Mittwoch, 14. November 2012

Weniger (Geld) wäre mehr (gewesen)

Klaus Wellershoff und der seltsame Glaube an rezessionsfreies Wachstum – ein Gastkommentar von einem meiner Special Friends (am Wochenende bei handelszeitung.ch erschienen, dank Verlagskooperation nun auch bei mir).

Die Quintessenz gleich vorneweg: "Es ­gehört nicht viel Phantasie dazu, zu erkennen, dass ... mit grosser Wahrscheinlichkeit die Wirkung des Politikeingriffs mittlerweile asymmetrisch geworden ist: Einem kurzfristigen Vorteil stehen langfristig hohe Kosten gegenüber. Damit gilt sowohl für die Fiskal- als auch die Geldpolitik: Weniger wäre mehr gewesen!"

Hier der ganze Beitrag:

Amerika hat gewählt. Nach Monaten des teilweise sehr polarisierenden Wahlkampfs kann sich die Politik nun wieder den wirklichen Prob­lemen des Landes zuwenden. In wirtschaftlicher Hinsicht scheint vor allem die Frage im Raum zu stehen, wie die Amerikaner mit ihren komplett aus dem Ruder gelaufenen Staatsfinanzen fertigwerden.

In den zwölf Jahren, die seit der Jahrhundertwende verstrichen sind, hat das Land zwei Rezessionen und eine zunehmend auf Konfrontation ausgerichtete Wirtschaftspolitik der beiden grossen Parteien gesehen. Während die Republikaner sich darauf versteiften, dass Wirtschaftspolitik vor allem Steuersenken bedeutet, fokussierten sich die Demokraten nach dem Wahlsieg Obamas vor vier Jahren auf die Einführung einer Krankenversicherung für alle. In einem Punkt waren sich beide Parteien einig: Rezessionen darf es keine geben. Um dieses Ziel zu erreichen, war jedes Mittel recht. Budget­defizite und Zinssenkungen waren die Massnahmen, mit denen die Politik die Machbarkeit dieser Vorstellung beweisen wollte.
Schon seltsam eigentlich, dass man an so ­etwas wie rezessionsfreies Wachstum glauben kann. Historische Evidenz gibt es für eine solch stetige Entwicklung zumindest keine. Vielleicht haben die Politiker ihren Wahlkampfreden am Ende selber Glauben geschenkt. Werden doch die Regierenden jeglicher Couleur und Nationalität nicht müde, über die vielen Arbeitsplätze zu reden, die sie angeblich geschaffen haben. Dabei entstehen Arbeitsplätze doch in den ­Unternehmen.

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Stabilisierung der Konjunktur über die Staatshaushalte zwar kurzfristig gelingen kann, langfristig aber ein Verlustgeschäft ist. Das rührt zum einen daher, dass Wachstum immer ein Jahresratenvergleich ist. Man vergleicht das heutige Einkommen mit dem des Vorjahres. Die Ausweitung von Staatsausgaben oder das Senken von Steuern erzeugen zwar Wachstum, denn beide Massnahmen führen meist auch zu mehr Nachfrage, mehr Absatz und damit zu mehr Einkommen. Gleichzeitig führen höhere Staatsausgaben oder sinkende Steuern aber zu steigenden Budgetdefiziten. Das Dumme an der Geschichte ist, dass die Mehrnachfrage zwar in einem Jahr mehr Einkommen schafft, dass die Defizite dann aber permanent bleiben.

Natürlich lassen sich Defizite auch wieder reduzieren. Die Folge davon ist aber unweigerlich – ob Juristen wie Frau Lagarde es wahr­haben wollen oder nicht –, dass das Volkseinkommen sinkt. Jetzt könnte man immerhin noch einwenden, dass man durch geschickte Veränderungen im Budgetdefizit Wachstum stetiger gestalten könnte. Der Staat gibt in schlechten Zeiten mehr Geld aus und macht Schulden. In guten Zeiten werden diese dann zurück­bezahlt. Das klingt nach einem bestechenden Konzept, ist aber auch zu einfach gedacht.

Leider kann man eben heute nicht mehr ­guten Gewissens behaupten, dass die Effekte einer solchen Politik neutral sind. Immerhin mussten die Politiker jüngst lernen, dass die Ausweitung ihrer strukturellen Budgetdefizite in der Vergangenheit zwar Wachstum gebracht hat, dass dies aber keinesfalls im Verhältnis eins zu eins geschehen ist. Nimmt man die acht wichtigsten Industrienationen als Massstab und betrachtet man die letzten zwanzig Jahre, dann hat eine Ausweitung des Strukturdefizits um 1 Prozent des Volkseinkommens nur 0,5 Prozentpunkte Wachstum gebracht. Ganz offensichtlich hat es staatliche induzierte Mehrnach­frage zwar gegeben, diese hat aber auch in ­Teilen private Nachfrage verdrängt.

Bei der Rückführung der Defizite, wie jüngst in der Euro-Zone, waren die Effekte aber dann in der kurzen Frist leider doch eins zu eins. Mit anderen Worten: Die Stimulierungsversuche sind teilweise verpufft, die Konsolidierungsversuche schlugen jedoch voll durch. Die Summe der Konjunktureffekte ist also eindeutig negativ gewesen. Da während der ganzen Zeit auch noch die Verschuldung stieg, wird deutlich, ­warum mittlerweile auch hartgesottene linke Ökonomen kaum noch an die Effizienz fiskalpolitischer Massnahmen zur Bekämpfung von Rezessionen glauben mögen.

Interessant erscheint, dass der gleiche naive Glaube, der manchem Beobachter einst die ­Fiskalpolitik so problemlos erscheinen liess, sich heute immer noch auf die Auswirkungen der Geldpolitik erstreckt. Dabei weisen alle ­empirischen Untersuchungen darauf hin, dass die jüngsten Versuche der Notenbanken der ­Industrienationen, die Konjunktur zu beschleunigen, erfolglos geblieben sind. Nullzinsen und massive Aufkäufe von Staatsanleihen haben in den Industrienationen bestenfalls vermocht, die Wachstumsraten nicht komplett in den ­roten Bereich abgleiten zu lassen.

Wer heute von den negativen Seiten dieser Politik spricht, wer sich Gedanken darüber macht, ob und wie viel Inflation letztlich aus den gestiegenen Geldmengen resultiert, wird meist mit den Worten abgespeist, dass die Zentralbanken schon rechtzeitig die Geldmenge wieder zurücknehmen werden. Welche Kosten das aber haben wird, darüber wird überhaupt nicht gesprochen. Der Wirtschaft in grossem Umfang Geld zu entziehen, heisst nach unserem heutigen Wissensstand, dass die Zinsen deutlich steigen werden.

Wer glaubt, dass Zinssenkungen Wachstum bringen, muss wohl auch annehmen, dass Zins­erhöhungen Wachstum kosten. Wie viel Wachstums- und Arbeitsplatzverlust das bedeutet, wissen wir nicht genau. Dass steigende Zinsen aber auch implizieren, dass unsere ­Vermögenswerte sinken, ist dagegen sicher. Es ­gehört nicht viel Phantasie dazu, zu erkennen, dass auch hier mit grosser Wahrscheinlichkeit die Wirkung des Politikeingriffs mittlerweile asymmetrisch geworden ist: Einem kurzfristigen Vorteil stehen langfristig hohe Kosten gegenüber. Damit gilt sowohl für die Fiskal- als auch die Geldpolitik: Weniger wäre mehr gewesen!

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen.

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