Freitag, 25. April 2014

Die Entdeckung der Langsamkeit

Wie lange geht das jetzt schon? Die wirtschaftliche Erholung seit der Rezession? Lange. Sehr lange. Allerdings ist es kein leichter Weg. Viele Stolpersteine. Jedenfalls hat das National Bureau of Economic Research in den USA errechnet, dass der Aufschwung — zumindest in der amerikanischen Hemisphäre — im Juni 2009 begann, vor 58 Monaten. Fast fünf Jahre sind das also schon. Das ist beeindruckend. Aber auch nicht ungewöhnlich. Vielmehr liegt die Dauer des aktuellen Aufwärtstrends genau im Mittel aller Aufschwungphasen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. So weit die Statistik.

Wirklich beeindruckend wird die Angelegenheit jedoch dadurch, dass ein Ende des Trends nicht absehbar ist. Im Gegenteil. Die US-Notenbank Fed unter der Vorsitzenden Janet Yellen geht davon aus, dass man insgesamt mit gut und gerne 90 Monaten Aufschwung rechnen kann, also mit mehr als zweieinhalb weiteren Jahren. Das Schatzamt des amerikanischen Kongresses rechnet gar mit insgesamt 102 Monaten.

Kommt es tatsächlich so, dann ist dieser Aufschwung alles andere als durchschnittlich. Und er weckt Erinnerungen an andere nicht gerade durchschnittliche Boomphasen. Etwa an die „Roaring Sixties“, als die US-Konjunktur von 1961 bis 1969 einen Lauf hatte oder an den Techboom von 1991 bis 2001 oder auch an die Yuppie-Zeit unter Präsident Ronald Reagan, deren wirtschafliche Blüte 1982 begann und erst unter seinem Nachfolger George Bush 1990 endete. Da kommt man ja fast ins Schwärmen.

Ironischerweise hat die eindrucksvolle Länge des Aufschwungs aber auch viel damit zu tun, dass sich das Ganze gar nicht so eindrucksvoll anfühlt. In den amerikanischen Wirtschaftsnachrichten ist die Lieblingsbezeichnung dafür „lackluster“, was so viel bedeutet wie farb-, glanz- oder lustlos. Bestes Beispiel dafür ist der immer noch recht schwache Arbeitsmarkt. Bei ­6,7 Prozent liegt die Arbeitslosenrate in den USA. Das ist hoch, zu hoch nach 58 Monaten Aufschwung. Und auch die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts ist mit 1,8 Prozent nicht sonderlich beeindruckend. Tatsächlich ist die Rate nur halb so hoch, wie man es bei vorangegangenen Expansionsphasen schon erlebt hat. Es gilt also noch viel aufzuholen. Und das dauert eben, wenn das Tempo niedrig ist.

Dass der Aufschwung irgendwie lustlos und langsam daherkommt, liegt vermutlich daran, dass die vorangegangene Rezession besonders heftig war. Die beiden Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Ken Rogoff haben jedenfalls herausgefunden, dass nach ausgesprochenen Finanz- und Bankenkrisen die Wirtschaft generell nur sehr zögerlich wieder in Gang kommt. Und die Phase zwischen 2007 und 2009 war nun ganz sicher eine ausgesprochene Finanzkrise mit so hässlichen Begleiterscheinungen wie Kreditverknappungen durch die Banken.

Doch egal wie langsam, farb-, glanz- und lustlos der Aufschwung auch erscheinen mag — er ist real. Und er hat noch Luft nach oben: bei den Unternehmensgewinnen, bei der Industrieproduktion, am Arbeitsmarkt, bei den Arbeitslöhnen. Die Prognosen der Fed und des US-Schatzamtes sind also alles andere als abwegig, zumal Fed-Chefin Janet Yellen erneut bekräftigt hat, die US-Wirtschaft so lange stützen zu wollen wie nötig.

Und genau das ist wohl der Knackpunkt: Gelingt der US-Notenbank so etwas wie eine „weiche Landung“ nach einer langen Phase einer lockeren Geldpolitik, könnte die Konjunktur tatsächlich noch für viele Monate und Jahre — wenn auch langsam, so doch konsequent und mit geringer Inflation — zulegen. Das hört man als Börsianer doch gern.

