Dienstag, 18. Februar 2014

Selbstzufriedene (Kurs)Bergsteiger

Wo stehen wir?

Der Januar scheint abgehakt. DAX und Dow Jones sind wieder auf Rekordkurs. Und alles, was uns Börsianern vor wenigen Wochen noch Sorgen bereitet hat, erscheint inzwischen weit weniger furchterregend — die Probleme in den Schwellenländern, die etwas wackligen Unternehmensergebnisse, die nicht mehr ganz so spendable US-Notenbank Fed. Alles nicht so schlimm wie gedacht.

Man darf wieder entspannt sein, angespannt war vorgestern. Es schrecken nicht einmal die ebenso dramatisch wie falsch (!) gezeichneten und in diversen Börsenblogs kursierenden Charts, die den aktuellen Kursverlauf mit jenem vor dem Crash 1929 vergleichen. Und die gefühlt 999. Regierungskrise in Italien inklusive neuem Premier nötigt uns doch auch höchstens ein müdes Gähnen ab — obwohl der „Neue“, Matteo Renzi, wohl mit großer Sicherheit auf Konfrontationskurs mit der EU und deren Sparplänen gehen wird.

Scary but wrong ...


Not scary at all ...

Alles wieder easy also. Wäre da nur nicht dieser kleine Makel, dass die Korrektur zwar schnell und heftig kam, aber trotzdem nicht einmal zehn Prozent ausgemacht hat und damit das Etikett „ordent­liche Korrektur“ nicht so recht verdient. DAX und Dow Jones haben in den zurückliegenden Wochen in der Spitze eben „nur“ rund 7,5 Prozent verloren. Mehr als zehn Prozent Kurskorrektur, das gab es dagegen zuletzt 2011. Das ist recht lange her und verleitet darum viele Analysten zu der Annahme, dass auch jetzt übertriebene ­Lockerheit fehl am Platze sei. Rechnen wir also besser mit weiteren Dämpfern von ähnlicher Heftigkeit wie im Januar.

Trotzdem sollte man sich fragen: Sind die Börsianer denn tatsächlich übertrieben locker? An der Wall Street spricht man in einem solchen Fall von „complacency“, von arger Selbstzufriedenheit, von Selbstgefälligkeit, wenn Risiken besseren Wissens ausgeblendet werden, wenn die Zukunft rosarot gepinselt wird. Von 2009 bis 2012 war ja das Gegenteil der Fall, da erkletterten die Kurse noch die viel beschworene „wall of worry“, den Berg voller Sorgen. Und nun? Ist es tatsächlich so, dass die Kurse seit vorigem Jahr, wie es ein Internet-Witzbold formulierte, eher eine „wall of complacency“ erklimmen?

Vermutlich nicht. Es hat sich ja vieles zum Besseren gewendet. Beispiel Euroland: Ein Wachstum von 0,3 Prozent im vierten Quartal — das sieht zugegebenermaßen nicht besonders toll aus. Auf den ersten Blick. Wer näher hinschaut, bemerkt aber, dass die vier größten Euroländer, die zusammen für drei Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung sorgen, nämlich Deutschland, Frankreich, Spanien und tatsächlich auch das gefühlte Dauerkrisenland Italien, ­allesamt ein Wachstum vorweisen können. Das gab es zuletzt im ersten Quartal 2011. Zudem scheinen bei Krisenländern wie Portugal die rigiden, von der EU auferlegten Maßnahmen tatsächlich zu greifen: Portugals Konjunktur jedenfalls hat das dritte Quartal in Folge zugelegt. Ein Indikator für ebendiese Fortschritte ist zudem der Anleihemarkt, wo die südeuropäischen Länder nun schon seit einiger Zeit keine Probleme mehr haben, ordentlich Geld für neue Anleihen aufzutreiben — und das zu recht moderaten Zinsen.

Und da ist noch die Causa Janet Yellen. Die Nachfolgerin von Ben Bernanke an der Spitze der US-Notenbank sorgte für doppeltes Aufsehen. So will sie weder „Chair­woman“ noch „Chairman“ der Notenbank genannt werden, sondern besteht auf der geschlechtsneutralen Anrede „Chair“. Und wichtiger: Sie machte klar, dass sie für Kontinuität in Sachen Zinsen sorgen wird, und erfüllt damit das, was wir im Januar eingefordert haben: „guidance“, also Planungssicherheit Da kommt man fast ins Grinsen, ins selbstzufriedene.

Kommentare:

  1. George Soros ist bezüglich Aktien short (Short-Positionen auf den S&P in Höhe von 1,3 Milliarden $ - um 154% erhöht!).

    Als George Soros letztes Jahr sein Gold verkaufte, ist der Goldpreis sofort eingebrochen - und hat sich bis heute nicht erholt!

    Ich würde daher lieber nicht selbstzufrieden grinsen, es könnte sehr schnell gefrieren, wenn George Soros recht behält.

    PS: Und das bißchen Wachstum in der Eurozone kann man getrost vergessen. Das ist ja praktisch nichts. Und wird sich sehr schnell in sein Gegenteil verkehren, wenn in China etwas schief läuft - wie George Soros befürchtet.

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  2. Ja, den Käse-Artikel kenn ich auch ... wsj.de ... was soll das mit den 154 Prozent!? Unseriöser Kappes ...

    En detail liest sich das dann anders:

    "Der Wert der größten Einzelposition des Fonds ist von 470 Millionen auf inzwischen 1,3 Milliarden Dollar gestiegen. Sie macht gut 11 Prozent aller gemeldeten Positionen aus. Allerdings war sie im zweiten Quartal 2013 mit 13,5 Prozent schon einmal größer, ehe sie im dritten auf gut 5 Prozent zurückgefahren wurde"

    Zum Schluss relativieren die sich selbst:

    "Natürlich muss die Short-Position nicht zwingend bedeuten, dass die Fonds-Manager von einem fallenden S&P-500 ausgehen; es kann sich auch um eine Absicherungsposition auf andere Long-Positionen handeln"

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  3. ich finds aber schon erstaunlich, wie frappierend ähnlich das Kursmuster des Anstiegs ist - Skalierung hin oder her. Ebenso ist es interessant zu beobachten, wie der DOW sich nach oben durchboxen möchte, seit dem dieser Chartvergleich veröffentlicht wurde, um diesen ominösen Vergleich zu negieren indem er einen neuen Hochpunkt zu setzen versucht.

    LG Yina

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  4. die Signale sind geopolitischer Art: Brasilien, Indien, China, Russland... Immer gut hinschauen... :-)

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  5. Jep ... immer schön schauen ... Hang Seng China Aktien sind "offiziell"in "Bear-Market-Territory": minus 20 Prozent

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