Freitag, 13. November 2015

Nach der Rally ist vor der Rally

Der DAX nimmt sich eine Auszeit. Gründe dafür gibt es genug. Dennoch sollten die Kurse bis Jahresende weiter steigen. Auch dafür gibt es gute Gründe, obwohl die USA für Unsicherheit sorgen.

Konsolidierung ist angesagt. Nachdem der DAX am vergangenen Freitag zum ersten Mal seit dem 17. August wieder einmal über 11 000 Punkten notierte, ging es prompt am Montag darauf wieder deutlich nach unten. Dennoch: Die Verluste des Spätsommer-Crashs, durch den der deutsche Leitindex auf fast 9300 Punkte gefallen war, sind damit erst einmal egalisiert worden. Und das in bemerkenswert kurzer Zeit. Gerade mal fünfeinhalb Wochen waren seit dem Tief vergangen. Aber dies ist wohl auch der Grund, warum der DAX zunächst einmal eine Pause eingelegt hat. Wir hatten das ja schon vergangene Woche vermutet: Es ging zu schnell zu weit. Das muss schlicht verdaut werden. 

Der Auslöser für den Anstieg über die 11 000er-Marke ist dabei gleichzeitig der Auslöser für die Konsolidierung. Klingt seltsam? Ist es aber nicht. Es geht um den US-Arbeitsmarkt. Der hat sich im Oktober viel besser entwickelt als erwartet. Außerhalb der Landwirtschaft wurden 271 000 neue Stellen geschaffen, was deutlich über den Erwartungen der Volkswirte lag, die im Schnitt mit lediglich 181 000 neuen Jobs gerechnet hatten. Weil diese "good news" die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Zinserhöhung in den USA doch deutlich erhöht haben, zog der Dollar kräftig an, der Euro rutschte beträchtlich ab, und im Sog der Währungskapriolen schnellte der DAX nach oben, während gleichzeitig die Aktienkurse in den USA sanken. Diese Anomalie hielt aber nur einen Tag an - dann kam es zu besagter Konsolidierung schließlich auch im DAX. 

Die Zutaten für die Rally-Pause sind also durchaus einleuchtend: Die wiederkehrenden Unsicherheiten, was die Zinspolitik in den USA angeht, sowie ein Kursplus, das zu schnell zu weit lief. Letzteres zeigt sich auch daran, dass in den USA die Anzahl der Börsenoptimisten auf den höchsten Wert seit Jahresbeginn gestiegen ist. Klassischerweise ist eine solche Euphorie immer ein hervorragender Kontraindikator für die kurzfristige Entwicklung der Börse. 

Und wie geht es nun mittelfristig weiter? Drei Regionen gilt es zu beachten: Neben Europa und den USA natürlich China. Die bislang so schwache Börse Shanghai scheint sich zu stabilisieren. Vielleicht weil die geplanten finanz- und geldpolitischen Maßnahmen des neuen chinesischen Fünfjahresplans erste Wirkungen zeigen. Eine signifikante Wachstumsabschwächung soll da ja tunlichst vermieden werden. Tendenz also positiv. 

In Europa wiederum hat EZB-Chef Mario Draghi damit begonnen, die Vorfreude auf (verfrühte) Weihnachtsgeschenke zu wecken. Auf ihrer Sitzung am 3. Dezember wird die EZB vermutlich das Anleihekaufprogramm ausweiten. Mehr Papiere bei längerer Programmdauer, so dürfte die Devise lauten. Dazu wohl eine Senkung des Einlagenzinses für die Banken, um diese zu großzügigerer Kreditvergabe zu bewegen. Daher auch hier: Tendenz positiv für den Aktienmarkt. 

Und die USA? Dort ist es nicht so einfach. Erhöht die Notenbank den Zins, dann wird sie das gut erklären müssen, um keine Angst vor einem dynamischen Zinserhöhungszyklus aufkommen zu lassen. Denn sonst droht Gefahr, etwa verstärkte Kapitalflucht aus den Schwellenländern. Summa summarum bleibt die EZB mit ihrer Liquiditätspolitik eine wichtige Triebfeder für die Aktienmärkte. Die Alternativen sind rar, dafür sind die Zinsen einfach zu niedrig. Rücksetzer bei DAX und Co sind daher gute Kaufgelegenheiten.

