Wachstumsraten deutlich verlangsamen werden, wenn das Land wirklich damit beginnt, die Wirtschaft neu auszubalancieren. Dann sind auf Sicht von einem Jahrzehnt wohl nicht mehr als drei Prozent Plus pro Jahr drin. Das wird aber unter der alten Führung keinesfalls passieren. Und auch nicht sofort nach dem Wechsel. Das ist auch eine Mentalitätssache: Die amtierende Führungsriege kann nicht abtreten, wenn auch nur ein Schatten auf ihre wirtschaftlichen Erfolge fällt.

Aber eine Abkehr von der Exportlastigkeit wird kommen?
Ja. Die Frage ist nur, wann. Mit einem solchen Paradigmenwechsel würde wohl der Abschwung kommen. Je später der Wechsel kommt, vielleicht erst 2014 oder 2015, desto schmerzhafter wird es jedoch, Fehlentwicklungen zu korrigieren. Das weiß man inzwischen auch in Peking. Übrigens, wenn ich glaube, dass das Wachstum in diesem Jahr bei acht Prozent liegen wird, ist es nicht, weil ich optimistisch bin. Es ist, weil ich pessimistisch bin. Hohes Wachstum in diesem Jahr ist für China mittelfristig schlecht, da es nur durch den übermäßigen Anstieg der Verschuldung erreicht wird.

Wer zahlt dann letztlich die Zeche?
Mehr Verschuldung bedeutet mehr Druck auf die Einkommen der privaten Haushalte. Wenn der Anteil des Einkommens der privaten Haushalte an der gesamten Wirtschaftsleistung dadurch gezwungenermaßen sinkt, werden die Ungleichgewichte nur noch größer.

Wird auch die Inflation in China zum Problem? Immerhin liegt sie etwa bei fünf Prozent.
Die Beziehung zwischen Geldpolitik und Inflation in China wird komplett falsch verstanden. Die Lockerung der Geldpolitik erhöht nicht den Inflationsdruck in China. Das Gegenteil ist der Fall, weil alles in die In-vestitionen fließt und die privaten Haushalte gar nichts davon haben. Die Geldpolitik ist gut für das Wachstum, aber schlecht für den Konsum und dadurch schlecht für die Aus-balancierung der chinesischen Wirtschaft insgesamt. Meine Vermutung ist daher, dass die Inflation in diesem Jahr auf keinem Fall aus dem Ruder laufen wird.

Was ist mit der immer wiederkehrenden Forderung des Westens nach einer stärkeren Landeswährung Yuan?
Die Liberalisierung der Währung geht viel zu langsam voran. Ich bin immer ein wenig verwundert, wie euphorisch im Westen darauf reagiert wird, wenn Peking mal wieder etwas mehr Schwankung beim Wechselkurs zulässt. Letztlich bedeutet das alles nichts. Es sind keine radikalen Veränderungen. Der Unterbewertung der Währung wird -ohnehin zu viel Bedeutung eingeräumt. Unterm Strich sind es die niedrigen Zinsen, die mehr mit Chinas Handelsbilanzüberschuss zu tun haben als die schwache Währung.

Mal angenommen, Sie wären im Oktober dabei und dürften Berater der Regierung spielen. Was würden Sie den Herren raten?
Ich würde Peking und den lokalen Regierungen raten, mit aller Macht Vermögenswerte zu privatisieren — auch Ackerland. Der Erlös müsste an die privaten Haushalte verteilt werden. Denn der Schlüssel für eine Neuordnung der Wirtschaft ist, den Anteil des privaten Verbrauchs an der Wirtschaft zu erhöhen. Und der einzige Weg, das zu tun, ist, die Einkommen der privaten Haushalte zu erhöhen. Reichtum muss vom Staat an die privaten Haushalte übertragen werden. Das ginge dann zwar eine gewisse Zeit zulasten des Wachstums. Wir müssten aber dennoch keine sozialen Unruhen befürchten, weil durch die Umverteilung die Haushaltseinkommen deutlich schneller wachsen würden als das Bruttoinlandsprodukt.

Multi-kulturelles Multi-Talent 
Der Mann ist ein wahrer Erdenbürger. Michael Pettis wurde 1959 in Spanien als Sohn eines Amerikaners und einer Französin geboren. Er wuchs vor allem in Spanien, Pakistan, Peru und Haiti auf. 1975 begann er sein Studium an der Columbia-Universität in New York („Meine absolute Lieblingsstadt“). 

Schwerpunkt seiner Wall-Street-Karriere war der Handel mit Anleihen südamerikanischer Staaten. 2001 machte Pettis Schlagzeilen, weil er den Kollaps der Finanzmärkte in Argentinien punktgenau voraussagte. Seit 2002 lebt und lehrt er in China. Sehr lesenswert ist sein Weblog www.mpettis.com

Seine Meinung zu China-Aktien: „Zwischen Wirtschaftswachstum und Börse gibt es in China keinen echten Zusammenhang.“

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