Mittwoch, 4. November 2015

Die Kunst des Verschiebens

Es läuft. Die Kurse an der Börse tendieren nach oben, die Konsolidierungen sind erträglich, in Schwächephasen kaufen Anleger immer wieder nach. Auch weil es an „Falken“ fehlt.

Alles auf Kurs, wie es scheint. Die schon vor ein paar Wochen fest-gelegte Marschroute passt: Es geht nach oben. Der DAX nimmt nun die 11 000er-Marke in Angriff. Es passen ja auch die Rahmenbedingungen. Die- europäische Notenbank EZB will bekanntermaßen die Geldpolitik weiter lockern. Die chinesische Notenbank hat dies bereits getan. Und die US-Notenbank, die hat immerhin davon abgesehen, die Zinsen zu erhöhen. Erneut.

Drei Tauben gurren da also vom Dach, wie es in der Börsianersprache so anschaulich heißt. Und das ist dann durchaus ein Wohlklang für Aktionäre, steigen doch in Ermangelung geldpolitischer Falken („hawks“) die Kurse schön stetig an. Die Falken, die finden sich indes nur relativierend ein. Beispielsweise in Aussagen der US-Notenbank-Chefin Janet Yellen, die bei der gerade stattgefundenen Sitzung der amerikanischen Zentralbanker bekundete, man werde beim Jahresschlusstreffen Mitte Dezember „überprüfen“, ob denn die Konjunkturdaten eine Zinserhöhung vielleicht doch rechtfertigten. Na ja. So richtig „hawkish“ ist das doch auch nicht — überprüfen! Ohnehin hat Frau Yellen ja praktisch schon seit Amtsantritt die Leitzinswende in ihrem Standardvokabular untergebracht, aber genauso ist sie auch eine Meisterin, was das Verschieben derselbigen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag angeht.

Der Druck auf Janet Yellen ist indes groß. Man kann durchaus sagen, dass ihr Zaudern inzwischen zu einem Vertrauensproblem geführt hat. Gern wird bemängelt, sie habe den günstigsten Zeitpunkt für die Wende längst verpasst. Doch was soll sie tun? Startet sie die Zinswende zum Jahreswechsel doch noch, um eine Normalisierung der Geldpolitik so langsam anzugehen, dürfte der Dollar schlagartig an Wert zulegen. Genau dies will sie vermutlich vermeiden. Denn volkswirtschaftlich gibt es wenige Argumente für besagte Zinswende. In den USA schrumpfen die Auftragseingänge schließlich nicht erst seit gestern. Die ohnehin schon bestehende Dollaraufwertung und die Konjunkturschwäche der Emerging Markets behindern die US-Exportindustrie gewaltig.

Man mag sich gar nicht ausdenken, was ein weiter steigender Dollar an Folgen mit sich brächte. Oder doch mal ausdenken? Den DAX jedenfalls dürfte es nach oben katapultieren. Denn die Korrelation DAX/Dollar begleitet uns ja schon das ganze Jahr. Schwacher Euro, starker DAX, so einfach ist der Zusammenhang. Insofern dürften Aktionäre darauf hoffen, dass es doch noch amerikanischen Zinsaktivismus gibt. Doch was passiert mit der US-Konjunktur, wenn der Dollar weiter an Wert gewinnt? Wird sie mittelfristig darunter leiden? Geht es bergab? Oder hat man sich jenseits des Atlantiks in der amerikanischen Unternehmenswelt so langsam da-rauf eingestellt und versucht die Währungsrisiken abzu-sichern? Wir erinnern uns, dass die Vorwarnzeit der Janet Yellen ja nun schon seit ihrem Amtsantritt anhält. Stichwort: Standardvokabular.

Der Spekulation ist Tür und Tor geöffnet. Gegen eine Zinswende spricht jedenfalls die Gefahr von Kollateralschäden in den Schwellenländern Asiens und Südamerikas. Dort würde wieder verstärkt Kapital abfließen, wodurch Investitionsmittel fehlen, was wiederum das Wachstum behindert. Was soll sie also nur tun, die Frau Yellen? Am 15. und 16. Dezember findet jedenfalls die letzte Sitzung der US-Fed in diesem Jahr statt. Bis dahin wird man sich gedulden müssen. Gut möglich, dass auch der DAX bis dahin mal wieder eine größere Pause einlegt.

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