Dienstag, 4. Dezember 2012

Seltsamer medialer Shit-Sturm

Es war kurz nach den US-Präsidentschaftswahlen, als im ARD-Frühstücksfernsehen Moma (das steht für Morgenmagazin) tatsächlich das Thema Fiscal Cliff aufgegriffen wurde. Da gab es dann drei Minuten Zeit für besorgte Minen, einen Einspieler und etwas Weltuntergangsrhetorik von der Kollegin Anne Gesthuysen, wenn ich mich recht entsinne. Danach durfte der Moma-Sport-Redakteur Peter Großmann etwas Wichtiges zum FC Köln sagen. Vielleicht war es auch Borussia Dortmund; jedenfalls war mit dem Schwenk zum üblichen Themenspektrum die Moma-Welt dann Gott sei Dank wieder heile und damit in Ordnung.

Vergessen habe ich die Anekdote aber nicht, ich bin damals wie heute seltsam berührt davon. Denn es war ja nicht die Moma-Redaktion allein, die sich plötzlich über das Thema hergemacht hat. Egal ob in den USA oder hier, Fiscal Cliff war plötzlich Ursache UND Wirkung allen Übels der Welt im allgemeinen und der Börsenwelt im speziellen. Und ist es immer noch! Für jeden Dax-Wackler und jedes Dow-Minus gibt es nur einen Grund: Das Fiscal Cliff. Ich kann's nicht mehr hören ...

Was für ein seltsamer und plötzlicher medialer Shit-Sturm zu einem Thema, das VOR der US-Wahl doch keine Sau interessiert hat – verzeihen sie die Rhetorik. Die Google-Trends-Grafik zeigt die plötzliche Intensität der Berichterstattung, die zeitweilig nur deshalb zurückging, weil die News um die Sexskandale im US-Militär wichtiger erschienen.

Man könnte indes meinen, dass das mediale Dauerfeuer derzeit etwas nachlässt. Es wäre mehr als angemessen. Denn das Thema ist in meinen Augen weit weniger relevant, als es durch den medialen Hype erscheint. Es geht um 570 Milliarden Dollar, gut, das ist eine Menge Holz. Aber es ist weniger als das TARP-Programm, dass 2009 auf den Weg gebracht wurde, um Wallstreet zu retten. Und es ist weniger als das Obama-Stimulus-Paket.

Ebenfalls wichtig: Die Klippe ist keine Klippe. Die Wirkungen der Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen treten nicht mit einem Schlag – Blaaaam! – am 1. Januar ein, sondern über eine gewisse Zeitspanne. Und dazu kommt, dass wir doch gar nicht einschätzen können, wie diese einzelne Variabel tatsächlich auf das gesamte System einwirkt.

Meine Vermutung: Das Problem um die Fiscal Cliff kostet die USA im kommenden Jahr maximal 0,5 Prozent Wachstum – wenn überhaupt. Denn es wird vermutlich so kommen, wie es immer kommt, wenn sich die Parteien in Washington um den Haushalt streiten: man wird eine Last-Minute-Einigung erzielen.

Fazit: Wenn wir uns schon Sorgen machen um die Börse, dann doch besser darum, dass die Gewinne der Unternehmen zuletzt rückläufig waren ...

(Randnotiz: Wen es genauer interessiert: Es wahr wohl der US-Sender CNBC, der die Kampagne startete. Vielleicht aus Enttäuschung über die Wahlniederlage Romneys?)

Kommentare:

  1. Guter Kommentar.
    Die Fiskalsituation insgesamt ist das Problem. Die Verschuldung insgesamt.

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  2. Guter Kommentar. So sehe ich das auch. Mit der Fiskal Klippe wird nur wieder eine Wortschöpfung durchs Dorf getrieben. Steuererhöhung gab es überall schon immer, und nie führte es zu so einer sinnlosen Verunsicherung wie diesmal.Alles taktische Propaganda von Leuten die daran verdienen.

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  3. So ist es... Nur daß die Medien ja eigentlich immer einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Leitthema und allen übrigen Erscheinungen konstruieren.

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