Dienstag, 12. Mai 2015

Reinigendes Gewitter

Seit Mitte April ging es am deutschen Aktienmarkt bergab. Inzwischen stehen die Chancen aber gut, dass der Markt einen Boden gefunden hat und die Kurse wieder steigen.

War es das mit dem Abwärtstrend? Der DAX hat das ja ganz schul­buchmäßig gemacht seit Mitte April: Korrektur in drei Schüben, jeweils unterbrochen von einer Zwischenrally. Und alles verbunden mit richtig hoher Volatilität — Tagesbewegungen von mehre­ren Hundert Punkten. Und dazu noch ein panikartiger Abverkauf bis unter 11 200 Punkte. War es das also jetzt?

„Deutsche Aktien waren Anfang April überkauft“, meint Robert Halver, Aktien­experte von der Baader Bank. „Was wir jetzt sehen, ist ein reinigendes Gewitter, eine vorübergehende Korrektur“, sagt er. Und in der Tat, es sieht nicht schlecht aus. Gerade der starke Anstieg am Freitag der Vorwoche macht Hoffnung. Vor allem zwei Gründe gab es dafür: Da war der überra­schende Wahlsieg der Konservativen in Großbritannien, der die Sorge vor einem Austritt des Königreichs aus der Europäi­ chen Union erst einmal verdrängt hat. Und da waren die durchwachsenen Ar­beitsmarktdaten aus den USA, die die Hoff­nung nähren, dass die US-Notenbank Fed doch eher vorsichtig mit Zinserhöhungen umgehen wird. Hinzu kommt ein dritter Punkt: Auch wenn der Ukraine­-Konflikt ein wenig aus dem Fokus der Weltöffentlich­keit gerückt ist, so ist es doch beruhigend, dass es Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Treffen mit dem russischen Präsiden­ ten Wladimir Putin am Wochenende gelun­gen ist, trotz aller Differenzen weiterhin mit ihm im Gespräch zu bleiben.

Die Überhitzungen bei DAX und Euro Stoxx scheinen sich also abgebaut zu haben. Ähnliches gilt für den US-Dollar, der gegenüber dem Euro in der ersten Jah­reshälfte ja immens aufgewertet hat. Von kommender Wechselkursparität war da wochenlang die Rede. Investmentbanken wie Goldman Sachs gaben gar Kursziele von 0,85 Euro für den Dollar aus. Das Ge­genteil aber ist passiert, der Euro hat sich gefangen. Mit zwei Effekten. Der erste: Die Trendumkehr hat den DAX erst mal ausgebremst, war man doch dank des immer billiger werdenden Euro von fantastischen Gewinnschüben bei den Exportunternehmen ausgegangen. Effekt zwei: In den USA ist man inzwischen recht erleichtert, mussten sich die dortigen Exportunternehmen doch immer mehr Sorgen um ihre Wettbewerbsfähigkeit machen. Letztlich gilt für den Dollar, was auch auf den Ölpreis zu- trifft: Dramatische Preis- und Kursänderungen sorgen hier immer auch für dramatische Verwerfungen am Aktienmarkt. Dass sich das Auf und Ab nun beim Öl wie beim Dollar beruhigt hat, ist daher ein gutes Zeichen für die Börsen weltweit.

Also: Es ist ruhiger am Ölmarkt, und es ist ruhiger am Devisenmarkt. Die Politik der Europäischen Zentralbank EZB ist wei-terhin klar expansiv. Ähnliches gilt für die Politik der US-Notenbank — egal, wann die Zinserhöhung nun kommt, scheint doch klar, dass absolut gesehen das Niveau der amerikanischen Leitzinsen langfristig auf richtig niedrigem Niveau bleiben wird. Das Fundament für eine positive Entwicklung der Weltwirtschaft in der zweiten Jahreshälfte ist damit eigentlich gelegt. Und das wiederum dürfte viele überraschen, ging man doch nach den schwachen Zahlen des ersten Quartals — gerade in den USA — bisher eher von einer Abschwächung aus. Die Börsenstimmung — sowohl in Europa als auch in den USA — zeigt dies auch durchaus an. Die Mehrzahl der Anleger ist eher neutral, hat keine Meinung zum weiteren Marktgeschehen oder ist gar pessimistisch — ein Kontraindikator, denn bei Pessimismus gibt es noch Potenzial für Käufe. Für die weitere Entwicklung der Aktienkurse ist das ein gutes Zeichen.

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