Donnerstag, 4. Juli 2013

„Ohne Moral zerstört sich die Marktwirtschaft selbst“

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin fordert eine Rückbesinnung auf Werte wie Anstand und Wahrhaftigkeit. Vor allem in Banken. Aber auch an den Universitäten.

Aufgezeichnet habe ich das Gespräch vor einigen Tagen. Hier ein Auszug daraus. Das komplette Interview lesen Sie in der kommenden €uro (Erscheinungstag 24. Juli)

© Martin Blümel
Dass sich in Irland Banker über die EU-Hilfen lustig machen, ist nur der jüngste Skandal aus der Finanzwelt? Wie soll man dieser Branche je wieder trauen? 
Die Zitate des Ex-Chefs der Anglo-Irish-Bank David Drumm, die jetzt bekannt wurden, offenbaren einen unglaublichen Zynismus. Sie führen auch die damalige Krisen-Politik als allzu naiv vor. Um da wieder Vertrauen herzustellen, bedarf es der -Fähigkeit zur Selbstkritik. Man muss sich die Frage stellen, welche Art von Unternehmenskultur etabliert ist. Nicht ausnehmen von der Selbstkritik darf sich aber auch die Wissenschaft, wenn sie Generation um Generation in Business-Studiengängen lehrt, dass die beste aller Welten der reine Markt sei, auf dem sich die optimale Verteilung-- -aller Güter einstellt, wenn nur jeder ausschließlich seinen eigene Vorteil sucht. Da wird eine Botschaft vermittelt, die hochgefährlich ist, und die vor allem bei jungen Männern zu einer Charakterdeformation führen kann, die sich dann in den Zentren der Finanzwirtschaft in New York, London oder auch Dublin und Frankfurt auslebt.

(...)

Woher kommt gesellschaftlich betrachtet, diese extreme Risikoneigung?
Es gibt ja nicht ‚den‘ Kapitalismus per se, sondern von Land zu Land höchst unterschiedliche Kompromisse zwischen Staat und Wirtschaft, geprägt vom jeweiligen Verständnis von Staats- und Bürgerinteresse, Kultur, Ökonomie und Markt. Aber spätestes mit Beginn der 90er-Jahre, nach dem Ende des Sozialismus, ist da einiges aus dem Lot geraten. Alle Schranken, Werte und Regeln, die einer Ausbreitung des ökomischen Marktes entgegenstehen, sollten verschwinden. Mit der Folge ökonomischer Destabilisierung und Erosion des sozialen Zusammenhalts der Gesellschaft. Die Märkte müssen aber eingebettet bleiben in Gesellschaft, Kultur und Moral. Wenn sie sich da herauslösen, zerstören sie die Basis des eigenen Erfolgs.

Braucht es eine neue ökonomische Theorie? ... 

Eher eine Rückbesinnung. Ich glaube, dass die Ökonomie als Wissenschaft gut daran tut, die alten Bindungen wieder herzustellen, aus denen sie hervorgegangen ist, als Teil der schottischen Moralphilosophie in Gestalt der Ökonomen und Philosophen John Stuart Mill und Adam Smith. Ökonomie und Philosophie müssen wieder zusammen kommen. Die besten Wirtschaftswissenschaftler der Welt haben diese Tendenz ohnehin, etwa die Nobelpreisträger Amartya Sen, John Harsanyi oder zuletzt Elinor Ostrom.

Also die Krise als Möglichkeit? Die Bereitschaft, Dinge neu zu überdenken, ist da. Das Problem ist: die aktuelle Theorielandschaft ist dürftig. Zurück zu einem Vulgär-Keynesianismus, der im Zweifelsfall den Staat aufbläht und gewaltige Schuldentürme anhäuft, wäre ganz falsch, auch wenn er durch den Nobelpreisträger Paul Krugman einen wortmächtigen Verfechter hat. Was wir brauchen, ist ein vernünftiges Ordnungskonzept. Und wir brauchen ein Ethos, das auf verlässlicher Kommunikation basiert, in der Wirtschaft generell und in der Finanzwirtschaft speziell. Denn gerade dort, wo nicht von Angesicht zu Angesicht kommuniziert wird, sondern wo software-basierte Entscheidungsprozesse in Sekundenbruchteilen ablaufen, ist diese Basis von Wahrhaftigkeit und Vertrauen gefährdet.

Sie spielen auf die Kreditkrise an ... 
Ja. Wo Hypothekenverträge zwischen dem Vertreter der Bank und dem Hausbauer abgeschlossen werden, entsteht im günstigen Fall eine Vertrauenssituation, man sitzt sich gegenüber, informiert wahrheitsgemäß und schaut sich in die Augen. Wenn diese Verträge aber zu Zehntausenden gebündelt und nach Singapur verkauft werden, kann niemand mehr die einzelnen Risiken kalkulieren. Die Bewertung erfolgt in Einschätzung der Bewertung anderer. Das birgt die Gefahr, sich von der Realwirtschaft abzukoppeln, was in Instabilität und Chaos enden kann.

Wie kann man es denn besser machen? 
In meinem Weiterbildungsstudiengang an der LMU gab es gelegentlich eine Art Generationenkonflikt. Da beklagten ältere Manager, dass das Ethos des anständigen Kaufmanns oft nicht mehr gelte. Die jüngeren unter den Studierenden können damit tatsächlich oft gar nichts mehr anfangen. Die sprechen stattdessen von ‚Incentives‘, mit denen man das Verhalten wie gewünscht regeln könne. Und das ist das Problem: Es geht um so etwas Altmodisches wie Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit. Es ist wie beim Arzt: Der Patient muss darauf vertrauen können, dass der Arzt in seinem Interesse therapiert und nicht, damit Gewinn oder Umsatz der Praxis optimiert werden. Ist das nicht so, dann gibt es in Wirklichkeit den Beruf des Arztes nicht mehr. Analog gilt das für die Beratung am Bankschalter. Wer um Rat fragt darf zu Recht erwarten, dass er in seinem Interesse beraten wird und nicht im Interesse der Bank.

Klingt realitätsfern.
Ist es aber eigentlich gar nicht. Moral ist kein fremdes Element in der Ökonomie, auch wenn das manche behaupten. Nein, Kommunikation und Kooperation ist unverzichtbar für den Erfolg eines Unternehmens, eines Marktes, einer Volkswirtschaft, der Weltwirtschaft. Die ökonomische Praxis ist selbst ethisch verfasst. Ich gehe sogar so weit zu sagen, sie ist im Großen und Ganzen intakt. Aber sie erodiert an den Rändern.

(...)

Julian Nida-Rümelin wurde am 28. November 1954 in München geboren. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er bekannt, als ihn Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Kultur-Staatsminister ernannte. Seit 2004 ist er Professor für Philosophie und Politische Theorie an der LMU München, leitet dort den berufsbegleitenden interdisziplinären Studiengang PPW (Philosophie – Politik – Wirtschaft) und das LMU-Ethikzentrum. Der Philosoph hat etliche Bücher veröffentlicht – passend zur Interview-Thematik: „Die Optimierungsfalle. Philosophie einer humanen Ökonomie“ 2011, „Risikoethik“ 2012, sowie „Verantwortung“ 2011. Er leitet das Ethik-Panel der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und -Assetmanagement und ist Mitglied des Integrity Panel der Daimler AG.

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