Donnerstag, 25. Februar 2016

Der nötige Durchblick

Die Börsen stehen „am Scheideweg“, heißt es derzeit mal wieder. Und in der Tat. Die jüngste Korrektur könnte zu Ende sein. Wenn da nicht diese eine Unsicherheit wäre. Eine Bestandsaufnahme.

Man kann es nicht oft genug sagen: Für Aktionäre war das ein richtig mieser Jahresauftakt. In der Börsengeschichte Europas gab es in den zurückliegenden 30 Jahren nur zwei Jahre, in denen es noch schlimmer losging: 1988 und 2008. Das gibt zu denken. Und es waren in diesem Jahr ja nicht nur einzelne Branchen betroffen. Nein, sämtliche Werte standen unter Druck. Und die Volatilität war extrem hoch. Dazu Kapriolen an den Währungsmärkten, vor allem mit dem Yen wurde und wird viel spekuliert, ebenso mit dem Ölpreis. Nervosität allerorten.

 Doch trotz des miesen Starts und der extremen Schwankungen, kam es noch zu keiner echten Kapitulation an den Märkten! Eine richtige Verkaufspanik mit einem extrem Abverkauf — wie etwa am 24. August 2015 — gab es bisher nicht.

 Und dies macht es gerade etwas schwer, die jüngsten Kurserholungen einzuschätzen: Sind wir schon wieder auf dem Weg Richtung 10 000 Punkte? War es das mit der Korrektur? Oder kommt er noch, der „echte“ Crash? Man will ja schließlich günstig zugreifen. Gleichzeitig ist da aber auch die Angst, der Börsenzug könne davonrauschen und man bliebe dann als Zuschauer zurück.

 Was also tun? Am besten das, was wir in den vergangenen Wochen an dieser Stelle immer wieder empfohlen haben: Nutzen Sie das gedrückte Preisniveau, um sich strategisch zu positionieren. Nicht alles auf einmal, Schritt für Schritt, Position um Position, und immer schön auch etwas in der „Kriegskasse“ belassen. Es scheint eine gute Zeit, um auf Schnäppchenjagd zu gehen. Etliche deutsche Aktien notieren in der Nähe Ihres Buchwerts (siehe Titelgeschichte in der zurückliegenden Ausgabe der BÖRSE ONLINE), andere sind aus technischen und gleichzeitig fundamentalen Gründen interessant (siehe aktuelle Titelgeschichte). Langfristig sollten sich diese antizyklischen Investments, die jetzt gemacht werden, bezahlt machen.

Aber natürlich sind dafür gute Nerven gefragt. Denn auf kurze Sicht dürften die Märkte herausfordernd bleiben. Zu viele Unruheherde stören derzeit. Die Zinspolitik weltweit, Chinas Wirtschaft, politische Krisen in Nahost und Osteuropa, dazu ein möglicher Austritt Großbritanniens aus der EU. Da sind immer wieder Kursabschläge möglich.

 Dennoch erscheint Europa als Anlageregion erste Wahl. Gerade im Vergleich zu den USA oder den asiatischen Börsen. Die aktuellen Einkaufsmanagerindizes signalisieren ein mögliches Wachstum von bis zu zwei Prozent im Gesamtjahr. An der Unterstützung durch die EZB wird sich ja auch zunächst nichts ändern. Das macht Notenbank-Chef Mario Draghi bei jeder Gelegenheit immer wieder deutlich. Und insbesondere Deutschland sollte profitieren. Man exportiert wesentlich mehr in andere europäische Länder als in irgendein Schwellenland, und sollte sich das Wirtschaftswachstum in der Eurozone beschleunigen, dürfte das nur positiv sein.

 Da Europas Märkte allerdings kein Eigenleben führen, sondern natürlich vom Auf und Ab der Wall Street mit bewegt werden, ist ein Blick in die USA unbedingt notwendig. Doch auch hier erscheinen die Störfaktoren derzeit relativ kontrollierbar. Die Gefahren einer Rezession, die immer wieder beschworen werden, sind auch weiterhin minimal. Keiner der wichtigsten Wirtschafts- und Finanzindikatoren gibt eine solche Prognose derzeit her. Bleiben wir also zuversichtlich. Vorsichtig zuversichtlich.

