Donnerstag, 28. Januar 2016

Eine Frage der Perspektive

Die Stimmung ist schlecht, das Momentum negativ. Derzeit wird so ziemlich alles negativ beurteilt. Das wird sich auch wieder ändern. Etwa wenn klar wird, dass billiges Öl durchaus positiv ist

Wo stehen wir denn nun? Der Kurseinbruch an den chinesischen Börsen zu Beginn des Jahres war heftig. Da kann man durchaus auch mit einer harten Landung der Wirtschaft rechnen. Und diese Sorge hat natürlich weltweite Auswirkungen — auch auf Aktienkurse und Rohstoffpreise. Europas Börsen starteten dementsprechend so schlecht ins Jahr wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Viele Indizes haben ihre Vorjahresgewinne wieder abgegeben. Und Öl notiert nur noch um die 30 bis 40 Dollar!

Es gibt dennoch einige Silberstreifen am Horizont. So hat etwa EZB-Präsident Mario Draghi weitere Maßnahmen angekündigt, sollten sich Konjunktur und Inflation nicht so entwickeln wie vorgestellt. Und auch wenn viele Vergleiche mit dem Börsenjahr 2008 gezogen werden, so sieht es derzeit nicht nach dem Anfang eines Bärenmarktes aus. Die makroökonomische Lage ist eine ganz andere als damals. Zudem enden Bullenmärkte nur selten, ohne dass sich eine Rezession abzeichnet. Und danach sieht es zurzeit nicht aus. Mag ja sein, dass die Dynamik der Weltwirtschaft gedämpft ist, aber summa summarum entwickelt sie sich trotzdem positiv.

Dass die Börse dennoch fällt — nun ja, Korrekturen von fünf bis zehn Prozent bei den wichtigen Indizes gehören einfach dazu, das muss man verkraften können. Das sind ganz normale und eigentlich auch wünschenswerte Entwicklungen. Dass sie in den zurückliegenden Jahren seit 2009 tendenziell seltener als in den Jahren zuvor vorkamen, ist ohnehin ungewöhnlich.

Aktien sind nun mal Risikoinvestments. Und schwankende Kurse reflektieren die Risikoprämie, die Aktien nun mal gegenüber Festzinsanlagen auszeichnet. Bleibt nur die Frage, ob die Korrektur nun schon ausgestanden ist. Positiv ist, dass sich die Spreads von Hochzinsanleihen in der Korrekturphase nicht ausgeweitet haben. Normalerweise ist dies der Fall, wenn Schlimmeres im Busch ist. Allerdings — und das ist das große „Aber“ — notieren sie auf hohem Niveau. Auch positiv ist, dass der Goldpreis zwar gestiegen ist, aber man keine „Flucht“ in den vermeintlich sicheren Anlagehafen feststellen kann. Dennoch sind die Unsicherheiten da. Und die Risikofaktoren auch. Womit wir wieder bei China sind. Denn die Volksrepublik muss kämpfen. Ökonomisch, aber auch politisch.

Wir sollten nicht vergessen, dass das Land weltgrößter Verbraucher von Energie, Metallen und Weizen ist. Eine Verlangsamung des dortigen Wachstums der Volkswirtschaft hat erhebliche Auswirkungen auf den Rest der Welt. Hinzu kommt, dass man den Eindruck gewinnen kann, dass die Regierung Schwierigkeiten hat, die lahmende Wirtschaft unter Kontrolle zu bekommen und die Konjunktur zu beleben. Und das ist das eigentlich Beunruhigende. Auch die massiven Eingriffe an den heimischen Börsen haben bislang nicht den Erfolg gebracht, den sich die Regierung erhofft hat. Vielleicht haben sie alles sogar noch viel schlimmer gemacht.

Wo stehen wir also nun? Die Stimmung an den Börsen ist schlecht und das Momentum zunehmend negativ. Beides Faktoren, die sich am Ende als Einstiegsgelegenheit für langfristig orientierte Anleger erweisen könnten. Vielleicht ja dann, wenn sich die Sichtweise der Anleger wieder ändert. Beispiel Öl: Fallende Ölpreise waren in der Vergangenheit positiv für die Konjunktur. Aktuell indes hat jeder nur die unmittelbar negativen Effekte des Ölpreisverfalls im Fokus, ohne die langfristig positiven Auswirkungen zu beachten.