Mittwoch, 16. April 2014

For the loser now will be later to win

"For the loser now will be later to win“, heißt es in einem Text von Bob Dylan.  Aus Verlierern werden demnach Gewinner. Doch auch wenn der Sänger mit der Börse wohl nicht so viel am Schlapphut hat, so hält sich Letztere doch recht genau an seine Zeilen: Investments, die 2013 noch ignoriert wurden, sind jetzt der Renner. Gold, Goldminen, Silber, Schwellenländeraktien und -anleihen, Rohstoffe und sogar US-Staatsanleihen — alles gut im Plus, nachdem 2013 damit noch kein Blumentopf zu gewinnen war. Die Highflyer 2013 dagegen, etwa Biotech- und Internetaktien, werden aus den Depots geschmissen. Man kann also festhalten: Die Entwicklung 2014 ist das genaue Gegenteil von 2013. Bisher. „For the times, they are a-changin’.“

Man kann daraus seine Lehren ziehen. Vielleicht dass Dylan-Texte immer noch aktuell sind. Das wäre aber eine ganz andere Geschichte. Besser, wir lernen daraus, dass es absolut notwendig ist, das eigene Depot regelmäßig anzupassen, auch wenn die Verlockung groß ist, Highflyer-Aktien auf ewig treu zu bleiben. Neudeutsch heißt das dann Anpassung der Asset Allocation

Die derzeitige Umschichtung an der Börse ist besonders spannend — ob wir sie nun mitgemacht haben oder nicht. Denn man kann nicht gerade behaupten, dass ganz einfach von sehr risikoreichen Anlagen in eher risikoarme umgeschichtet wird. Man reibt sich verwundert die Augen: Staatsanleihen, in Ordnung, diese Anlageklasse steht für eine gewisse Sicherheit, Restzweifel mal beiseitegewischt. Aber Schwellenländerinvestments! Oder auch Goldminenaktien! Diese Varianten der Geldanlage gelten ja nicht gerade als Safe Haven, als sicherer Anlegerhafen.

In den vergangenen Jahren war das noch anders: Da waren Korrekturen am Aktienmarkt eindeutige Geschichten. Da hieß es „Risk Off“, und verkauft wurde alles, was irgendwie risikobehaftet schien. Einziger Fluchtpunkt waren festverzinsliche Papiere, seien es US-Bonds oder auch deutsche Staatsanleihen. War die Korrektur ausgestanden, hieß es wieder „Risk On“, immer rein in alles, was großes Potenzial versprach. Dieses Mal jedoch liegen die Dinge anders: Es werden schlicht Nachzügler gekauft. Und heißgelaufene Wetten verkauft. Was doch recht smart klingt. Und nach ruhiger Hand. Ein panischer Sell-off fühlt sich anders an.

Diese Beobachtung macht dann letztlich alle anderen gängigen Entschuldigungen obsolet, warum das Börsenjahr bisher kein gutes ist. Was hatten wir da nicht alles: Große Verkäufe von Hedgefonds wurden verantwortlich gemacht. Die Dauer der Rally wurde angeführt — fünf Jahre seien genug. Das Ende der Anleihekäufe durch die US-Notenbank natürlich, obwohl das ja seit Monaten klar ist. Dann gibt es den vermeintlichen China-Abschwung, die angeblich zu hohen Aktienbewertungen, die scheinbar schwache Gewinnentwicklung der Unternehmen. Und wem das immer noch nicht reicht, der kommt noch mit dem Ukraine-Konflikt an.

Welche Story gefällt Ihnen am besten? Am Ende ist es sicherlich ein Mix aus allen Erklärungsversuchen, der für die täglichen Ups und Downs am Markt verantwortlich ist. Übergeordnet jedoch haben wir es in diesem Jahr schlicht mit Anpassungen der Asset Allocation zu tun. Weltweit. Bei den großen Playern wie bei den kleinen.

Diese Anpassung mag sich noch ein wenig hinziehen. Das ist für Anleger wohl die große Herausforderung in diesem Jahr. Geduldig bleiben, Ruhe bewahren, nicht in Panik verfallen, wenn neue Storys die Runde machen, warum denn das Börsenjahr kein gutes ist. Und nicht vergessen: „For the loser now will be later to win“ gilt dann auch wieder für die Aktien, die jetzt fallen gelassen werden.

