Dienstag, 27. November 2012

Selektive Wahrnehmung und steigende Börsenkurse

Da stimmt doch was nicht in den USA. Fröhliche Shopaholics auf der einen Seite – und das nicht erst seit dem Schlussverkaufs-Wahnsinn am Thanksgiving-Wochenende. Und bestenfalls unsichere Unternehmer auf der anderen Seite.

Fakt ist: Das Verbrauchervertrauen ist seit Beginn des Jahres stetig gestiegen, während der ISM-Einkaufsmanagerindex, der als klassischer Indikator für die Stimmung in der Unternehmenswelt gilt, bestenfalls stagnierte.

Eine seltsame Kluft hat sich da also aufgetan. Wie kommt es nur, dass die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Lage so unterschiedlich ausfallen kann? Und welcher der beiden Indikatoren ist der "bessere", um daraus eine Börsenprognose abzuleiten? Zumindest bisher war es wohl so, dass der steigende Konsum auch für steigende Kurse gesorgt hat (oder doch umgekehrt?). Jedenfalls trägt das "Mehr an Konsum" in den zurückliegenden fünf Quartalen zu jeweils einem Prozentpunkt Wachstum bei.

Zum Vergrößern bitte anklicken, Quelle: Bloomberg

Meine Vermutung: Das Verbrauchervertrauen ist vermutlich deswegen gestiegen, weil sich die Amerikaner reicher fühlen, da die Börsenkurse steigen, da sich die Lage am Immobilienmarkt allmählich beruhigt und da sich die Aussichten am Arbeitsmarkt verbessert haben. Und genau das ist ja im Sinne der US-Notenbank (siehe auch "Der Faktor Hoffnung"). Und dazu müssen nicht einmal die Löhne steigen. Real, also inflationsbereinigt, sind sie nämlich seit 2011 gefallen ...

Zum Vergrößern bitte anklicken, Quelle: Bloomberg

Gleichzeitig bleibt die Stimmung in den Unternehmen verhalten, weil nicht recht klar ist, wie es mit dem Wachstum in China weitergeht und ob die USA ihre hausgemachten Probleme in den Griff bekommen – Stichwort Fiscal Cliff.

Wenn man so will, haben wir es also mit einer Art selektiver Wahrnehmung zu tun. Konsumenten denken, fühlen und handeln lokal, Unternehmen dagegen global.

Nun: "Something' has to give", sagt man in den USA. Längerfristig werden sich die Wahrnehmungen annähern müssen. Unklar scheint indes, wer sich wem annähert ... Oder ist es doch klar? Wie war das doch gleich mit der US-Notenbank?

Kommentare:

  1. Verbrauchervertrauen und Unternehmerstimmung sind beides weiche Faktoren und daher wenig zuverlässig, um die Zukunft vorherzusagen. Sie können sich ändern wie die Laune der Menschen.

    Arbeitslosenzahlen, Inflation, Lohnanstieg, BIP - das sind hingegben die harten Faktoren, die die Richtung am Ende tatsächlich bestimmen.


    Und hier noch was für Ihre Presseschau:

    "Marc Faber: Alle Banker gehen ins Bordell"
    http://www.dasinvestment.com/nc/finanzboulevard/news/datum/2012/11/26/marc-faber-alle-banker-gehen-ins-bordell/

    :-)

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  2. Nun ja, die "weichen" Faktoren spiegeln ja durchaus die "harten" Faktoren wieder ...

    Marc Faber ... schonungslos wie immer. Interessant, das im horizontalen Bereich Griechenland immer noch teuer zu seins scheint ... Anyway!

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  3. Vielen Dank für diesen Artikel.

    Besonders spannend finde ich deine zweite Abbildung und den dargestellten Vergleich - sehr aufschlussreich!

    Danke
    Marcus

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  4. Update: US-Verbrauchervertrauen steigt im November auf 73,7 Punkte nach 73,1 Punkten im Oktober. Höchster Stand seit Februar 2008.

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