Mittwoch, 4. November 2015

Die Kunst des Verschiebens

Es läuft. Die Kurse an der Börse tendieren nach oben, die Konsolidierungen sind erträglich, in Schwächephasen kaufen Anleger immer wieder nach. Auch weil es an „Falken“ fehlt.

Alles auf Kurs, wie es scheint. Die schon vor ein paar Wochen fest-gelegte Marschroute passt: Es geht nach oben. Der DAX nimmt nun die 11 000er-Marke in Angriff. Es passen ja auch die Rahmenbedingungen. Die- europäische Notenbank EZB will bekanntermaßen die Geldpolitik weiter lockern. Die chinesische Notenbank hat dies bereits getan. Und die US-Notenbank, die hat immerhin davon abgesehen, die Zinsen zu erhöhen. Erneut.

Drei Tauben gurren da also vom Dach, wie es in der Börsianersprache so anschaulich heißt. Und das ist dann durchaus ein Wohlklang für Aktionäre, steigen doch in Ermangelung geldpolitischer Falken („hawks“) die Kurse schön stetig an. Die Falken, die finden sich indes nur relativierend ein. Beispielsweise in Aussagen der US-Notenbank-Chefin Janet Yellen, die bei der gerade stattgefundenen Sitzung der amerikanischen Zentralbanker bekundete, man werde beim Jahresschlusstreffen Mitte Dezember „überprüfen“, ob denn die Konjunkturdaten eine Zinserhöhung vielleicht doch rechtfertigten. Na ja. So richtig „hawkish“ ist das doch auch nicht — überprüfen! Ohnehin hat Frau Yellen ja praktisch schon seit Amtsantritt die Leitzinswende in ihrem Standardvokabular untergebracht, aber genauso ist sie auch eine Meisterin, was das Verschieben derselbigen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag angeht.

Der Druck auf Janet Yellen ist indes groß. Man kann durchaus sagen, dass ihr Zaudern inzwischen zu einem Vertrauensproblem geführt hat. Gern wird bemängelt, sie habe den günstigsten Zeitpunkt für die Wende längst verpasst. Doch was soll sie tun? Startet sie die Zinswende zum Jahreswechsel doch noch, um eine Normalisierung der Geldpolitik so langsam anzugehen, dürfte der Dollar schlagartig an Wert zulegen. Genau dies will sie vermutlich vermeiden. Denn volkswirtschaftlich gibt es wenige Argumente für besagte Zinswende. In den USA schrumpfen die Auftragseingänge schließlich nicht erst seit gestern. Die ohnehin schon bestehende Dollaraufwertung und die Konjunkturschwäche der Emerging Markets behindern die US-Exportindustrie gewaltig.

Man mag sich gar nicht ausdenken, was ein weiter steigender Dollar an Folgen mit sich brächte. Oder doch mal ausdenken? Den DAX jedenfalls dürfte es nach oben katapultieren. Denn die Korrelation DAX/Dollar begleitet uns ja schon das ganze Jahr. Schwacher Euro, starker DAX, so einfach ist der Zusammenhang. Insofern dürften Aktionäre darauf hoffen, dass es doch noch amerikanischen Zinsaktivismus gibt. Doch was passiert mit der US-Konjunktur, wenn der Dollar weiter an Wert gewinnt? Wird sie mittelfristig darunter leiden? Geht es bergab? Oder hat man sich jenseits des Atlantiks in der amerikanischen Unternehmenswelt so langsam da-rauf eingestellt und versucht die Währungsrisiken abzu-sichern? Wir erinnern uns, dass die Vorwarnzeit der Janet Yellen ja nun schon seit ihrem Amtsantritt anhält. Stichwort: Standardvokabular.

Der Spekulation ist Tür und Tor geöffnet. Gegen eine Zinswende spricht jedenfalls die Gefahr von Kollateralschäden in den Schwellenländern Asiens und Südamerikas. Dort würde wieder verstärkt Kapital abfließen, wodurch Investitionsmittel fehlen, was wiederum das Wachstum behindert. Was soll sie also nur tun, die Frau Yellen? Am 15. und 16. Dezember findet jedenfalls die letzte Sitzung der US-Fed in diesem Jahr statt. Bis dahin wird man sich gedulden müssen. Gut möglich, dass auch der DAX bis dahin mal wieder eine größere Pause einlegt.