Dienstag, 22. Juli 2014

Eine Frage der Wahrnehmung

Krisen, wo man nur hinschaut. Die Kurse sind unter Druck. Gefragt sind sichere Investments. Doch das wird sich wieder ändern. Einzig über den Zeitpunkt lässt sich streiten.

Manchmal scheint das Unglück an allen Ecken und Enden über die Welt hereinzubrechen. Gaza, Irak, Ukraine — die Nachrichten sind voll davon. So schlimm wie aktuell scheint es lange nicht gewesen zu sein. Oder doch? War die Welt nicht schon immer ein Pulverfass? Vielleicht kann man ja gar behaupten, dass das, was in der Börsianersprache mehr oder weniger passend als „geopolitisches Risiko“ bezeichnet wird, eigentlich stets irgendwie gleich hoch ist. 

Es schwelt doch immer und überall irgendetwas auf dem Globus. Das Risiko einer Eskalation ist jederzeit vorhanden. Was sich jedoch im Verlauf der Zeit definitiv immer wieder ändert, ist die Wahrnehmung dieses Risikos. Es gibt Zeiten, da wird schlicht ignoriert und negiert, was in den gewohnten, aber mitunter auch wechselnden Krisenregionen der Welt vor sich geht. Oder die Welt wird mit etwas konfrontiert, was scheinbar aus dem Nichts kommt — etwa die Attentate vom 11. September 2001. Und es gibt Zeiten, wo das Unglück eben an allen Ecken und Enden der Welt gleichzeitig hereinzubrechen scheint. Gaza, Irak, Ukraine — die Nachrichten sind voll davon. 

Trotzdem oder gerade deswegen ist das geopolitische Risiko aktuell nicht höher als vor einem Monat — wir nehmen es nur anders wahr. Etwa weil der Abschuss eines Passagierflugzeugs über der Ukraine besonders zynisch ist, weil der Einmarsch israelischer Truppen in den Gaza-Streifen eine schrecklich hohe Zahl an Opfern fordert, weil relativ viele Politiker relativ hilflos wirken. Und weil alles vielleicht noch schlimmer wird.

Die Änderung in der Wahrnehmung zeigt sich natürlich auch an der Börse — ob sie ökonomisch gerechtfertigt ist, sei einmal dahingestellt. Durch geopolitische Schocks werden Aktien, Rohstoffe, An-leihen von den Marktteilnehmern „neu -bewertet“. „Safety first“ ist dann zunächst das Motto. Und die Rückzugsorte sind immer nahezu identisch: Staatsanleihen, vorzugsweise aus den USA, Gold, der Dollar, bisweilen Öl. Auch am Aktienmarkt sind die Verwerfungen in der Regel identisch. Verkauft werden vor allem die riskanteren Assets. Das sind meist Nebenwerte, Aktien aus Highflyer-Branchen und im Fall der Ukraine-Krise auch deutsche Aktien, wären sie bei einem nennenswerten Embargo gegen Russland doch besonders stark betroffen. 

Ein weiterer Effekt dieser geopolitischen Schocks und deren Wahrnehmung ist die Überlagerung anderer relevanter News. Das gilt für Nachrichten im Allgemeinen und für — positive — Börsennachrichten im Besonderen. Dass beispielsweise die neuesten Unternehmensergebnisse aus den USA in der vergangenen Woche richtig gut waren, wurde kaum wahrgenommen. Eine Randnotiz. Negative Nachrichten dagegen verstärken die Flucht in vermeintlich sichere Vermögensklassen. Als da aktuell wären: die Bankenkrise in Portugal, eine Titelgeschichte der „New York Times“, die alle Investments als zu teuer bezeichnet ("Everything Bubble"), dazu die seltsamen „Börsentipps“ der amerikanischen Notenbankchefin Janet Yellen, die kundtut, dass die Kurse von Biotech- und Internetaktien überzogen seien. 


Dass sich die Wahrnehmung von Risiko immer wieder ändert, bietet indes auch Gelegenheiten. Die große Aufmerksamkeit was die aktuellen Krisengebiete angeht, wird im Verlauf der Zeit wieder nachlassen. Entweder weil sich die Dinge entspannen. Oder weil sich die Öffentlichkeit daran gewöhnt hat. Das mag zynisch klingen, aber letztlich ist der Mensch einfach so gestrickt. Wie lange das dauert, ist jedoch kaum zu prognostizieren, denn jede Krise hat ihre ganz eigene Dynamik. Die alte Aktionärsweisheit von der Kurzbeinigkeit politisch geprägter Börsen hat aber durchaus ihre Berechtigung.

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