Mittwoch, 20. Januar 2016

Jetzt mal Tacheles

Die Stimmung am Markt ist schlecht. Grottenschlecht. So manch einer zieht Vergleiche mit 2008 und prophezeit schon den Sturz ins Bodenlose. Beim Öl, für den Aktienmarkt. Also alles verkaufen? 

Es wird ein schwieriges Börsenjahr. Eine Meinung, die man immer öfter hört und von immer mehr Leuten. Schon im Dezember waren die Aktienmärkte ja ausgesprochen schwach, was unüblich ist für diesen Monat, der normalerweise von einer Jahresendrally geprägt ist. Aber es scheint eben auch vieles auf der Kippe. Der Einbruch der Ölpreise beispielsweise auf rund 30 Dollar je Barrel könnte Vorbote einer sich verschärfenden Konjunkturabkühlung sein. Aktuell überschlagen sich ja die Auguren, wie tief der Preis wohl noch fallen wird: auf 20 Dollar, zehn Dollar, fünf Dollar oder noch tiefer. Man fühlt sich an die Peak-Oil-Jahre erinnert mit Preisprognosen von 250, 500 und 1000 Dollar, nur eben andersherum.

Und noch was Kippeliges: In den USA hat die Berichtssaison begonnen. Für die Unternehmen des breit gefassten Aktienindex S & P 500 wird mit einem Gewinnrückgang von fünf Prozent gerechnet, die Umsätze dürften um drei Prozent gefallen sein. Das liegt daran, dass zum einen die exportlastigen Unternehmen unter dem starken Dollar leiden, und es liegt zum anderen am schon erwähnten Ölpreisverfall. Der setzt sowohl den großen, integrierten Gesellschaften zu wie auch den Firmen, die es mit der Erschließung von Schieferöl zu tun haben. Und weil die jetzt alle sparen müssen, schadet das indirekt eben auch vielen anderen Branchen. Allerdings — das sollte man nicht vergessen — dürfte der Rückgang des Ölpreises ja auch positive Auswirkungen auf große Teile der Wirtschaft haben.

Und noch ein Aspekt zur Berichtssaison: Dies ist nun schon das dritte Quartal in Folge mit sinkenden Gewinnen. Zuletzt gab es das während der Rezession in den ersten drei Quartalen 2009. Jedoch — und jetzt kommt der Hoffnungsschimmer — war dies aber auch das Jahr, in dem die Aktienmärkte einen Boden fanden. Insgesamt ist die Stimmung aber klar negativ. Investoren stehen vor einem „katastrophalen Jahr“, schreibt die Royal Bank of Scotland in einem Brief an ihre Kunden. Der Ratschlag der Bank: „Verkaufen Sie alles außer hochwertige Anleihen. Es geht jetzt um Kapitalerhalt und nicht um Rendite.“ Man fühle sich an das Jahr 2008 erinnert, nur dass dieses Mal nicht die US-Banken eine Finanzmarktkrise auslösen könnten, sondern das schwächere Wirtschaftswachstum in China. Ähnliche Vergleiche hat in der Vorwoche ja auch schon der Investor George Soros gezogen.

Doch muss es wirklich so schlimm kommen? Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Wachstumsperspektiven für die Weltwirtschaft gerade auch nach unten revidiert: für die kommenden drei Jahre um jeweils 0,2 Prozentpunkte. Absolut gesehen allerdings erscheint das immer noch vernünftig — 3,1 Prozent Plus im laufenden, 3,4 Prozent im nächsten und 3,6 Prozent im übernächsten Jahr. Doch auch dies sind letztlich nur Prognosen, die ja bekanntlich immer wieder revidiert werden können.

Die Weltwirtschaft steht einer Vielzahl von strukturellen Problemen gegenüber,  so viel ist klar. Der Aufwärtstrend der vergangenen Jahre ist damit infrage gestellt. Aber deswegen undifferenziert Aktien verkaufen? Mag sein, dass sich der Abwärtstrend an den Märkten weiter fortsetzt oder sogar beschleunigt. Etwa auch, weil Investoren aus Gründen des Risikomanagements verkaufen müssen. Aber dies bietet ja auch Chancen, selektiv nachzukaufen — Aktien mit guter Dividendenrendite etwa, ganz egal, ob es nun ein schwieriges Börsenjahr wird oder nicht.

