Mittwoch, 4. Juni 2014

Seltsame Parallelwelten

Die Kurse sollten doch eigentlich fallen, selten waren sich die Marktkenner darüber so einig. Doch es kam anders. Wie so oft, wenn die Stimmung extrem ist. Über Vergleiche, die mehr oder weniger hinken.

Ja, ist es denn so einfach? Immer wenn das Gezeter besonders arg und vielstimmig ausfällt, bewegen sich die Märkte — allerdings nicht in die vorhergesagte, sondern die entgegengesetzte Richtung. So auch dieses Mal. Der DAX kletterte auf neue Rekordhochs, ebenso der Dow Jones. Der Nasdaq Composite ist zumindest auf dem Weg dorthin. Surprise, surprise. Dabei hatten doch Leute wie Hedgefondsmanager David Tepper, Starökonom Nouriel Roubini, die Charttechniker Tom DeMark und Ralph Acampora sowie der US-Marktbeobachter Dennis Gartman vor wenigen Wochen noch allesamt eindringlich empfohlen, Aktien besser zu verkaufen. Immerhin: Acampora und Gartman sind davon inzwischen wieder abgerückt.

Besonders interessant an dieser scheinbar konzertierten Empfehlungsaktion ist der Hauptgrund, den die Experten dafür unisono und unverhohlen angaben: Angst! Man glaubt es kaum — die kühlen Rechner mal ganz von Emotionen geleitet. Angst vor dem Crash, Angst vor der eigenen Courage, Angst vor Was-auch-immer.

Und so erklimmen die Kurse denn wieder einmal die „Wall of Worry“, die Wand der Angst. Wir hatten das ja auch 2013 schon. Es scheint tatsächlich so einfach: Ein Hurra dem Kontraindikator Börsenstimmung! Denn ist die Laune richtig schlecht, geht es nach oben. Inzwischen hat sich die Stimmung zwar deutlich verbessert, doch euphorisch ist sie bei Weitem nicht, eher neutral, wenn man es so bezeichnen will. So schnell geben die Verfechter des Schreckens, die Crash-Propheten dies- und jenseits des Atlantiks, eben nicht auf.

Die Zahl derer jedenfalls, die Parallelen zu 2007 ziehen, dem Jahr vor dem Börsencrash, wird nicht weniger. Der damalige Aktienaufschwung ging in das fünfte Jahr, aktuell stehen wir vor dem sechsten. Und damals wie heute war in den Frühlings­monaten von beunruhigend hoher Volatilität nichts zu sehen, im Gegenteil. Dazu der Risikoappetit: Sowohl 2007 als auch 2014 war und ist die Nachfrage nach riskanten Anleihen hoch. Es gibt sie also tatsächlich, die besagten und viel beschworenen Parallelen. Es wäre unvorsichtig, die Augen davor zu verschließen.

Allerdings greift ein wichtiges Argument der Parallelweltenanhänger seit dem jüngs­ten Anstieg bei DAX, Dow Jones und Nasdaq nicht mehr: das Argument der nachlassenden „Marktbreite“, also die Rotation in eher defensive Branchen, in Aktien, die traditionell zum Ende eines Aufschwungzyklus gut abschneiden. Dies war 2007 signifikant — und auch zu Beginn des laufenden Jahres durchaus ein Unsicherheitsfaktor. Versorgertitel waren plötzlich gefragt, Technologie- und Finanzwerte wurden dagegen auf den Markt geworfen, mit der Konsequenz deutlich fallender Kurse. Dies ist inzwischen nicht mehr so. Die bisherigen Verliereraktien haben zuletzt eindrucksvoll aufgeholt.

Auch was die Fundamentaldaten angeht, sieht die 2014er-Welt anders aus als die im  Jahr 2007. Die vorauslaufenden Indikatoren deuten auch weiterhin auf künftiges Wirtschaftswachstum hin, so etwa der amerikanische Philly-Fed-Index. Dass die Zuwachsrate der US-Wirtschaft im ersten Quartal nach einer Revision der Daten um ein Prozent niedriger ausgefallen ist — geschenkt, ein Wackler, mehr nicht. Börsianer blicken nach vorn.

Und noch etwas ist anders als im Jahr 2007: Tatsächliche oder nur scheinbar konzertierte Verkaufsempfehlungen in dem Ausmaß, wie sie in den vergangenen Wochen stattfanden, waren zur Jahresmitte 2007 nicht zu beobachten.

Kommentare:

  1. Aus meiner Sicht werden sich aktuell die "Shorties" weiter die Hände verbrennen. Auch Soros hatte ja vor einiger Zeit auf Short umgestellt, allerdings nur mit einem geringen Anteil. Große Gewinne wird er damit nicht gemacht haben, soweit ich weiß, hat er Optionen genutzt.

    In Form der Trendfolge ist der Aufwärtstrend auf Wochen-und Monatschart noch voll intakt. Aus diesem Grund würde ich mich davor hüten hier zu sehr auf den Süden zu spekulieren. Wenn es kracht meistens dann, wenn alles in Butter ist und keiner mit rechnet...Gruß René

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  2. Mit Soros macht man Schlagzeilen. Das verkauft sich gut. Dabei haben die meisten nicht verstanden, warum er immer wieder mal die Short-Positionen ausbaut. Da geht es meist darum "marktneutrale" Positionen zu bilden: Long Einzelaktie, Short Gesamtindex. Das ist aber etwas ganz anderes als die meisten Schlagzeilen und die dazugehörigen Stories suggerieren. Da wird halt mal ganz schnell behauptet, Soros sei jetzt bearish ...

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