Dienstag, 27. Januar 2015

Eine Frage der Flexibilität

Draghi hat geliefert, Griechenland gewählt – die Börsen steigen. Alles scheint in bester Ordnung. Wenn da nur nicht die mauen Quartalszahlen wären. Und die Sorge vor steigenden US-Zinsen.

Er hat nicht enttäuscht, der Chef der Europäischen Notenbank (EZB): Mario Draghi gab in der Vorwoche den Start eines Anleihekaufprogramms über monatlich 60 Milliarden Dollar bekannt. Mehr als erwartet. In der Folge kletterten DAX und Euro Stoxx deutlich, Dow und S&P-500 hielten sich immerhin passabel, und der Euro rutschte gegenüber dem US-Dollar gewaltig ab. Letzteres ist nur logisch, schließlich haben die Amerikaner ihr Anleihekaufprogramm längst gestoppt und bereiten vielleicht schon eine erste Erhöhung des Leitzinses vor.

Keine leichte Situation für Fed-Chefin Janet Yellen. In den vergangenen Jahren waren die USA die Zugmaschine der Weltwirtschaft. Während vor allem in Europa die Volkswirtschaften zu kämpfen hatten, legten die Amerikaner Quartal für Quartal in Sachen Wirtschaftswachstum überzeugende Zahlen hin. Auch in diesem Jahr wird die US-Wirtschaft mit wohl 3,6 Prozent fast dreimal so schnell wachsen wie Deutschland und der Euroraum. Im Konjunkturzyklus hinken die Europäer weit hinter den Amerikanern her. Auch was die Börsenentwicklung angeht, gab die Wall Street bislang den Ton an. Gerade im vergangenen Jahr blieb der DAX deutlich hinter den US-Indizes zurück. Diese Konstellation hat sich jetzt — vor allem auch durch Draghis Milliarden-Liquiditätsprogramm — höchst dramatisch umgekehrt.

Dass nun die US-Börsen nicht mehr hinterherkommen, liegt jedoch auch an den nicht recht überzeugenden Zahlen der amerikanischen Berichtssaison. In Summe lagen die Gewinnzahlen bislang zwar zu zwei Drittel über den Erwartungen und die Umsätze immerhin zur Hälfte. Allerdings fielen in der Einzelbetrachtung die negativen Überraschungen weit deftiger aus als die positiven News. Zudem sind es neben Energie-Aktien gerade Schlüsselsektoren wie Banken und — durchaus überraschend  — Konsum-Aktien, die teils arg enttäuschten. Dem gegenüber steht der DAX, der zuletzt von Rekord zu Rekord eilte und so langsam etwas überhitzt scheint. Nicht einmal der Sieg der Linkspopulisten bei der Wahl in Griechenland konnte den Aufwärtsdrang bremsen. Es scheint, als sei der dortige politische Umschwung mit all den Problemen und Streitigkeiten, die er für die Eurozone bedeutet, längst in den Kursen der europäischen Aktienmärkte enthalten.

Was wird Frau Yellen also tun? Die Unternehmen in den USA — vor allem die großen, exportorientierten — haben durch den schwachen Euro und den schwachen Yen verstärkt mit Wettbewerbsnachteilen auf dem Weltmarkt zu kämpfen. Zinserhöhungen in den USA könnten diese Währungsproblematik noch verschärfen. Keine leichte Situation für Fed-Chefin Yellen.

Das Gute an der einigermaßen vertrackten Situation: Mit der Fed-Pressekonferenz hat die „Woche der Wahrheit“ endlich ein Ende gefunden. Man kann einen Haken dranmachen: an den EZB-Entscheid, die Griechenland-Wahl und die Fed-Konferenz. Und man kann sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren. Auf die Unternehmensergebnisse, wo in den kommenden Tagen noch viel zu erwarten ist. Und auf die Stimmung am Markt. Die ist in den USA nicht besonders gut und in Deutschland trotz der DAX-Rekorde nicht euphorisch. Geht es allein nach diesem Kontraindikator, dann ist mit weiter steigenden Kursen zu rechnen. Auf der anderen Seite sind wie erwähnt die Unternehmensergebnisse eher durchwachsen, und der Februar gilt unter Saisonalitätsgesichtspunkten als eher lauer Monat. Letztlich bleibt es also bei dem Rat: kleine Positionen fahren, mal Gewinne mitnehmen, flexibel bleiben.

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