Mittwoch, 16. September 2015

Zwischen Hoffnung und Panik

Die US-Notenbank ist am Zug. Wann kommt die Zinswende? Wie reagieren die Märkte? Der Spekulation sind Tür und Tor geöffnet. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Selten war ein Marktausblick an dieser Stelle so schwierig wie dieses Mal. Für den 16. und 17. September ist nämlich das Treffen der amerikanischen Notenbanker angesetzt. Und die Notenbank Fed könnte just an diesen beiden Tagen die Zinswende einläuten. Und das wäre eine ordentliche Zäsur, steht doch der Leitzins seit Dezember 2008 unverändert bei null bis 0,25 Prozent.

Eine schwierige Gemengelage. Der alte Investmentfuchs Jim Rogers beispielsweise glaubt, dass die Fed die Leitzinsen zwar anheben, sie danach aber ganz schnell wieder senken wird, sollten die Märkte in den Panik-modus umschalten. Und das wäre gar nicht so abwegig. Es ist durchaus möglich, dass die Märkte auch in den kommenden Wochen durch weitere Schockwellen erschüttert werden.

Die aktuell extreme Volatilität wird wohl schon allein deshalb anhalten, weil die wichtigsten Kräfte der Weltwirtschaft in verschiedene Richtungen wirken: China und Europa weiter expansiv, was die Geldpolitik angeht, die USA restriktiv. Die Folge dürften immer wieder Nachbeben sein — egal ob in Europa oder an anderen Börsen der Welt. Die Märkte müssen sich eben noch arrangieren mit dieser ungewöhnlichen Situation. Und solange der Ölpreis niedrig bleibt und es keine absehbare Erholung beim Konsum und bei den Kapitalaufwendungen gibt, dürfte die Stimmung gedrückt bleiben.

Und da ist dann ja noch die Sache mit den fehlgeschlagenen Zinserhöhungsversuchen anderer Notenbanken. Fast ein Dutzend Zentralbanken haben seit der Finanzkrise bereits die Zinswende einläuten wollen. Aber jedes Mal ging es schief. Die schwedische Zentralbank hat es 2010 versucht — aus Furcht vor einer Spekulationsblase am Immobilienmarkt. Dadurch sank die Inflation, und mit der Erholung am Arbeitsmarkt war Schluss. Und heute? Heute hat Schweden negative Leitzinsen. Oder die Israelis: Die probierten es 2009, wurden aber durch die wirtschaftlichen Verwerfungen in Europa und die weltweite Inflation gezwungen, den Zins postwendend wieder zu senken — und zwar auf ein niedrigeres Niveau als zuvor.

Und jetzt also ein erneuter Versuch? Und dann gleich von der weltweit wichtigsten aller Notenbanken. Spannend! Wie wird die Börse reagieren? Die Frage ist ja auch: Was ist in den Kursen bereits „eingepreist“, wie es so schrecklich im Börsianerdeutsch heißt. Sollte der chinesische Yuan etwa weiter abwerten, was nach einer US-Zinserhöhung recht wahrscheinlich ist, dürfte es wohl doch noch einmal ungemütlich werden. Und was ist mit den anderen Schwellenländern? Mit Brasilien, mit Indien? Und was ist mit den gesunkenen Rohstoffpreisen? Hält die Schwäche weiter an, dann wirkt dies deflationär, was keine gute Nachricht für die Börse ist.

Das Positive an der Korrektur: Aktien sind jetzt günstiger zu haben. Sowohl auf Basis der Unternehmensgewinne als auch unter dem Preis-Buchwert-Aspekt notieren die Märkte inzwischen wieder unter dem langfristigen Durchschnitt. Das könnte im Fall eines weiteren Kursrutsches unterstützend wirken. Und — wenn man mal optimistisch bleiben will — solange die Aussichten für das weltweite Wachstum nicht dramatisch heruntergeschraubt werden und ein möglicher Zinswendeschritt verdaut ist, könnte es vielleicht später im Jahr auch wieder nach oben gehen.

Dienstag, 8. September 2015

Hängepartien und Zerreißproben

Der DAX startet ganz gut in die Woche. Trotzdem ist eine weitere Abwärtsbewegung möglich. Die Sorgen um Chinas Konjunktur und um die US-Leitzinswende werden nicht weniger.

Wie geht’s denn jetzt weiter an den Märkten? Was ist das nur mit China? Geht’s da jetzt so richtig abwärts? Und reißen die alles mit? Fragen über Fragen. Und — leider — keine simplen Antworten. Dass nicht alles Gold ist im Reich der Mitte, ist ja schon lange klar: Der Immobilienmarkt etwa hat seinen Zenit längst überschritten. Und der von Zockern geprägte Aktienmarkt ist vernunftbegabten Beobachtern schon lange ein Dorn im Auge. Nur hat das jahrelang der chinesischen Wirtschaft scheinbar keinen Schaden zugefügt. Aber offensichtlich beginnen diese negativen Auswüchse jetzt langsam Wirkung zu zeigen: etwa auf Chinas Konsum- und Investitionsfreude.

Wenn dann auch noch Chinas Zentralbankchef Zhou Xiaochunan gesteht: „Die Blase ist geplatzt“, dann kann das einem schon ordentlich Sorgen bereiten. Denn auch die Nachbarländer bekommen Chinas Probleme zu spüren — die Nachfrage nach Produkten und Vorprodukten lässt schlicht nach. Ebenso leiden die Rohstoffländer; Kanada beispielsweise ist in die Rezession gerutscht.

Das Problem daran: Bislang haben die chinesischen Gegenmaßnahmen noch zu keiner echten konjunkturellen Stabilisierung geführt. Dabei wäre die dringend nötig, geht doch die andere große Wirtschaftsmacht des Planeten, die USA, ganz offensichtlich den Weg baldiger Liquiditätsverknappung, also genau entgegengesetzt. Allerdings sind auch da viele skeptisch: Es sei dafür doch eigentlich schon zu spät, es hätte längst weit günstigere Zeitpunkte für derlei Aktionen gegeben.

Jedenfalls: Kommt die US-Zinswende, egal ob im September oder im Dezember, dann müssen andere in die Bresche springen, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Das ist China. Und das ist der Euroraum. EZB-Chef Mario Draghi hat vergangene Woche angedeutet, man könne bei Bedarf die bestehenden Wertpapierkäufe „ausweiten“. Na ja, an der Börse wurde darauf zunächst eher verhalten reagiert. Vielleicht macht man sich ja auch schon Sorgen wegen der Uneinigkeit um die Verteilung der zahlreichen Flüchtlinge auf die EU-Länder. Da gehen die Meinungen der einzelnen Regierungschefs bekanntlich weit auseinander. Darin steckt  politische Sprengkraft, vielleicht mehr, als man sich jetzt vorstellen mag. Die EU steht vor einer weiteren Zerreißprobe.

Beruhigungspillen seitens der Institutionen sucht man also eher vergeblich. Dabei wäre so etwas genau das, was man jetzt bräuchte. Denn die Stimmung an den Finanzmärkten ist auf der Kippe, auch wenn sich der DAX zu Beginn der Woche doch deutlich erholt hat. Wechselt die Stimmung tatsächlich, könnte das noch einmal drastische Folgen haben: etwa eine neuerliche Panik an den Aktienmärkten. Und vielleicht einen weiteren Kursrutsch, ähnlich dem von Mitte August. Noch ist das also eine recht wackelige Hängepartie bei DAX und Dow Jones.

Um es noch einmal zu betonen: Kommt die US-Leitzinswende tatsächlich (der nächste mögliche Termin ist am 16./17. September), dann müssen andere in die Bresche springen, denn sonst nützen die zuletzt positiven Meldungen von der EU-Konjunkturseite, etwa die guten deutschen Exporte, wenig. Dann setzen sich die Ängste durch — die Konjunkturängste in Asien, die Angst vor einem möglichen Währungsabwertungswettlauf. China ist gefordert, der Euroraum auch. Oder aber die Weltkonjunktur springt überraschenderweise doch noch an.

Dienstag, 1. September 2015

Eine Frage des Vertrauens

Auch eineinhalb Wochen nach dem Montags-Crash ist die Unsicherheit groß. Es fehlt (noch)an einigen grundlegenden Maßnahmen, die die Märkte beruhigen. Ein vorsichtiger Ausblick.

Die Korrektur in den zurückliegenden Tagen war heftig. Da kommt man schon mal ins Grübeln. Stehen die Börsen etwa am Anfang eines neuen Bärenmarkts? Gibt es Parallelen zu den Anfängen der großen Abschwungphasen der Jahre 2000 bis 2003 und 2008 bis 2009? Oder ähnelt der Kursrutsch doch mehr der Korrektur vom August 2011, als die Griechenland- und Eurokrise ihren Lauf nahm?

Damals vor vier Jahren fanden die Aktienmärkte ja einen Boden und die Kurse kletterten weiter — wenn auch nach etlichen Wochen, die geprägt waren von heftigem Hin und Her. Dass das so war und die Kurse 2011 wieder Fahrt aufnahmen, lag an mehreren Ereignissen, die den Markt beruhigten. In Europa beispielsweise fand die Politik Mittel und Wege, die Probleme um Griechenland (zumindest zeitweise) aus dem Weg zu räumen. In den USA wiederum raufte man sich im Kongress zusammen und erhöhte die Schuldenobergrenze, die „Debt Ceiling“, um die Handlungsfähigkeit der Regierung weiter zu ermöglichen, und last, not least startete die Notenbank Fed die „Operation Twist“, mit der die Märkte mit zusätzlicher Liquidität versorgt wurden. Von nichts kommt eben nichts. 

Und dieses Mal? Was könnte dieses Mal die Märkte beruhigen? Vermutlich mehr Klarheit, was die Zinswende in den USA angeht. Und ökonomische Daten, die diese Zinswende auch rechtfertigen. Das gerade zu Ende gegangene Notenbanker-Treffen in Jackson Hole in Wyoming hat da allerdings nicht recht geholfen. Vielmehr wurden die Spekulationen angeheizt, dass die Zins­erhöhung vielleicht schon im September statt erst im Dezember stattfinden wird.

Tatsächlich helfen könnten auch weitere Zinssenkungen und konjunkturstützende Maßnahmen in China, wo der Kursrutsch auch zu Wochenbeginn noch mal munter weiterging. Und helfen könnte vor allem, wenn das Weltwirtschaftswachstum nun endlich anspringen würde. Doch gerade was Letzteres angeht, ist die Skepsis groß. Vielleicht zu groß? Theoretisch wie praktisch müssten die vielen weltweiten Stimulierungsmaßnahmen der Notenbanken doch endlich zu greifen beginnen.

China scheint derweil ein großer Risikofaktor zu sein. Vergleicht man die Abwertung der Landeswährung Renminbi mit der Russland-Krise im Jahr 1998 kann einem — auf den ersten Blick — angst und bange werden. Der Rubel wertete damals um 70 Prozent ab. An den Aktienmärkten kam es parallel zu einem Crash — der S & P 500 beispielsweise verlor 20 Prozent.

Das muss jetzt so drastisch nicht kommen, obwohl China durch seine schiere Größe ein ungleich wichtigerer Player für die globale Weltwirtschaftsordnung ist, als es Russland damals war. Bedingung für eine glimpfliche Entwicklung ist daher eine geordnete Abwertung des Renminbi, die China eine ausgeglichenere Leistungsbilanz ermöglicht. Und wie zuvor geschrieben: Dafür braucht es ein Anspringen des Weltwirtschaftswachstums! Jener Punkt also, an dem gerade so viele (ver)zweifeln. 

Vorsicht scheint also angebracht. Aber auch nicht zu viel. Denn die Notenbanken werden es vermutlich nicht dazu kommen lassen, dass es zu richtig dramatischen Einbrüchen an den Märkten kommt. Ob dieses Dauerintervenieren in die Wirtschaftszyklen langfristig nun sinnvoll ist oder nicht, sei dahingestellt. Die kommenden Wochen dürften also schwankungsintensiv bleiben. Ein Crash wird eben nicht einfach so binnen weniger Tage abgeschüttelt. Dennoch: Bis Jahresende dürften die Kurse wieder klettern.