Dienstag, 25. November 2014

Was muss, das muss

Es läuft an den Märkten. Die Jahresendrally ist in vollem Gang. Das hat einiges mit EZB-Chef ­Draghi zu tun. Aber auch mit China, mit Japan – und mit positiven Überraschungen.

Das ist richtig gut angekommen an der Börse: „Wir werden tun, was wir tun müssen“, hat Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), vergangene Woche gesagt. Bei Bedarf werde man noch stärker intervenieren und durch Wertpapierkäufe mehr Geld in die Wirtschaft pumpen. Auch durch den umstrittenen Kauf von Staatspapieren. O-Ton ­Draghi: „Ohne unnötige Verzögerung.“

Seither hat der DAX richtig Schub bekommen. Was zu erwarten war. Schon vor der EZB hatten die japanische wie auch die chinesische Notenbank klargemacht, dass man die Konjunktur kräftig stützen will — die Japaner durch eine nochmalige Ausweitung der Geldmenge, die Chinesen durch niedrigere Leitzinsen. Der Effekt: stark steigende Aktienkurse in Asien.

Die Maßnahmen sind auch nötig. Denn im Gegensatz zu den USA, wo die Konjunktur recht ordentlich läuft und die Notenbank Fed schon dabei ist, die expansive Geldpolitik einzuschränken, läuft es in den anderen großen Volkswirtschaften noch unrund. Zudem ist von Inflationsgefahr nichts zu merken. Was erstaunlicherweise nicht allein an den fallenden Energiepreisen liegt — nein, auch die Kerninflationsrate, bei der schwankende Energie- und ­Lebensmittelpreise nicht berücksichtigt werden, ist und bleibt niedrig. Was die OPEC am Donnerstag (dem Erscheinungstag dieser Ausgabe) bei ihrer Sitzung entscheidet, ist daher nicht maßgeblich. Fakt ist: Wenigstens ein Minimum an Geldentwertung wird geradezu herbeigesehnt — in Japan, in Europa. Da darf man als Notenbank gegensteuern, da muss man als Notenbank gegensteuern.

Als Anleger freut man sich und nimmt die Rally mit. Warum sich gegen die Notenbanken stellen? „Don’t fight the Fed“, heißt doch eine alte amerikanische Börsenweisheit. Zumal die Nachrichten aus der Wirtschaft so schlecht nicht sind. In den USA geht es sowohl am Immobilienmarkt als auch am Arbeitsmarkt aufwärts. Ebenso im Einzelhandel — eine erste Einschätzung, wie sich das diesjährige Weihnachtsgeschäft anlässt, gibt es schon zum Wochenschluss, markiert doch der „Black Friday“ (28.11.) den Start der Holiday-Shopping-Saison.

Noch mal zurück zum Thema Inflation: Die dürfte auch in den USA neuesten Berechnungen zufolge nicht signifikant anziehen, was der US-Notenbank weiterhin die Möglichkeit gibt, erst viel später mit Zinserhöhungen zu beginnen als zuletzt vermutet worden war. Viel später. Einige Fed-Mitglieder sprechen von „Ende 2016“.

Eine positive Überraschung das. Und darum geht es an der Börse. Um positive Überraschungen. Und die gibt es tatsächlich auch in Europa, wo zuletzt alles schiefzugehen schien, die Stimmung bei Unternehmern und Konsumenten mau, das Wirtschaftswachstum schwach war. Aber da waren dann eben doch einige unerwartete, positive Nachrichten: fallende Lohnstückkosten in Griechenland, Spanien und Irland etwa. Dazu kommen Unternehmenszahlen, die überzeugten.

Das reicht für steigende Kurse. Im Sog der Wall Street geht es nach oben. Aber wie weit noch? Der eher pessimistische Jeremy Grantham von GMO spricht von 2250 Punkten beim S & P 500. Sam Eisenstadt, der 63 Jahre lang für Value Line Research seine Prognosen erstellte, bevor er 2009 in den Ruhestand ging, und der als einer der besten Analysten aller Zeiten gilt, spricht von 2225 Punkten. Und die Bewertungen? Sind die denn nicht zu hoch? Sind sie nicht. Das KGV der US-Aktien liegt für 2015 bei 16,8 — also etwa auf dem Niveau des langjährigen Schnitts von 16. In einem Niedrigzinsumfeld wäre jedoch ein KGV von 20 durchaus angemessen.

