Donnerstag, 10. Dezember 2015

Es kommt so anders, als man denkt

Die Jahresendrally ist unterbrochen. Die zurückliegende EZB-Sitzung fiel anders aus als erwartet und hat zahlreiche Spekulanten aus dem Markt gedrängt - aber auch neue Möglichkeiten eröffnet.

Kühl kalkuliert, so scheint es. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich am vergangenen Donnerstag dafür entschieden, die Politik des leichten Geldes zwar fortzuführen, aber das monatliche Volumen nicht auszuweiten. Dafür soll das Programm länger laufen. Ein cleverer Schachzug, denn die europäische Zurückhaltung könnte der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) den Entscheid erleichtern, am 15. und 16. Dezember den amerikanischen Leitzins endlich anzuheben. Eine konzertierte Aktion zwischen den mächtigsten Notenbanken der Welt?

Man könnte es annehmen. Denn die Furcht war ja immer, dass bei einer Erhöhung des US-Leitzinses der Dollar zu schnell zu hoch steigt und damit die Weltwirtschaft ins Wanken bringt - man denke nur an die Dollarverbindlichkeiten etlicher Schwellenländer. Durch Mario Draghis Schachzug am Donnerstag sind diese Sorgen geringer geworden, aber auch die Geldbeutel vieler Spekulanten dünner. Denn für die konzertierte Aktion -so es eine gewesen ist - nahm die EZB ein gerüttelt Maß an Chaos in Kauf: Der Euro beispielsweise kletterte blitzschnell von 1,05 Dollar bis auf fast 1,10 Dollar. Und der DAX stürzte unter heftigsten Schwankungen von 11 300 auf 10 600 Punkte ab. Ein veritabler "Squeeze". Euroleerverkäufer wurden aus ihren Positionen gedrängt, ebenso die Spekulanten, die aus taktischen Gründen übermäßig in DAX-Aktien investiert hatten, um von einer weiteren Euroabwertung indirekt zu profitieren.

Es schien ja auch alles so klar. Noch im Oktober hatte Draghi deutlich weiter gehende Maßnahmen angedeutet, als jetzt umgesetzt werden. Ungewöhnlich für ihn, hatte er doch bislang den verbalen Interventionen immer auch die adäquaten Maßnahmen folgen lassen. Nun hat er wohl ganz bewusst eine Frustration des Marktes in Kauf genommen. Ganz offensichtlich, so hört man aus Notenbankkreisen, auch deswegen, weil ihn Mitglieder des EZB-Rats nicht gewähren ließen.
Für Fed-Chefin Janet Yellen, der man in den vergangenen Monaten immer wieder vorgeworfen hat, den richtigen Zeitpunkt für die Zinswende verpasst zu haben, ist das nun eine Steilvorlage: Sie wird Mitte Dezember nun agieren müssen!

Oder etwa nicht? Was, wenn sie die Zinswende ein weiteres Mal aufschiebt? Der Euro dürfte dann noch weiter steigen, der DAX fallen. Eher unwahrscheinlich, solch ein Szenario. Aber wer weiß? In den USA zeichnete sich in den vergangenen Tagen eine deutliche Erwartungshaltung an die erste Zinserhöhung seit zehn Jahren ab. Was aber passieren kann, wenn die Erwartungen zu hoch sind, das haben wir ja am vergangenen Donnerstag erlebt. Allerdings hat der US-Arbeitsmarktbericht vom Freitag gezeigt, dass der Aufwärtstrend robust ist, immer mehr Amerikaner wieder einen Job finden und auch die Löhne -wenngleich moderat - wieder zu steigen beginnen. Und der Arbeitsmarkt ist neben der Inflationsentwicklung die wichtigste Kenngröße für die Zinspolitik der Fed.

Wir sind trotzdem gewarnt. Zu früh positionieren, das ist gefährlich. Die Jahresendrally ist jedenfalls unterbrochen, aber vermutlich noch nicht beendet. Bis zum Termin der US-Notenbank Mitte des Monats scheint es jedoch unwahrscheinlich, dass sich ein neuer Trend herauskristallisiert. Da ist nun schlicht und einfach Geduld gefragt. Erst am 16. Dezember dürfte die Entscheidung fallen, ob der DAX die Rally wieder aufnimmt oder ob er noch einmal abtaucht.

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