Donnerstag, 10. April 2014

Jetzt muss Captain America ran

Die Börse produziert ja meist recht simple Schlagzeilen. Auf Nuancen wird da gern verzichtet. Viel lieber werden Rekordstände vermeldet. Das geht immer. Oder man bewundert die Dauer einer Aktienmarktrally und fürchtet gleichzeitig deren Ende. Diese simple Story wird noch lieber genommen — vor allem wenn man einen Vergleich mit einem Börsencrash der Vergangenheit ins Spiel bringen kann. „Boom and bust“ eben. Bisweilen darf auch mal über einen Skandal berichtet werden. Oder ein Börsenkritiker tritt mit einem schlauen Buch auf den Plan. So wie gerade eben. „Flash Boys“, das neue Werk des US-Autors Michael Lewis, nimmt die Hochfrequenzhändler an der Wall Street ins Visier. Das hat fast Thriller-Potenzial. Schlimm, schlimm, schlimm.

Über all dem Schaurig-Schönen übersieht man aber oft, was für die weitere Kursentwicklung am Aktienmarkt wirklich wichtig ist. Und nein, es ist wohl eher nicht Captain America, der für Marvel und Walt Disney vergangene Woche an der Wall Street die Börsen­glocke läuten durfte — obwohl das groß in der „Washington Post“ zu lesen war. Nein, wirklich wichtig ist nur Captain Economy. Die Konjunktur. Ganz banal. Und mit der geht es aufwärts. Allen Unkenrufen zum Trotz. Ohne Cape, ohne Flash. Vielleicht mit dem einen oder anderen Skandal und sicherlich auch mit der Einschränkung, dass die Geschwindigkeit der Fortschritte zu wünschen lässt.

Im Detail liest sich das dann so: Amerikas Banken haben den erneuten Stresstest gut überstanden, wenn auch mit dem einen oder anderen Wackler, etwa bei der Citigroup (siehe auch Seite 20). Überdies laufen die Autoverkäufe weltweit hervorragend. In den USA etwa sind kleine Transporter gefragt wie lange nicht, Fahrzeuge, die vor allem von kleineren Unternehmen und Handwerkern benötigt werden. Dazu passt, dass das Frachtaufkommen zulegt, egal ob auf der Straße oder Schiene, in der Luft oder zu Wasser. Und wer staubtrockene Zahlen bemühen möchte, bleibt bei den Einkaufsmanagerindizes hängen: Diese sind, wenn auch nicht gerade grandios, so doch überwiegend positiv. Das Fazit: Die Gefahr einer weiteren Rezession, so gern diese auch kolportiert wird, ist aktuell ­äußerst gering.

Und trotzdem läuft es an der Börse in diesem Jahr nur seitwärts. Es ist eine Art Pattsituation entstanden, wie wir vergangene Woche schon geschrieben haben. Dies liegt schlicht daran, dass es natürlich auch Enttäuschungen gibt: In China häufen sich die Probleme, und in den USA ist es vor der jetzt anstehenden Berichts­saison zu mehr Gewinnwarnungen ge­kommen, als einem lieb sein kann. Man darf gespannt sein, was die Unternehmen nun de facto melden werden. Als erster Dow-Jones-Wert ist am Freitag JP Morgan dran (mehr Termine siehe Liste unten).

Und schließlich haben wir es ja auch noch mit einer gewissen Unsicherheit bezüglich der weiteren Geldpolitik der US-Notenbank Fed zu tun, nachdem die neue Chefin Janet Yellen unfreiwillig etwas zu konkret wurde. Beim nächsten Auftritt wird sie lieber ihre Zunge hüten, ein weiterer der Nervosität geschuldeter Anfängerfehler dürfte ihr dann nicht mehr unterlaufen.

Überdies liefert die Börse selbst Warn­signale. Das Momentum hat deutlich nachgelassen, und gerade die bisherigen Lieblingsaktien, überwiegend die aus dem Technologiesektor, haben deutlich Federn gelassen. Tatsächlich wäre man summa sumarum im ersten Quartal des Jahres mit Anleihen besser gefahren als mit Aktien. Surprise! Und wie zur Bestätigung fällt der DAX am Montag in einem Rutsch um 250 Punkte. Vielleicht braucht’s ja doch noch den Superhelden Captain America? Eine Börse, die nun schon den vierten Monat in Folge seitwärts läuft, produziert eben keine vernünftigen Schlagzeilen. Üben wir uns in Geduld.

Donnerstag, 3. April 2014

Flash Boys

Michael Lewis hat ein Buch geschrieben über den Hochgeschwindigkeitshandel an der Börse: "Flash Boys". Tenor: Wir, die normalen Anleger, werden abgezockt ...

Beim US-Talker Jon Stewart versucht Lewis klarzumachen, worum es eigentlich geht. Lustig. Und informativ ...

