Dienstag, 2. September 2014

Besondere Zeiten

Die Sorgen an der Börse werden nicht weniger. Dass die Kurse von Aktien und Anleihen gleichzeitig so stark steigen, sorgt für Stirnrunzeln. Ein Warnsignal, finden viele. Was ist wirklich dran?

Voilà, der Herbst ist da. September. Da ist es an der Zeit, gleich mal mit ein paar Vorurteilen aufzuräumen. Der September hat nämlich unter Börsianern einen schlechten Ruf. Man fragt sich nur, warum? Der Ruf scheint aus uralten Zeiten zu stammen. Denn Tatsache ist doch, dass es nur zweimal in den vergangenen zehn Jahren zu einem Minus im ersten Herbstmonat des jeweiligen Jahres kam. Achtmal dagegen ging es teils kräftig nach oben. So auch vergangenes Jahr. Da stieg der deutsche Leitindex DAX von 8195 auf 8594 Punkte. Macht ein Plus von 399 Zählern. Das ist ordentlich.

Wer sich an derlei saisonalen Aspekten orientiert, dürfte also getrost in Aktien investiert bleiben. Aber wer macht das schon? Als wankelmütiges menschliches Wesen lässt man sich doch nur allzu oft von den Wenns und Abers anderer Leute ablenken und weicht dann ab vom Plan, wie man denn nun tatsächlich investiert sein will.

Aktuell lenkt beispielsweise das Bohei um die scheinbar ins Unendliche steigenden Anleihekurse ab. Vor allem in den USA ist das Gezeter groß, also dort, wo die ­Aktienindizes von Rekord zu Rekord eilen und parallel dazu die Rendite zehnjähriger festverzinslicher Papiere auf 2,3 Prozent gefallen ist — wir erinnern uns: Fallende Anleiherenditen sind gleichbedeutend mit steigenden Anleihekursen.

Die Wenns und Abers besagter anderer Leute klingen dann ungefähr so: Die Anleihen steigen deshalb, weil die wirtschaft­liche Erholung zu schwach sei, die Gefahr einer Deflation immer stärker zunehme und Anleihen daher das klar bessere Investment seien, auch wenn der Nominalzins lächerlich niedrig erscheint. Am Aktien­markt dagegen habe man das alles nicht verstanden, die Kurse seien zu hoch, und daher werde es dort über kurz oder lang kräftig nach unten gehen. Dann sei Schluss mit der Anomalie gleichzeitig steigender Aktien- und Anleihekurse.

Nun gut, die Warnung kommt ja nicht von ungefähr. Dass Anleihekurse und Aktienkurse gleichzeitig so stark steigen, ist durchaus ein klassisches Warnsignal. Meist hält so etwas nicht lange an, und entweder das eine oder das andere gibt nach, auf dass sich die Anomalie auflöse.

Aber wir befinden uns ja bekanntlich in ganz besonderen Zeiten, in denen die Notenbanken agieren, wie sie nie zuvor agiert haben. Daher kann es auch mal sein, dass etwas, was zu „normalen“ Zeiten als Anomalie bezeichnet wurde, heutzutage eher als „neue Normalität“ eingestuft wird.
Um mit den US-Staatsanleihen anzufangen: 2,3 Prozent Rendite für eine zehnjährige Anleihe mögen zwar mickrig sein, im Vergleich zu deutschen oder japanischen Staatspapieren ist die Verzinsung aber höchst ansprechend. Dass zudem die Euro­päische Zentralbank (EZB) in Person ihres Chefs Mario Draghi eine noch lockerere Geldpolitik in Aussicht gestellt hat, macht die amerikanischen Papiere noch attraktiver. Der schon jetzt sehr ausgeprägte Rückgang der langfristigen Renditen spiegelt gleichzeitig die Erwartung wider, dass eventuelle Zinserhöhungen in den USA wahrscheinlich höchst bescheiden ausfallen werden.

Die Anomalie, und das ist die Schlussfolgerung daraus, könnte daher noch weit länger anhalten — ablenkendes Gezeter hin oder her. Wie gesagt, wir befinden uns in besonderen Zeiten. Aktien und Anleihen könnten den parallelen Anstieg also durchaus noch fortsetzen. Ob irgendwann in der Zukunft dann die Aktienkurse nachgeben, um die Anomalie aufzulösen, oder doch eher die Anleihekurse — darüber machen wir uns dann Gedanken, wenn es tatsächlich so weit ist.

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