Donnerstag, 4. Dezember 2014

Vergeblich pfeifende Spatzen

Manchmal funktionieren simple Regeln an der Börse nicht. Etwa die von „Kauf das Gerücht, verkauf die Nachricht“. Beim Rutsch des Ölpreises war das so. Mit Folgen auch für die Aktienmärkte

Normalerweise läuft es an der Börse ja nach dem simplen Muster „Buy the rumour, sell the news“, also: Kaufen, wenn Gerüchte aufkommen, und verkaufen, wenn sie sich bewahrheiten. Entsprechend andersherum, wenn es um negative Gerüchte geht — dann wird erst verkauft und die Position glattgestellt, wenn die Unkenrufe sich tatsächlich als richtig herausgestellt haben. Vergangene Woche jedoch wurde vom üblichen Muster abgewichen. Nach dem Treffen der OPEC-Bosse am Donnerstag in Wien kam der Ölpreis erneut enorm unter Druck, nachdem er ja schon seit Wochen kräftig gefallen war. Dabei hatten es die Spatzen doch längst von den Wiener Dächern gepfiffen, dass das wohl nichts wird mit einer Verknappung des Ölangebots, um den Preis wieder nach oben zu treiben. Und so kam es denn auch. Wie erwartet eben.

Trotzdem wurde verkauft. Und auch noch recht wahllos. An den Terminmärkten rutschten die Futures-Preise für die unterschiedlichsten Ölsorten ebenso in den Keller wie an den Aktienmärkten die Kurse für die Ölunternehmen — egal, ob es sich um integrierte Großkonzerne handelt, die alles unter einem Dach vereinen, von Förderung und Verarbeitung bis hin zur Vermarktung, ob Raffinerien, ob Bohrunternehmen, ob Ausrüster oder ob US-Fracking-Gesellschaften — erst mal weg damit, so lautete offensichtlich die Devise.

Normalerweise muss so ein Sell-off erst einmal verdaut werden. Nicht nur im Ölbereich, nein, an den Märkten insgesamt. Aber denkste. Nach kurzer Stagnation zum Wochenschluss ging es ab Dienstag wieder nach oben. Der DAX schaffte es dabei sogar wieder über die scheinbar magische 10000er-Marke.

Klar, der fallende Ölpreis hat ja sein Gutes. Bei den meisten Unternehmen sinken die Kosten, gerade in der Industrie oder im Transportbereich. Die Konsumenten haben mehr Geld in der Tasche, wenn Benzin und Heizkosten billiger werden. Geld, das sie nun anderweitig ausgeben können. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) dürfte ein Preisrückgang beim Rohöl von 30 Prozent für ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent in den meisten Industrieländern sorgen, weil diese überwiegend Öl importieren. IWF-Chefin Christine Lagarde verwies insbesondere auf die USA, Europa, Japan und China.

Das sind gute Vorzeichen für weiter steigende Kurse an den Aktienmärkten. Zum einen sind die Notenbanker insgesamt auf expansivem Kurs, zum anderen passt auch der saisonale Faktor. So haben die Leute vom Datenanbieter McGraw-Hill herausgefunden, dass die Börsen seit 1995 in jedem Dezember Plus gemacht haben, wenn denn der bisherige Jahresverlauf ebenfalls positiv war. Und diese Voraussetzung passt auch für 2014 — weltweit, für den deutschen, den japanischen und den amerikanischen Aktienmarkt. Was soll also noch schiefgehen?

„Buy the rumour, sell the news“. Tja, demnach dürfte man jetzt auch mal Gewinne mitnehmen. Oder das Risiko etwas reduzieren. Es gibt ja auch Risikofaktoren. Russland und Venezuela etwa gehören zu den Ölverlierern. Halten die still? Sinkende Ölpreise bedeuten auch weniger Petrodollar, die bisher die Kurse amerikanischer Staatsanleihen so wunderbar gestützt haben. Wird es da einen Nachfrageknick geben? US-Ölunternehmen sind stark über Junk-Bonds, also Hochzinsanleihen, finanziert. Da könnte es zu Zahlungsausfällen kommen, die den ganzen Junk-Bereich ins Wanken bringen. Und die Notenbanken? Müssen die jetzt ihre Geldpolitik überdenken? Heute tagt die EZB und eigentlich pfeifen die es die Spatzen doch längst von den Dächern, dass ...

Unsicherheit gibt es also zuhauf. Über Korrekturen sollte man sich daher nicht wundern. Insgesamt jedoch sieht es weiterhin gut aus.

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