Dienstag, 16. Februar 2016

Fragwürdige Entwicklungen

War es das schon mit dem Kursrutsch? Oder kommt da noch mehr? Über sich selbst erfüllende Voraussagen, die Angst vor dem Anstieg sowie die Notwendigkeit strategischer Investments.

Manchmal ist es ja so, dass sich die Märkte ihre Zukunft selbst schaffen. Klingt vielleicht seltsam, hat aber durchaus etwas Plausibles. Im Englischen wird so etwas Selffulfilling Prophecy genannt: eine sich selbst erfüllende Voraussage. Und aktuell könnte dies durchaus der Fall sein: Die schlechteste Januar-­Entwicklung an den Aktienmärkten seit langer Zeit führt nun vielleicht zu einer Boom-Bust-Angst, also zu einer Furcht vor einem verheerenden Crash nach einer Blase. Und genau diese Angst würde die Dinge noch viel schlimmer machen, weil dann alles Richtung Ausgang rennt. 

Diese Möglichkeit zieht zumindest Lukas Daalder in Betracht, der Chefanleger beim Geldverwalter Robeco. „Entwicklungen an den Finanzmärkten können sich quasi verselbstständigen und auf die Realwirtschaft übertragen“, so Daalder. Und das wäre insofern tragisch, als die rationalen Gründe dies eigentlich gar nicht hergeben. Denn die Ursachen für den Börsensturz, die immer wieder genannt werden — China, Öl, der Hochzinsanleihemarkt — beruhen auf zumindest fragwürdigen Annahmen.

Das große Risiko, das Daalder sieht, wäre ein Kreditereignis, das vorübergehend die Kreditmärkte lahmlegen könnte. So könnte ein weiterer Rutsch beim Ölpreis zur Zahlungsunfähigkeit von Ölunternehmen führen, was Förderländer vor immense Pro­bleme stellt, was wiederum Hedgefonds oder Geldverwalter nach unten zerrt — man erkennt den Dominoeffekt. Die Liquidität verschwände so aus den Märkten, brächte damit unter Umständen sogar gesunde Unternehmen in Bedrängnis, und das bisher eigentlich abwegige Szenario einer Rezesssion wäre plötzlich doch nicht mehr so abwegig.

Wie emotional derzeit an den Märkten agiert wird, zeigten gerade die zurückliegenden Tage. So wurden etwa die Wechselkursbewegungen beim japanischen Yen zuletzt immer wilder — vor allem als die Märkte in Tokio wegen eines Feiertags geschlossen waren. Am Wochenende gab es dann erneut schwache Außenhandelszahlen aus China — und trotzdem stiegen die Märkte am Montag stark an, insbesondere in Europa. Daalders Boom-Bust-Angst bekommt demnach ein Geschwisterchen, nämlich die Angst der Anleger, das Tief an den Aktienmärkten und damit den bestmöglichen Einstand zu verpassen.

Die Korrektur, so viel steht fest, ist heftig. Manche etikettieren das Ganze als Crash, andere als Bärenmarkt. Indes sind Kurseinbrüche von zehn oder 15 Prozent nicht selten. Nur ist es ja so, dass es seit 2009 eher wenige davon gab — Anleger waren also über Jahre recht verwöhnt von den so stetig und schier endlos steigenden Notierungen. Vielleicht sei daher auch die Boom-Bust-Angst jetzt größer als im Jahr 2000, so Daalder. „Kursbewegungen sind daher oft stark übertrieben und fallen stärker aus als in der Vergangenheit.“

Bleibt die Gretchenfrage: War es das nun mit dem Tief im DAX? Reichen die erreichten 8700 Punkte? Geht es ab sofort wieder aufwärts? Fakt ist, dass etliche Unternehmen durch den Kursrutsch richtig billig geworden sind (siehe Titelgeschichte ab Seite 12). Fakt ist aber auch, dass die bisherige Korrektur zwar heftig war, sich aber keine ausgeprägte Panikstimmung breit­gemacht hat. Und das ist insofern beachtenswert, weil es meist einer solchen Panik, einer Ausverkaufsstimmung, bedarf, da­mit die Kurse wirklich einen tragfähigen Boden finden. Es bleibt also dabei: Es ist nicht verkehrt, nach und nach strategische Investments zu starten.

