Dienstag, 7. April 2015

Schwache Zahlen, steile Thesen

Die Skepsis um den Zustand der Wirtschaft – vor allem, was die USA angeht – ist mal wieder groß. Die Aktienkurse steigen trotzdem. Das hat auch etwas mit dem Wankelmut der Börsianer zu tun.

Probieren wir es mal mit einer steilen These: Solange der Aktienmarkt die Pressekonferenzen, Aufsätze und Reden der Notenbanker — egal, ob amerikanische oder europäische — mit steigenden Kursen goutiert, wird die Börsenrally Bestand haben — und vice versa. Am Montag etwa ließ uns Bill Dudley, Chef der New Yorker Notenbank, wissen, dass der offensichtliche Schwächeanfall der US-Wirtschaft im ersten Quartal „temporär“ sei. An der Wall Street ging es daraufhin steil nach oben, die europäischen Börsen folgten am Dienstagvormittag — montags herrschte hier ja noch österliche Ruhe.

Dudleys Aussage kam zur rechten Zeit. In den USA machte sich zuletzt mehr und mehr die Sorge breit, dass es um das Wirtschaftswachstum nicht zum Besten steht. Vor wenigen Wochen noch lagen die Erwartungen bei einem Plus von zwei Prozent für das erste Quartal. Jetzt senkt man den Daumen und geht — je nach Quelle — von zwischen 0,1 und einem Prozent aus. Im schlimmsten Fall praktisch Stillstand! Das muss man erst mal verdauen, wenn man kurz zuvor noch optimistisch war.

Aber so ist das eben mit den Wirtschaftsnachrichten. Und mit der Interpretation dieser Daten. Da schwankt es bisweilen gewaltig. Davon sollte man sich aber nicht kirre machen lassen, solange die Richtung im Großen und Ganzen stimmt. Ein einzelner schwacher Monat oder auch ein einzelnes schwaches Quartal machen eben noch keine Rezession.

Beispiel Arbeitsmarktdaten. Hier veröffentlichten die US-Behörden am Karfreitag die neueste Statistik, an einem Tag also, an dem die Börsen diesseits und jenseits des Ozeans bis auf ein paar Minuten Futures-Handel geschlossen blieben. Die Zahlen waren enttäuschend — zu wenige neue Jobs. Für manche ein Grund zur Panik. Die Futures sackten ab. Und in etlichen Börsenforen, aber auch bei Twitter wurden Angst und Schrecken verbreitet: Ein Kursdesaster stehe uns am Montag bevor.

Aber es kam ganz anders am Ostermontag. Sicher auch wegen Dudley. Und wegen der Neigung der Menschen, die ... Dinge mal so und mal anders zu beurteilen. Es schadet ja auch nicht, etwas länger nachzudenken und Dinge sacken zu lassen. Mit dem aktuellen Ergebnis, dass sich offensichtlich die Erkenntnis durchgesetzt hat, es sei doch nicht alles im Argen und der übergeordnete Trend bestehe weiterhin. Und der zeigt tatsächlich immer noch eine kontinuierliche, wenn auch langsame Erholung an. Am Arbeitsmarkt im Speziellen und für die Konjunktur im Allgemeinen — trotz und wohl auch wegen aller Schwierigkeiten.

Apropos kontinuierlich: Die österliche Dudley-Rally ist vor allem auch deswegen interessant, weil sie alle zehn Sektoren umfasste, in die die 500 Unternehmen des S&P-Index eingeteilt sind. Alles im Plus. Eine ordentliche „Marktbreite“ also, wie es im Jargon so schön heißt. Mehr geht nicht.

Ebenfalls bemerkenswert: der Anstieg des Ölpreises. Hier scheint es, als ob der Preisverfall ein Ende gefunden hat. Auch das ist positiv für die Entwicklung der Börsen. Die Sorge um ein Durchrutschen auf 20 Dollar pro Barrel sollte vom Tisch sein.

Also weiter steigende Kurse? Ist die Phase der Konsolidierung nun zu Ende? Der April als historisch stärkster Börsenmonat im Kalenderjahr gibt ein Kursplus sicher her. Allerdings müssen da auch die Unternehmen mitmachen. In den USA beginnt die „Earnings Season“, ab sofort gibt es wieder neue Umsatz- und Gewinnzahlen. Die Erwartungen sind eher gedämpft. Aber das muss nicht schlecht sein. So bleibt Platz für positive Überraschungen. Und für steile Thesen.

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