Mittwoch, 1. August 2012

"Euro-Dollar-Parität weit entfernt"

Bleibt Griechenland in der Eurozone? Wird der Dollar gegenüber Europas Gemeinschaftswährung immer stärker? Und was hätte das für Folgen für den Franken? Thomas Flury, Leiter Devisenstrategie der UBS Schweiz, im Interview (mit einem Dankeschön an die Partner-Redaktion handelszeitung.ch)

Ist eine grosse europäische Finanzkrise überhaupt noch abzuwenden?
Europa ist definitiv noch nicht über den Berg. Die Unsicherheit gegenüber dem politischen Prozess bleibt gross. Am meisten Erfolg verspricht eine Entflechtung der Verpflichtungen von Banken von den Verpflichtungen der Staaten. Der Weg hierfür, sprich der Weg zu einer glaubwürdigen, schlagkräftigen zentralen europäischen Bankenaufsicht ist noch nicht verbaut.

Heisst also zusammengefasst ...
... ja, die Finanzkrise ist noch abzuwenden. Zudem hat die EZB auch noch ein Wort mitzureden, wie die verbalen Interventionen von EZB-Präsident Draghi am heutigen Donnerstag gezeigt haben.

Ihre persönliche Prognose: Bleibt Griechenland in der Eurozone?
Ich rechne für dieses Jahr nicht mit einem Austritt. Darüber hinaus wird die Prognose aufgrund der Polarisierung der Politik in Griechenland zunehmend schwieriger. Das Schlimme ist, dass ein Austritt nicht zur Lösung beitragen würde, sondern der Anfang von viel grösseren Schwierigkeiten darstellen würde.

Ein beengendes Szenario.
Die griechische Regierung hat auf sich alleine gestellt ja gar nicht die Mittel, um eine vertrauenswürdige neue Währung aufzubauen. Zudem wäre die Signalwirkung auf die anderen Mitglieder der Eurozone verheerend.

Mit welchen Folgen?
Unser Basisszenario für Europa ist ein anhaltender Prozess von sich durchwursteln unter Vermeidung von den im Prinzip nicht notwendigen Konkursen ...

Mehr nach dem Break ...

Ist die Euro-Dollar-Parität plötzlich möglich?
Einen Rückgang von Euro-Dollar in Richtung Parität sehen wir nur bei einer unerwartet massiven Eskalation der Schwierigkeiten in Europa. Im Rahmen der von uns erwarteten Szenarien ist die Euro-US Dollar-Parität weit entfernt. Ich sehe auch natürliche Grenzen im Rückgang vom Euro-Dollar Kurs: Bei einer Verschärfung der Lage in Europa wird die amerikanische Geldpolitik mit der Notenpresse einen Schutzschirm aufbauen. Zudem setzt die amerikanische Arbeitsmarkt- und Schuldenpolitik der Dollarstärke klare Grenzen.

Falls es doch so weit kommt – wäre ein schwächerer Euro überhaupt so schlecht?
In diesem Fall wäre der Kursrückgang auch hilfreich, um die Wettbewerbsfähigkeit von Europa zu verbessern.

Was hätte das für Auswirkungen auf den Franken?
Der Franken würde sich gegenüber dem US-Dollar abschwächen. Das wäre im Krisenfall wahrscheinlich auch gerechtfertigt und würde krisenbedingte Deflationsgefahr eindämmen. Aufgrund der aktuellen Überbewertung des handelsgewichteten Frankens wäre eine Abwertung eigentlich nur zu begrüssen.

Ist es im schlimmsten Fall – bei einer weiteren Eskalation – überhaupt möglich, den Euro-Franken-Mindestkurs von 1,20 aufrecht zu erhalten?
Gerade im schlimmsten Fall ist es notwendig, die Kursuntergrenze aufrecht zu erhalten. Die Kursuntergrenze wendet die spekulative Nachfrage nach Franken ab, also diejenigen Anleger die auf Kurssprünge setzen. Die Nationalbank (SNB) hat da gar keine Wahl im Rahmen ihres Zieles, die Preise stabil zu halten. Liesse sie den Franken aufwerten, würden die Deflationsgefahren in der Schweiz steigen. Sie müsste wieder mit Interventionen eintreten – nur wären dann die Kosten viel höher als heute.

Kann die SNB ihre Ankündigung, unlimitiert Devisen zu kaufen, dann noch einhalten?
Bei extremen Marktverwerfungen besteht natürlich das Risiko, dass die Devisenkäufe der Nationalbank auf ein absurd hohes Niveau steigen könnten. In dem Falle rechnen wir aber eher mit Begleitmassnahmen in Form von Negativzinsen und Kapitalverkehrskontrollen als einem Nachgeben der Kursuntergrenze. Solche Massnahmen wären zwar schädlich für unsere Wirtschaft, aber schätzungsweise weniger schlimm als eine massive Aufwertung des Frankens.

Was muss passieren, damit sich der Euro-Kurs wieder erholt? Ist das überhaupt möglich oder muss man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die europäische Einheitswährung auf Dauer schwach bleibt?
Gegenüber dem Franken wird der Kurs wohl lange Zeit bei 1,20 verharren. Bestenfalls, also bei einer Entspannung in Europa, wird er vielleicht Richtung 1,25 wandern. Die Nationalbank wird aber die Entspannung für den Abbau von Devisenbeständen nutzen müssen. Das heisst, sie wird sobald wie möglich Devisen kaufen und dem Markt Franken entziehen.

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