Mittwoch, 13. Januar 2016

Unangenehme Superlative

Das Börsenjahr 2016 startet schlecht. George Soros macht das nervös. Es ist aber auch viel los, angefangen von China-Sorgen und dem Ölpreisverfall bis hin zur Leitzinsentwicklung. Ein Überblick.

Das Jahr hat mit Superlativen begonnen. Wenn auch mit unangenehmen. Mit einem Minus von mehr als vier Prozent am ersten Handelstag legte der DAX den schlechtesten Jahresauftakt seiner Geschichte hin. Und auch das Wochenminus von 8,3 Prozent war nicht von schlechten Eltern. Als Hauptgrund für die fast schon dramatischen Verluste wurden die noch heftigeren Kursturbulenzen an der Börse in Shanghai ausgemacht, die wiederum mit Sorgen um Chinas Wirtschaft begründet wurden sowie mit Irritationen um die staatlich verordneten Stützungsmaßnahmen für die dortige Börse.

Es sind also ein paar Säcke Reis umgefallen im Reich der Mitte. Wobei das ja nichts Ungewöhnliches ist. Dass es in China nicht mehr ganz so rund läuft, das ist ja nicht erst seit gestern bekannt. Ebenso dass die dortige Börse nicht vergleichbar ist mit den Märkten der westlichen Welt. Trotzdem ist man eben immer wieder mal beunruhigt über diese fernöstliche Gemengelage.

„China ist für die Weltwirtschaft wichtig. Und auf einmal sehen wir, dass das Land an Schwung verliert. Das ist negativ für Länder, die viel nach China exportieren“, kommentiert Robert Halver, Anlagestratege bei der Baader Bank. So weit, so gut. Trotzdem findet er das Kursspektakel der vergangenen Tage recht übertrieben: „Die apokalyptischen Reiter werden von ihren Pferden fallen“, sagt er.

Andere sind da pessimistischer: George Soros etwa. Der große Investor ließ verlauten, er fühle sich an 2008 erinnert, dem Jahr also, in dem die Finanzkrise ihren Anfang nahm. Allerdings ist aktuell von einer Rezession in der weltgrößten Volkswirtschaft USA überhaupt nichts zu sehen.

Was letztlich für die derzeitige große Unruhe sorgt, das sind wohl die so bekannten wie signifikanten Weichenstellungen für die Marktentwicklung, die schon im Dezember stattfanden. Als da sind:

Donnerstag, 7. Januar 2016

Das geht ja gut los ...

Mieser Jahresauftakt, keine Frage. Aber ist es wirklich so schlimm? Mal ein Blick zurück:

Vor exakt zehn Jahren, im Jahr 2006, manch einer erinnert sich, da schien an der Börse alles in Butter: Alle Argumente, die die Kurse schon in den zweieinhalb Jahren davor beflügelten, galten unverändert: Die wachsende Weltwirtschaft, ausreichend Liquidität, gut aufgestellte und günstig bewertete Unternehmen, fehlende Inflationsangst.

Nur eines machte Sorgen: In den USA rentierten kurzfristige Anleihen erstmals seit dem Jahr 2000 wieder höher als langfristige. „Inverse Zinsstruktur“ wird diese Konstellation genannt, und sie gilt als verlässliches Warnsignal. Inversen Zinsstrukturen folgt nämlich häufig ein Konjunktureinbruch, oft gibt es gar eine Rezession. 

Die Idee dahinter: Wenn Anleger bereit sind, ihr Geld längerfristig zu binden, verlangen sie dafür normalerweise einen höheren Zins. Eine gute Konjunktur könnte schließlich Inflation und Zinsniveau während der Laufzeit steigen lassen. Verzichten sie auf höhere Renditen, zeigt das, dass sie recht pessimistisch sind und ihr Geld trotz der niedriger Zinsen für einige Jahre sicher unterbringen wollen.

So war das damals im Jahr 2006. Die Rezession kam dann ja auch – wenn auch erst zwei Jahre später. Was nicht ungewöhnlich war, zeigt doch die Geschichte, dass eine inverse Zinsstruktur deutlich ausfallen und über einen längeren Zeitraum bestehen muss, um aussagekräftig zu sein.

Und aktuell? Da plagen die Börsen auch Sorgen. Von einer inversen Zinsstruktur ist indes nichts zu sehen. Na immerhin ...