Donnerstag, 15. Mai 2014

DAX und Dow auf Rekordkurs

Was war man doch besorgt in den vergangenen Wochen. Von einer Topbildung war die Rede. Von Divergenzen. Und trotzdem steigen die Notierungen. Weil Divergenzen normal sind. Business as usual.

Geht doch. Die Aktienmärkte sind wieder in Schwung gekommen. Der Dow Jones erreichte in den jüngsten Tagen neue Rekordstände und beim DAX fehlt nicht mehr viel dazu. Das sieht sehr gut aus — die 10 000-Punkte-Marke rückt näher.

Dabei haben wohl die wenigsten Börsianer damit gerechnet. Im Gegenteil. In ­Europa machte man sich Sorgen um die ­Ereignisse in der Ukraine und die kaum einzuschätzende Wirkung auf die Finanzmärkte. Gleichzeitig war an der Wall Street in den vergangenen Wochen die ganze Zeit von schlimmen „Divergenzen“ bei den Aktienkursen die Rede. Und dass diese doch bitteschön zu höchster Vorsicht mahnen sollten. Divergenz hier, Divergenz da.

Konkret geht es bei diesem Begriff vor allem darum, dass am Aktienmarkt in den ersten viereinhalb Monaten des Jahres nicht mehr einfach alles so weitergeklettert ist wie 2013. Vor allem nicht mit der ­Vehemenz des vergangenen Jahres — so wie wir es vielleicht ganz gern hätten.

Die Divergenzanhänger monieren nun, dass die Rekordkurse von Dow und DAX ­irreführend seien, weil andere Indizes und Börsensegmente noch weit davon entfernt sind — etwa der Nasdaq Composite. Und schwuppdiwupp hat man eine Divergenz konstruiert, von der dann alle reden.

Ein weiteres Beispiel hierfür sind die Nebenwerte, die seit Jahresbeginn klar schlechter gelaufen sind als die Bluechips. Ähn­liches gilt für die schwächelnden Internet­aktien. Zudem gibt es eine Divergenz bei Aktien, die als zuverlässige Dividendenzahler bekannt sind im Vergleich zu denen, die nichts an die Anleger ausschütten — Erstere laufen bisher deutlich besser.

Das ganze Divergenzgerede hat für entsprechende Unruhe gesorgt. Egal ob in New York oder an der Frankfurter Börse — die Furcht vor einer Topbildung mit anschließendem Bärenmarkt machte die Runde. Schließlich gilt die alte Börsianerweisheit, dass sich ein Top im Gegensatz zu einem Tief meist sehr langsam herauskristallisiert. „A bottom is an event, a top is a process“, heißt es so schön in der Aktio­närssprache. Und so ein Topbildungsprozess beginnt eben meist mit Divergenzen.

Das Problem daran: Divergenzen gibt es immer. Sektorrotationen gibt es immer. Es ist „business as usual“, weil sich Meinungen über Branchen und Aktien eben ständig ändern. Weil Highflyer-Branchen auch mal korrigieren müssen, weil vernachlässigte Bereiche auch mal aufholen müssen.  Nicht zwangsläufig sind Divergenzen also Anzeichen für eine Topbildung. Und wenn es so weitergeht bei DAX und Dow, werden wieder die Aktien laufen, die in den ersten Monaten schwach waren: Technologie etwa und Finanzwerte. Auch das ist eine Divergenz — eine Wahrnehmungs- und eine Bewertungsdivergenz. Nur dass diese wohl nicht so hohe Wellen schlagen wird.

Die interessanteste aktuelle Divergenz ist ohnehin eine, die sich nicht um Sektoren dreht, sondern darum, dass die aktuelle Stimmung an den Märkten so gar nicht zum Rekordkurs bei Dow und DAX passt. Nach neuesten Daten gibt es aktuell nämlich mehr Bären als Bullen. Das Gegenteil sollte jedoch der Fall sein. Stattdessen haben wir also ein Rekordhoch ohne Euphorie. Das Gerede um die Divergenzen und die Sorge um Osteuropa haben scheinbar Spuren hinterlassen.

Den Optimisten unter den Börsianern kann das aber nur recht sein. Die Börsenstimmung ist ein klassischer Kontraindikator: je schlechter die Stimmung, desto besser. Denn all die Pessimisten, die jetzt nicht investiert sind, werden irgendwann kaufen müssen, wenn sie die Rally nicht verpassen wollen. Und das lässt Platz für weiter steigende Kurse.

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