Mittwoch, 12. November 2014

Auf Herbst folgt Frühling


Die scharfe Korrektur vom Oktober ist tatsächlich schon abgehakt. Die Voraussetzungen für eine Jahresendrally sind gut, weil zahlreiche Bedingungen dafür bereits erfüllt sind.

Seit Ende Oktober steigen die Kurse wieder steil an. Und so manch einer, der dem Ganzen in den zurückliegenden Tagen nicht so recht trauen wollte, dürfte sich nun fragen: Soll ich denn jetzt noch einsteigen? Den Zaudernden sei eine Weisheit Warren Buffetts aus dem Jahr 2008 ans Herz gelegt, geäußert kurz bevor die US-Märkte ihren Tiefpunkt erreichten: „Wer auf die Rotkehlchen wartet, wird den Frühling verpassen“, befand Buffett damals. Gemeint hat er natürlich den Börsenfrühling, stand doch damals wie heute rein kalendarisch erst mal der Winter bevor.

Trotzdem dürfte die Schar derer groß sein, die vor einem Einstieg zum jetzigen Zeitpunkt warnen. Zum einen weil in den kommenden Tagen nur wenige Indikatoren und andere börsenrelevante Zahlen und Aussagen anstehen und erfahrungsgemäß gerade die Schwarzseher in solchen nachrichtenarmen Zeiten nur allzu gern ihre düsteren Prognosen abgeben. Und zum anderen weil Anfang Oktober die Kurse nach den panikartigen Verkäufen tatsächlich extrem schnell wieder gestiegen sind — v-förmig, wie es im Börsenjargon so schön heißt — und daher die eine oder andere Konsolidierung in den kommenden Tagen durchaus zu erwarten ist.

Trotzdem sollte man es wohl eher mit Buffetts Rotkehlchen-Ratschlag halten, auch wenn die Kurse derzeit nicht auf einem Tief wie 2008, sondern auf Höchstständen notieren — zumindest in den USA und in Japan. Jedoch sind die Monate November und Dezember aus historischer Sicht schon immer die ertragreichsten für Aktionäre gewesen. Stichwort: Jahresendrally. Und wer will die schon verpasen?

Dass es auch dieses Jahr vermutlich erneut zu besagter Rally kommt, liegt daran, dass das Oktober-Börsengewitter so einiges bereinigt hat, was in den Monaten davor für heißgelaufene Kurse und für immer mehr Stirnrunzeln bei Börsianern gesorgt hatte, und weil sich gleichzeitig ökonomisch wie tatsächlich auch in der verfahrenen Weltpolitik doch das eine oder andere zum Besseren gewendet hat. 

Am Aktienmarkt selbst ist es die Marktbreite, die überzeugt. Das ganze Jahr über war diese immer dünner geworden. Soll heißen: immer weniger Aktien waren Teil der Kursrally. Vor allem die Nebenwerte kamen dabei tüchtig unter die Räder. Das hat sich seit der Oktober-Korrektur wieder ins Gegenteil gewandelt. Die Marktbreite hat zugenommen und nimmt weiter zu. In der Vergangenheit war dies immer ein gutes Indiz für einen anhaltenden Aufschwung an den Märkten.

Natürlich hat der jüngste Kursanstieg viel mit den angekündigten oder bereits angelaufenen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB), der Bank of Japan, aber auch der chinesischen Notenbank zu tun. Diese weiten ihre Geldmengen aus und gleichen dadurch die sinkende Liquidität in den USA aus (wir hatten das an dieser Stelle schon in Heft 35 zur Bedingung für weiter steigende Kurse gemacht).

Doch es wäre falsch, den Grund für die gute Börsenverfassung allein bei den Notenbanken zu suchen. Es sind auch die Konjunkturdaten, die überzeugen — vor allem in den USA, weniger in Europa. Jenseits des großen Teichs etwa die Daten vom Arbeitsmarkt sowie die guten Quartalszahlen der Konzerne. Auch was die Politik angeht, kann man einige Unsicherheitsfaktoren abhaken, etwa die Zwischenwahlen in den USA. Hinzu kommt, dass China und Japan Gespräche über umstrittene Hoheitsgebiete vor ihren Küsten begonnen haben. Negativ bleibt indes, dass der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland alles andere als ausgeräumt ist. 

Vielleicht hilft darüber ein weiterer schlauer Satz hinweg: „Wer die aktuellen Kurse für zu hoch hält, der soll mal in 20 Jahren wiederkommen.“ Das hat zwar nicht Buffett gesagt, es findet sich aber auch auf der langen Liste der Börsenweisheiten.