Dienstag, 18. Juni 2013

Wenn alle gleichzeitig von rechts nach links rennen

Es fällt schon auf: Man liest immer seltener etwas über die Risikoeinstellung der Anleger. Bis Mitte 2012 war der Wechsel zwischen starker Risikoneigung (Risk-on) und starker Aversion (Risk-off) noch ein wichtiger Teil des Vokabulars zur Beschreibung der Marktverfassung (wir hatten das ja auch öfter erwähnt). Der aktuelle Wechsel in der Terminologie unterstreicht tiefer liegende Änderungen im Denken der  Investoren. Dies ist umso auffälliger, als die Unsicherheit über die Richtung des Aktienmarkts zusammenfällt mit der Unsicherheit am Zinsmarkt.

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Die Märkte folgten bis zum Frühjahr weltweit dem gleichen Takt: Aktien, Unternehmensanleihenund andere Risikoanlagen stiegen im Einklang, jedes Mal wenn Entwarnung gegeben wurde, galt:"Risk-on! Bei ungünstigen Nachrichten fielen die risikobehafteten Anlagen im Gleichklang, während die Investoren sich in traditionell sichere Anlagen wie US-Staatsanleihen zurückzogen: Risk-off!

Das passt zur Rhetorik: Im Dezember 2011 wurde in 258 Artikeln in US-Wirtschaftszeitungen das Begriffspaar Risk-on/Risk-off verwendet. In diesem Zeitraum stieg die Korrelation zwischen dem US-Aktienindex S&P 500 und dem Weltaktienindex MSCI World auf sehr hohe 0,74. Das Thema Risk-on/Risk-off hielt sich über das Jahr 2012, ebenso wie die hohe Korrelation zwischen den beiden Indizes. In diesem Jahr ändert sich das radikal: Sowohl die Anzahl der Artikel, die das Begriffspaar Risk-on/Risk-off enthalten, ist gefallen als auch die Korrelation der Indizes. Im Mai erschienen nur 91 Artikel, die die Begriffe enthielten, und die Korrelation zwischen dem S& P 500 und dem MSCI sank auf den tiefsten Stand seit 2008.

Dies deutet auf eine ausgeprägte Veränderung des Markts hin — der Gleichlauf hat abgenommen. In den USA haben sich die Bedingungen so weit verbessert, dass die Zentralbank mittlerweile Überlegungen anstrengt, die Anleihekäufe zurückzufahren. Japans Zentralbank dagegen steckt mitten in einem intensiven geldpolitischen Lockerungsprogramm. Und die Europäische Zentralbank dürfte in den kommenden Monaten ähnlich agieren.

Natürlich ist es leicht, sich Szenarien vorzustellen, in denen das Risk-on/Riskoff- Denken wieder dominiert. Wachstumsprobleme in den USA könnten dafür sorgen. Und ein erneutes Anwachsen der Probleme in Europa. Aber unabhängig von solchen negativen Szenarien, scheint das Investmentklima positiver geworden zu sein. Eine Welt, in der die Investoren nicht alle gleichzeitig von einer Seite des Boots auf die andere Seite rennen, ist jedenfalls weit weniger wackelig.

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