Dienstag, 19. Mai 2015

Strapazierte Nerven

Es geht hin und her. Die Tagesschwankungen beim DAX sind enorm. Unterm Strich sieht es inzwischen aber gar nicht mehr so schlecht aus für wieder steigende Kurse.

So schlecht zeigt sich der Aktienmarkt derzeit nicht. Allerdings ist er hochgradig volatil. Der DAX schwankt weiter stark. Tagesausschläge von 200 Punkten und mehr sind der Normalfall. Das strapaziert die Nerven. Und die sind ja ohnehin angeschlagen, hat der deutsche Leitindex doch seit seinem Allzeithoch von rund 12 400 Punkten in der Spitze 9,9 Prozent verloren. Das ist eine Menge Porzellan, das da zerschlagen wurde. So verwundert es auch nicht, dass manch einer noch weit tiefere Kurse erwartet, bis ein Boden tatsächlich und nachhaltig erreicht ist. Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank beispielsweise hat neulich gesagt, dass der deutsche Leitindex im schlimmsten Fall bis Mitte Juni auf 10 700 oder gar 10 500 Punkte abrutschen kann. Das wäre noch mal richtig viel.

Mit ein Grund für das heftige Hin und Her ist die Lage am Devisenmarkt. So hat der Euro in den vergangenen Wochen deutlich zugelegt. Von Parität ist längst keine Rede mehr. Und so wie der fallende Euro eine Triebfeder für die DAX-Rally war, so sorgte der steigende Euro für wieder fallende Kurse. Allerdings scheint sich der Wechselkurs Euro/Dollar langsam zu stabilisieren — wir haben das ja schon vergangene Woche geschrieben. Im Umkehrschluss könnte das bald auch die Volatilität am Aktienmarkt etwas bremsen.

Dann waren da noch die plötzlichen Unruhen am Anleihemarkt. Die Kurse der Staatsanleihen verloren so viel wie seit vier Jahren nicht mehr — entsprechend umgekehrt kletterten die Zinsen nach oben. So stieg beispielsweise die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von 0,07 auf 0,72 Prozent, die Rendite zehnjähriger US-Treasuries von 1,8 auf 2,2 Prozent. Innerhalb kürzester Zeit. So was gab es laut Barclays-Analysten in den vergangenen 15 Jahren nur zweimal. Doch was war der Grund dafür?

Eine mögliche Erklärung liefern die Inflationserwartungen. Die sind plötzlich gestiegen, was naturgemäß zu Bewegungen am Zinsmarkt führt. Dass die Inflations­erwartungen zugenommen haben, liegt unter anderem am Ölpreis, der seit März um fast 40 Prozent gestiegen ist. Ein weiteres Argument ist die Tatsache, dass es durchaus möglich ist, dass das Wirtschaftswachstum in Europa in den kommenden Quartalen stärker ausfällt als bislang erwartet. Auch das hebt die Inflationserwartungen und ist damit Grund genug für ein höheres Renditeniveau. Alles gute Argumente. Vielleicht ist es aber noch viel einfacher: Der „Crash“ am Anleihemarkt liegt schlicht daran, dass es dort in den vergangenen Monaten zu stabil war. Dass sich an eine solche Phase irgendwann eine drastische Korrektur anschließt, ist da nur normal. Der amerikanische Ökonom Hyman Minsky hat dazu mal eine schöne These formuliert.

Apropos Inflationsziele: Der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi hat ja zuletzt erneut bekräftigt, dass man die expansive Geldpolitik weiterhin so lange beibehalten werde wie nötig — bis die gesteckten Inflationsziele tatsächlich und nachhaltig erreicht werden. Eine gute Ansage, hatte man sich doch schon Sorgen gemacht, dass die derzeit leicht steigende Geldentwertung die EZB dazu bringen werde, das Anleihekaufprogramm vorzeitig zu beenden. Den Anleihecrash hat Draghi damit jedenfalls gestoppt. Seither hat sich die Lage bei den Bundesanleihen wieder beruhigt. Und ebenso die Lage am Aktienmarkt.

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