Dienstag, 1. April 2014

Eine Art Pattsituation

Das war’s mit dem ersten Quartal des Jahres. Viel ist ja nicht passiert — auf den ersten Blick. Die Volatilität ist insgesamt eher niedrig, und der Aktienmarkt tendierte mehr oder weniger seitwärts (siehe Tabelle rechts). Aber eben nur auf den ersten Blick. Wir erinnern uns: Im Januar ging es ordentlich runter, im Februar ordentlich rauf und im März zunächst wieder runter und gegen Ende wieder rauf. Für Trader ganz nett, das Ganze.

Für optimistische Anleger, die gern etwas länger an ihren Aktieninvestments festhalten, war es dagegen eher frustrierend. Denn wenn es unterm Strich überhaupt Gewinner in diesem ersten Quartal gibt, dann sind es meist Aktien aus den ­„falschen“ Branchen: Versorger etwa und Pharmaunternehmen, die traditionell doch eigentlich erst dann ihre Zeit haben, wenn ein Aufschwung zum Abschwung wird. Stattdessen sollten in einer Aufschwungphase doch eher Bankaktien laufen, Industriewerte und Technologietitel.

Denkste. Bis auf wenige Ausnahmefälle ­— in den USA etwa Caterpillar sowie Microsoft — ist die Kursentwicklung der zyklischen Aktien in den ersten drei Monaten des Jahres enttäuschend. Zuletzt ging es sogar den coolen ­Momentum-Aktien wie Twitter, Amazon, Netflix, Facebook, Tesla oder Chipotle richtig an den Kragen, ebenso den Biotechwerten — wobei das letztlich wohl gut ist, waren die Kurse hier  doch ziemlich ausgereizt.

Für den großen Kontext ist dies dennoch kein ausreichender Grund, das definitive Ende der Aktienrally zu beschwören. Denn Favoritenwechsel und Sektorrotationen gibt es immer wieder. Zu Beginn des vergangenen Jahres etwa legten die Kurse los wie die Feuerwehr. Und welche Aktien lagen in der Anlegergunst dabei ganz vorn? Richtig! Tatsächlich auch wieder solche, die eher als passiv gelten: Versorger, ­Telekommunikation sowie Unternehmen, die den Grundbedarf der Bevölkerung decken, etwa Lebensmittelkonzerne. Wer darauf im Frühjahr 2013 seine Aktien verkauft hat, ist zu bedauern, war die Rally doch längst nicht am Ende. Mitte des Jahres übernahmen dann wieder die klassischen Kurstreiber aus dem Tech- und Industriesektor die Führungsrolle und trieben die Indizes von Rekord zu Rekord.

Ob es wieder so kommt? Vielleicht wissen wir schon mehr, wenn mit JP Morgan Chase am 11. April das erste Dow-Jones-­Unternehmen und gleichzeitig die erste US-Bank Quartalszahlen liefert und so wohl zum Wegweiser wird, wie die Berichtssaison insgesamt ausfällt.

Zur Erinnerung: Im ersten Quartal waren die Unternehmensergebnisse zwar gut, aber nicht überragend. Es mangelte ein wenig an Umsatzwachstum, zudem gab und gibt es durchaus berechtigte Zweifel, ob die Unternehmen ihre unglaublich hohen Gewinnmargen halten können. Ähnlich sieht es bei den Daten zur Entwicklung der Volkswirtschaften insgesamt aus: Die Kennzahlen sind gemischt, mal positiv, mal negativ — in Summe also wenig aufschlussreich. Dazu kommt als erschwerender Faktor das viel beschworene Tapering der US-Notenbank. Gleichzeitig fehlt es aber auch den Pessimisten an Argumenten für einen Abschwung. Eine Pattsituation, wenn man so will.

Ähnlich war das 1994. Auch damals gab es Unsicherheiten, weil die US-Notenbank Fed die Zinsen erhöhte; dieses Mal haben wir es ja mit einer Absichtserklärung zu tun. Gleichzeitig legte die Konjunktur nur langsam zu — analog zur Situation heute. Das Ende vom Lied: Es passierte nicht viel 1994. Die Volatilität blieb insgesamt eher niedrig, und am Aktienmarkt ging es mehr oder weniger seitwärts — frustrierende Monate. Nachdem die Fed mit ihren Zinserhöhungen nach 14 Monaten aber durch war, stiegen die Kurse ab 1995 wieder. Für weitere fünf Jahre.