Dienstag, 10. Juni 2014

Magisch, historisch, super

Die Kurse klettern. Zur Verwunderung vieler. Und trotz der Minizinsen wird weiter Geld auf dem Sparbuch gehortet. Was ist da los? Traut man dem Ganzen nicht? Über das angebliche Börsenwunder.

Geschafft. Am 5. Juni kletterte der DAX zum ersten Mal überhaupt über die 10 000-Punkte-Markte. „Die Zeit“ ordnete dieses Ereignis sogleich als „historisch“ ein, die meisten anderen Blätter verwendeten die Formulierung „magisch“, wieder andere fabulierten etwas von einer „Psychogrenze“ und verwiesen darauf, dass jetzt erst mal Schluss sei mit steigenden Kursen. Nun denn. Man kann es ja auch etwas nüchterner betrachten: Es ist geschafft, und damit kann man — endlich — einen Haken dranmachen an dieses Ereignis, das viel zu lange die Schlagzeilen beherrscht hat. Letztlich ist es doch nur eine Recheneinheit. Wenn auch, zugegeben, eine hübsch runde.

Möglich gemacht hat das magisch-historische Ereignis ja angeblich „Super Mario“, wie EZB-Chef Mario Draghi inzwischen von gewissen Medien genannt wird. Super sei der Mann deshalb, weil er tatsächlich noch einmal wie angekündigt die Zinsen gesenkt sowie Strafzinsen und Anleihekäufe eingeführt hat und sich darüber hinaus die Option offenlässt, noch mehr zu tun, wenn es denn nötig sei. 

Grund 2 für DAX 10 000 und — nicht ganz so magisch — Dow 16 900 sind die US-Arbeitsmarktdaten. Hier wurde vergangenen Freitag — jaha! — ein „echtes Jobwunder“ verkündet. Nun denn. Nüchtern betrachtet ist es unter dem Strich eben so, dass sich die Lage dort kontinuierlich verbessert, was ja eigentlich weder überraschend noch eine echte Neuigkeit noch ein Wunder ist.

Trotzdem wird so berichtet, weil es ja tatsächlich ein echtes Problem ist, sowohl für Anleger als auch für Berichterstatter, zu unterscheiden, welche Informationen und News tatsächlich noch nicht oder doch schon in den Kursen „enthalten sind“ (oder „eingepreist“, wenn man eine hässliche Börsenvokabel verwenden will).


Vermutlich wird aus DAX 10 000 auch deshalb ein solches Bohei gemacht, weil viele immer noch den Eindruck haben, dass alles schlimmer wird statt besser, dass die Krise längst nicht überstanden ist, dass sich die nächste Rezession doch schon ankündigt. Und dass es eben deswegen eher DAX 5000 heißen müsste. Dann wäre DAX 10 000 wohl tatsächlich ein magisch-historisches Superwunder und die Schlagzeilen dann allzu verständlich.

Alles eine Frage der Wahrnehmung eben. Dass sich viele immer noch verwundert die Augen reiben über die steigenden Kurse, zeigt beispielhaft eine Umfrage, die die Fondsgesellschaft State Street in 16 Ländern gemacht hat. Demnach haben Privatanleger 40 Prozent ihres Vermögens in Sparanlagen geparkt. Und das bei den Mickerzinsen und angesichts von Rekordkursen an der Börse! Trotz Magie und anderer Superlative. Das grenzt an Halsstarrigkeit! Das ausgeprägteste Sicherheitsdenken gibt es in Japan mit einer Quote von 57 Prozent, den Niederlanden (55 Prozent) und — nicht überraschend — Deutschland: Wir stecken 49 Prozent in den Sparstrumpf.

Das Erstaunliche an der Umfrage: In Sachen Sparverhalten gibt es keinen Unterschied, ob es sich um junge Menschen handelt, die gerade ins Berufsleben starten, um Mittvierziger oder um angehende Rentner, die ihr Vermögen sichern müssen. Alle sind gleich (über-)vorsichtig. Dabei sollten doch gerade die Jüngeren wissen, dass die Zeit bei Aktieninvestments auf ihrer Seite ist, dass bisher noch jede Kursdelle über die Jahre ausgebeult wurde. Dennoch wird wider besseres Wissen mit dem Sparstrumpf vorliebgenommen.

Hofft man da auf größere Korrekturen, um dann einzusteigen? Oder ist die Furcht vor einem weiteren Crash derart hoch? Die Kurse steigen indes weiter, erklettern die an dieser Stelle schon öfter erwähnte „Wall of Worry“, die Wand der Angst. Ehe wir uns umschauen, sind neue magische Marken in Sicht. Wie wäre Dow 20 000? Ja, wäre es denn ein Wunder?

Diese Meinung zur Börsenlage finden Sie auch in der kommenden BÖRSE ONLINE, Titel: Richtig einsteigen! (erscheint am Donnerstag)

Kommentare:

  1. Das ist genau der Stoff, woraus neue Aufwärtsimpulse geliefert werden. Jeder denkt jetzt kracht es an der Börse und der Markt läuft weiter nach oben. Bei 12.000 im DAX-Index werden sich viele die Augen reiben und sich fragen, warum sie nicht bei 10.000 eingestiegen sind.

    Spätestens dann, wenn mich Menschen ansprechen doch Aktien zu kaufen, denen ich das im Leben nie zugetraut habe oder die immer dagegen gesprochen haben, wird es Zeit sich vom Markt zu verabschieden. Das ist aus meiner Sicht aber noch lange nicht der Fall. Im Moment versucht ja die Politik und die EZB die Konjunktur auf Teufel komm raus anzutreiben.

    Niedrigzins auf Sparbüchern, Tagesgeldkonten etc. sind im Moment ja Geldvernichter, wenn man noch die Inflation bedenkt. Mal gucken wie lange sich die konservativen Sparer dort noch aufhalten werden und Politik und EZB die Sparer locken können, ihr Geld dem Markt oder Wirtschaft, in Form von Konsum, zu geben

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  2. Hausfrauenhausse (oder - noch abschätziger: Putzfrauenhausse), nennt man das manchmal, wenn jedermann oder sogar Frau beginnt, Aktien zu kaufen. Und wie mein Vorkommentator richtig bemerkt hat: Es nützt nichts, wenn man weiss, dass es "irgendwann mal muss es ja runter gehen". Wenn man als Analyst anfangs 1999 das Platzen der Dotcom Bubble vorausgesehen hätte, dann hätte man bis im März 2000, also bis zum tatsächlichen Platzen, seinen Job verloren. Nur weil man halt ein Jährchen zu früh war.

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  3. ... die Anleger haben mit Rentenpapieren bereits viel verloren, merken es nur noch nicht...

    ... deswegen überbewertete Aktien zu kaufen ist aber genauso schwachsinnig!!!

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