Donnerstag, 4. Februar 2016

Kühler Blick auf hitzige Märkte

Die Entwicklung am Aktienmarkt kostet ganz schön Nerven. Trotzdem sollte man langsam, aber sicher über das eine oder andere strategische Investment nachdenken.

Für manche kam es überraschend, für andere war es nur konsequent: Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda führte am Freitag der vergangenen Woche Negativzinsen ein oder exakt formuliert: einen Strafzins von 0,1 Prozent für Banken. In Sachen expansive Geldpolitik sattelt die Bank of Japan (BOJ) also noch einen drauf — man probiert alles aus, was der „Werkzeugkasten“ hergibt.

Zunächst kam das gut an. Nicht nur am japanischen Aktienmarkt stiegen die Kurse, sondern es ging weltweit nach oben. Billiges Geld, das ist schließlich immer dann eine gute Nachricht, wenn eine oder zwei der drei großen Notenbanken EZB, BOJ und Fed beteiligt sind. Die beiden Erstgenannten sind in dieser Hinsicht ja ordentlich am Werk. Und die Fed, nun ja, die übertreibt es dann hoffentlich nicht zu sehr in die andere Richtung.

Allerdings — und das ist die schlechte Nachricht — verpuffte der Kuroda-Effekt ziemlich schnell. Schon zum Start des neuen Börsenmonats Februar neigten die Aktienmärkte wieder zur Schwäche. Und das lag wohl an China. Schon wieder China. Das Reich der Mitte ist ja bereits in den vergangenen Wochen der bremsende Faktor schlechthin an den Finanzmärkten gewesen. Die Bemühungen von EZB und BOJ wurden und werden so immer wieder gestört. Dieses Mal waren es enttäuschende Einkaufsmanagerzahlen, womit Peking den zarten Börsenaufschwung erst einmal wieder zunichtemachte. Denn die Welt fürchtet sich ja bekanntlich vor einer schwächeren Konjunktur in Fernost mit all den echten und gefühlten negativen Auswirkungen rund um den Globus.

Und der Ölpreis ? Was macht der zweite bremsende Faktor? Er schwankt. Vergangene Woche ging es einmal steil nach oben Richtung 36 Dollar, weil Gerüchte aufkamen, dass sich OPEC und Russland wegen einer Angebotsverknappung demnächst zusammensetzen wollen. Ein Gerücht, mehr nicht. Dazu noch mit eher unwahrscheinlichem Inhalt. Postwendend bröckelte der Preis wieder — und mit ihm auch die Notierungen an den Aktienmärkten. Das nun schon seit Wochen bekannte Spiel.

Dennoch: Irgendwann hat auch diese Korrektur ein Ende! Und es ist nicht falsch, sich langsam die eine oder andere strategische Position ins Depot zu legen. Einkalkulieren sollte man aber trotzdem, dass der DAX durchaus noch auf 9000 Punkte fallen kann. Man erinnere sich an den Kursrutsch im August und September des vergangenen Jahres, wo auf den großen, geradezu panikartigen Fall zunächst eine gut dreiwöchige Seitwärtskorrektur folgte, auf die ein weiterer — dann aber schließlich finaler — Sturz folgte. Vielleicht kommt es ja wieder so. Oder so ähnlich.


Die Risiken sind also auf dem Tisch: China, der Ölpreis. Das eine bedingt dabei durchaus auch das andere. Die Gefahr einer globalen Rezession dagegen scheint nach wie vor eher gering — es gibt dafür einfach keine konkreten Hinweise. Die Politik der Notenbanken, die ist auch klar. Das sollte mittelfristig für wieder mehr Ruhe an den Märkten sorgen und für eine nüchternere Betrachtung der kursbestimmenden Faktoren. Übergeordnet spricht das für steigende Kurse. Doch es dürfte wohl noch einige Zeit recht volatil bleiben. Für hartgesottene Börsianer ist das ja aber auch nichts Neues mehr.