Dienstag, 3. Februar 2015

Verkehrte Welten

DAX 10 000 ist noch gar nicht so lange her. Und schon hangelt sich der Index zur nächsten großen Marke – DAX 11 000. Eine sensationelle Entwicklung. Und eine konsequente.

Das hat offenbar System: Die Börsen in Europa, allen voran der DAX, laufen in diesem Jahr klar besser als die US-Handelsplätze. Dabei war seit Beginn des Börsenaufschwungs 2009 stets das Gegenteil der Fall. Aber warum ist das jetzt anders? Die Antwort liegt auf der Hand: Es liegt am Euro. Oder besser: Es liegt auch am Euro. Denn der fällt. Seit Spätsommer 2014 schon. Und er fällt richtig vehement, seit die EZB den Start ihres milliardenschweren Anleihenkaufprogramms verkündet hat. Vielleicht fällt er auch, weil der Linkspopulist Alexis Tsipras in Griechenland das Ruder übernommen hat – der allerdings immer mehr von seinen radikalen Forderungen zurücknehmen muss.

Die Börsen in Europa sind durch den schwachen Euro zu „Abwertungsbörsen“ geworden, wie das der Schweizer Marktguru Alfons Cortés so schön formuliert. Eine schwache Währung bedeutet einen Wettbewerbsvorteil im Welthandel. Simpel die Formel. Und durchaus richtig. Auch andere machen das. Tokio ist ebenfalls eine Abwertungsbörse, um gegen die Konkurrenz, etwa aus China, zu bestehen.

Doch was nützt all die schöne Outperformance, wie die relativ bessere Wertentwicklung in der Börsensprache so unschön heißt, wenn die Weltleitbörse New York nicht nur hinterherhinkt, sondern gar richtig schwächelt? Zumindest tat sie dies bis einen Tag vor Redaktionsschluss. Durch den extrem starken Dollar sind die US-Märkte nämlich zur „Aufwertungsbörse“ geworden. Was nicht schlimm sein muss, die Amerikaner sind schon immer ganz gut mit einem starken Greenback zurecht gekommen, die Historie zeigt das. Allerdings ist die derzeitige Aufwertung des Dollar doch recht massiv und schnell voran geschritten. Und das macht dann Sorgen. Denn klar ist: DAX, Euro Stoxx und Co werden nicht nachhaltig steigen, wenn die US-Börse fällt. Auch das lehrt die Geschichte. Mindestens ihr Niveau halten, das sollten Dow und Nasdaq Composite schon.

Doch wird das gelingen? Von wichtigster Bedeutung für die Entwicklung der Börsen ist die Entwicklung der Firmengewinne. In den USA ist die Berichtssaison ja in vollem Gang. Etwa die Hälfte der 500 größten Unternehmen hat bereits die neuesten Zahlen vorgelegt. Die sind durchaus gut, jedoch meist mit einem „Aber“ versehen. 40 Prozent dieser Unternehmen kann mit Umsatz- und Gewinnzahlen punkten, die besser ausgefallen sind als zuvor vermutet. Das ist gut. Die Ausblicke auf die kommenden Quartalszahlen werden jedoch tendenziell eher zurück genommen. Das ist nicht gut. Normalerweise quittieren die Börsen so etwas mit einer Korrektur. Auch das zeigt ein Blick in die Historie.

Nun ist es aber so, dass der Dow Jones in den zurückliegenden Wochen bereits um fünf Prozent korrigiert hat (beim DAX waren es zwischendurch mal 2,5 Prozent). Das müsste doch reichen, oder? Im vergangenen Jahr jedenfalls war ein Rücklauf in diesen Dimensionen immer gut genug, um eventuelle Überhitzungstendenzen abzubauen und den Aufwärtstrend im Anschluss wieder aufzunehmen. Einzige Ausnahme: der Kurssturz im Oktober.

Und dieses Mal? Es könnte erneut reichen. Aus charttechnischer Sicht haben die US-Börsen wichtige Unterstützungsmarken gehalten. Das sollten sie auch in den kommenden Tagen tun, damit die Börsen-Realität diesen Marktausblick nicht ad absurdum führt. Ein weiterer Grund für eine positive Prognose: Der Ölpreis stabilisiert sich. Das ist gut, weil die Unternehmen nun endlich wieder eine Basis haben, mit der sie kalkulieren können. Und der Euro? Sogar der scheint seinen Fall zu bremsen. Vielleicht sind die Unternehmen also zu vorsichtig mit ihrem Gewinnprognosen? Stehen da irgendwann Revisionen nach oben an? Sehr gut möglich. Es wäre auf jeden Fall wichtig für die Fortsetzung der Börsen-Rally.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen