Dienstag, 8. September 2015

Hängepartien und Zerreißproben

Der DAX startet ganz gut in die Woche. Trotzdem ist eine weitere Abwärtsbewegung möglich. Die Sorgen um Chinas Konjunktur und um die US-Leitzinswende werden nicht weniger.

Wie geht’s denn jetzt weiter an den Märkten? Was ist das nur mit China? Geht’s da jetzt so richtig abwärts? Und reißen die alles mit? Fragen über Fragen. Und — leider — keine simplen Antworten. Dass nicht alles Gold ist im Reich der Mitte, ist ja schon lange klar: Der Immobilienmarkt etwa hat seinen Zenit längst überschritten. Und der von Zockern geprägte Aktienmarkt ist vernunftbegabten Beobachtern schon lange ein Dorn im Auge. Nur hat das jahrelang der chinesischen Wirtschaft scheinbar keinen Schaden zugefügt. Aber offensichtlich beginnen diese negativen Auswüchse jetzt langsam Wirkung zu zeigen: etwa auf Chinas Konsum- und Investitionsfreude.

Wenn dann auch noch Chinas Zentralbankchef Zhou Xiaochunan gesteht: „Die Blase ist geplatzt“, dann kann das einem schon ordentlich Sorgen bereiten. Denn auch die Nachbarländer bekommen Chinas Probleme zu spüren — die Nachfrage nach Produkten und Vorprodukten lässt schlicht nach. Ebenso leiden die Rohstoffländer; Kanada beispielsweise ist in die Rezession gerutscht.

Das Problem daran: Bislang haben die chinesischen Gegenmaßnahmen noch zu keiner echten konjunkturellen Stabilisierung geführt. Dabei wäre die dringend nötig, geht doch die andere große Wirtschaftsmacht des Planeten, die USA, ganz offensichtlich den Weg baldiger Liquiditätsverknappung, also genau entgegengesetzt. Allerdings sind auch da viele skeptisch: Es sei dafür doch eigentlich schon zu spät, es hätte längst weit günstigere Zeitpunkte für derlei Aktionen gegeben.

Jedenfalls: Kommt die US-Zinswende, egal ob im September oder im Dezember, dann müssen andere in die Bresche springen, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Das ist China. Und das ist der Euroraum. EZB-Chef Mario Draghi hat vergangene Woche angedeutet, man könne bei Bedarf die bestehenden Wertpapierkäufe „ausweiten“. Na ja, an der Börse wurde darauf zunächst eher verhalten reagiert. Vielleicht macht man sich ja auch schon Sorgen wegen der Uneinigkeit um die Verteilung der zahlreichen Flüchtlinge auf die EU-Länder. Da gehen die Meinungen der einzelnen Regierungschefs bekanntlich weit auseinander. Darin steckt  politische Sprengkraft, vielleicht mehr, als man sich jetzt vorstellen mag. Die EU steht vor einer weiteren Zerreißprobe.

Beruhigungspillen seitens der Institutionen sucht man also eher vergeblich. Dabei wäre so etwas genau das, was man jetzt bräuchte. Denn die Stimmung an den Finanzmärkten ist auf der Kippe, auch wenn sich der DAX zu Beginn der Woche doch deutlich erholt hat. Wechselt die Stimmung tatsächlich, könnte das noch einmal drastische Folgen haben: etwa eine neuerliche Panik an den Aktienmärkten. Und vielleicht einen weiteren Kursrutsch, ähnlich dem von Mitte August. Noch ist das also eine recht wackelige Hängepartie bei DAX und Dow Jones.

Um es noch einmal zu betonen: Kommt die US-Leitzinswende tatsächlich (der nächste mögliche Termin ist am 16./17. September), dann müssen andere in die Bresche springen, denn sonst nützen die zuletzt positiven Meldungen von der EU-Konjunkturseite, etwa die guten deutschen Exporte, wenig. Dann setzen sich die Ängste durch — die Konjunkturängste in Asien, die Angst vor einem möglichen Währungsabwertungswettlauf. China ist gefordert, der Euroraum auch. Oder aber die Weltkonjunktur springt überraschenderweise doch noch an.

1 Kommentar:

  1. Wenn Herr Draghi „in die Bresche springt“ ist das zwar kurzfristig gut für den Aktienmarkt und für die Exporte der Eurozone, aber, wie wir inzwischen sehen, nicht so gut für China. Wenn China hingegen Geld druckt, ist es genau anders herum. Das Ganze ist also nicht viel mehr als ein Nullsummenspiel: Einer gewinnt nur auf Kosten des anderen.

    Was die Welt hingegen braucht sind Konjunkturprogramme: Breit angelegte Infrastrukturprogramme in den USA, Deutschland und in China. Dann geht es sowohl mit den Rohstoffen als auch den Aktienmärkten wieder nach oben. Leider stehen dem sture und unnachgiebige neoklassische Ökonomen mit ihrem Mantra der Sparpolitik im Wege. Sie haben hier in Deutschland leider das Sagen. Sie projizieren ihre stark vereinfachten Modellwelten auf die reale Welt und meinen, erst wenn man dem kranken Patienten noch mehr Blut abnimmt, könne er wieder genesen. Aber die Patienten sind dann meist hinterher tot....

    Es wäre daher zu wünschen, wenn sich wenigstens Redakteure von deutschen Finanzzeitschriften und Handelsblättern für ein klug angelegtes keynesianisches Programm stark machen würden, so wie es auch renommierte Ökonomen wie Krugman und Joseph Stiglitz immer wieder fordern.....

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