Donnerstag, 10. April 2014

Jetzt muss Captain America ran

Die Börse produziert ja meist recht simple Schlagzeilen. Auf Nuancen wird da gern verzichtet. Viel lieber werden Rekordstände vermeldet. Das geht immer. Oder man bewundert die Dauer einer Aktienmarktrally und fürchtet gleichzeitig deren Ende. Diese simple Story wird noch lieber genommen — vor allem wenn man einen Vergleich mit einem Börsencrash der Vergangenheit ins Spiel bringen kann. „Boom and bust“ eben. Bisweilen darf auch mal über einen Skandal berichtet werden. Oder ein Börsenkritiker tritt mit einem schlauen Buch auf den Plan. So wie gerade eben. „Flash Boys“, das neue Werk des US-Autors Michael Lewis, nimmt die Hochfrequenzhändler an der Wall Street ins Visier. Das hat fast Thriller-Potenzial. Schlimm, schlimm, schlimm.

Über all dem Schaurig-Schönen übersieht man aber oft, was für die weitere Kursentwicklung am Aktienmarkt wirklich wichtig ist. Und nein, es ist wohl eher nicht Captain America, der für Marvel und Walt Disney vergangene Woche an der Wall Street die Börsen­glocke läuten durfte — obwohl das groß in der „Washington Post“ zu lesen war. Nein, wirklich wichtig ist nur Captain Economy. Die Konjunktur. Ganz banal. Und mit der geht es aufwärts. Allen Unkenrufen zum Trotz. Ohne Cape, ohne Flash. Vielleicht mit dem einen oder anderen Skandal und sicherlich auch mit der Einschränkung, dass die Geschwindigkeit der Fortschritte zu wünschen lässt.

Im Detail liest sich das dann so: Amerikas Banken haben den erneuten Stresstest gut überstanden, wenn auch mit dem einen oder anderen Wackler, etwa bei der Citigroup (siehe auch Seite 20). Überdies laufen die Autoverkäufe weltweit hervorragend. In den USA etwa sind kleine Transporter gefragt wie lange nicht, Fahrzeuge, die vor allem von kleineren Unternehmen und Handwerkern benötigt werden. Dazu passt, dass das Frachtaufkommen zulegt, egal ob auf der Straße oder Schiene, in der Luft oder zu Wasser. Und wer staubtrockene Zahlen bemühen möchte, bleibt bei den Einkaufsmanagerindizes hängen: Diese sind, wenn auch nicht gerade grandios, so doch überwiegend positiv. Das Fazit: Die Gefahr einer weiteren Rezession, so gern diese auch kolportiert wird, ist aktuell ­äußerst gering.

Und trotzdem läuft es an der Börse in diesem Jahr nur seitwärts. Es ist eine Art Pattsituation entstanden, wie wir vergangene Woche schon geschrieben haben. Dies liegt schlicht daran, dass es natürlich auch Enttäuschungen gibt: In China häufen sich die Probleme, und in den USA ist es vor der jetzt anstehenden Berichts­saison zu mehr Gewinnwarnungen ge­kommen, als einem lieb sein kann. Man darf gespannt sein, was die Unternehmen nun de facto melden werden. Als erster Dow-Jones-Wert ist am Freitag JP Morgan dran (mehr Termine siehe Liste unten).

Und schließlich haben wir es ja auch noch mit einer gewissen Unsicherheit bezüglich der weiteren Geldpolitik der US-Notenbank Fed zu tun, nachdem die neue Chefin Janet Yellen unfreiwillig etwas zu konkret wurde. Beim nächsten Auftritt wird sie lieber ihre Zunge hüten, ein weiterer der Nervosität geschuldeter Anfängerfehler dürfte ihr dann nicht mehr unterlaufen.

Überdies liefert die Börse selbst Warn­signale. Das Momentum hat deutlich nachgelassen, und gerade die bisherigen Lieblingsaktien, überwiegend die aus dem Technologiesektor, haben deutlich Federn gelassen. Tatsächlich wäre man summa sumarum im ersten Quartal des Jahres mit Anleihen besser gefahren als mit Aktien. Surprise! Und wie zur Bestätigung fällt der DAX am Montag in einem Rutsch um 250 Punkte. Vielleicht braucht’s ja doch noch den Superhelden Captain America? Eine Börse, die nun schon den vierten Monat in Folge seitwärts läuft, produziert eben keine vernünftigen Schlagzeilen. Üben wir uns in Geduld.

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