Mittwoch, 9. Juli 2014

Erschreckende Normalität

Pünktlich zum Beginn der US-Berichtssaison knackt der Dow Jones die 17 000-Punkte-Marke. Das Gezeter, ob dies gerechtfertigt sei, dürfte damit wieder losgehen. Dabei ist die Lage besser als angenommen.

Wetten, jetzt geht es wieder los: das Herbeireden eines Crashs, das Warnen vor einem dramatischen Rückschlag am Aktienmarkt. Gerade erst hat der Dow Jones zum ersten Mal 17 000 Punkte geschafft — so eine runde Zahl ist natürlich ein willkommener Anlass, darüber zu streiten, ob diese Höhe nun gerechtfertigt ist oder nicht. Gleich­zeitig ist das erste Halbjahr zu Ende gegangen, was sich natürlich ebenfalls sehr gut dazu eignet, ein Zwischenfazit zu ziehen. Und dann ist da noch der DAX, der einfach nicht über der vermeintlich „magischen“ 10 000er-Marke bleiben will.

Die Skeptiker im Hinblick auf die weitere Kursentwicklung bedienen sich gern der Statistik — oder was sie dafür halten —, um ihre Argumente zu unterlegen. Dabei ist es eher eine simple Beobachtung denn tatsächliche Statistik, dass die Auf- und Abschwungzyklen in der Vergangenheit meist deutlich kürzer waren, als es jetzt der Fall ist, wonach ein Kursabschwung nun also mehr als überfällig sei. Ignoriert wird dabei aber die Beobachtung, dass der Crash von 2008 ein besonders heftiger war und der Aufschwung seit 2008 dagegen ein recht gemächlicher. Da darf ein Zyklus schon mal länger anhalten.

Ein weiteres Argument der Pessimisten ist das Auslaufen des Anleihekaufprogramms der US-Notenbank Fed. Damit fehle dem Markt die Liquidität, um die Kurse weiter anzuschieben. Und wer wolle denn all die Anleihen kaufen, die die Fed nun nicht mehr haben will? Gleich zwei Gründe also für einen Bärenmarkt. Ignoriert wird dabei die Tatsache, dass das Fed-Programm schon seit Beginn des Jahres heruntergefahren wird und die Aktienkurse trotzdem weiter gestiegen sind — ebenso wie die Anleihekurse.

Was soll man nun davon halten? Vielleicht ist die Lage ja doch besser als gemeinhin angenommen. Professor Jeremy Siegel von der amerikanischen Wharton School sieht den Dow Jones jedenfalls bis Jahresende auf 18 000 Punkte klettern. Vielleicht gar auf 20 000. Er argumentiert dabei mit dem niedrigen Zinsniveau. Weil es seiner Ansicht nach weiterhin niedrig sein wird, seien auch deutlich höhere Bewertungen am Aktienmarkt gerechtfertigt. Damit widerspricht Siegel gleichzeitig den Pessimisten, die genau dieses höhere Bewertungsniveau als weiteren Grund für einen baldigen dramatischen Rückschlag am Aktienmarkt anführen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Siegel recht hat, scheint aber höher. Denn kurz vor Beginn der US-Berichtssaison, die mit den Zahlen von Alcoa in dieser Woche ihren Lauf nimmt, haben die US-Unternehmen im Schnitt die Prognosen für ihre Gewinne angehoben — ein Indiz dafür, dass sich die Konjunktur insgesamt verbessert. Dies spricht denn auch für die höheren Bewertungen am Aktienmarkt.

Die Risiken für die Börse sind demnach wohl eher nicht bei den Unternehmen zu suchen. Auch nicht bei der Zinspolitik. Auch nicht in der Entwicklung der Inflation — zumindest aktuell nicht. Vielmehr sind es Risiken, die generell bestehen, etwa politische Unwägbarkeiten. Man denke an den Irak und die Ukraine oder an potenzielle Unruheherde, die bislang noch niemand auf dem Radar hat — an einen echten schwarzen Schwan also!

Was soll man nun davon halten? Die Lage scheint tatsächlich besser als gemeinhin angenommen. Sie erscheint geradezu normal. Der Aufschwungzyklus könnte also noch viel länger andauern, vielleicht weitere zwei Jahre, wenn uns nicht gerade der Himmel auf den Kopf fällt. Trotzdem werden die Pessimisten nicht ruhen und auch weiterhin einen Crash herbeireden wollen. Wetten?

Kommentare:

  1. ..ach nein, es muss nicht mal ein Schwarzer Schwan sein. Ein Blick auf die aktuellen Daten in der Eurozone (Industrieproduktion Frankreich/Italien) und das neuerliche Schlamassel in Portugal straft die Mehrheit der Analysten, die bisher von einer Erholung in der Eurozone ausgegangen waren, Lügen. Der Markt beginnt das nun heute zu realisieren und insofern dürften die überhöhten Kurse bald zu bröckeln beginnen. Auch in Amerika signalisiert das Auslaufen des Fed-Anleihekaufprogramm, das dem Markt nun keine weitere Liquidität für überbordende Kursfantasien zur Verfügung gestellt wird, und die Aussicht auf bald steigende Zinsen dürfte den Anleger dann wohl vollends auf den Boden der Tatsachen zurückholen....

    AntwortenLöschen
  2. P.S.: George Soros stockt seine Bestände zu Goldminenaktien auf. Ob das der Auftakt zu einer neuer Goldrally ist, vielleicht eine angstbasierte Goldrally, falls die Leute jetzt aus Aktien in die (vermeintliche) Sicherheit! flüchten?

    http://www.rohstoff-welt.de/news/artikel.php?sid=49999

    AntwortenLöschen
  3. Martin Hüfner von Assenagon sieht das ja ähnlich ...

    http://www.assenagon.com/fileadmin/downloads/Huefners_Wochenkommentar_14-28.pdf

    AntwortenLöschen