Dienstag, 16. Februar 2016

Fragwürdige Entwicklungen

War es das schon mit dem Kursrutsch? Oder kommt da noch mehr? Über sich selbst erfüllende Voraussagen, die Angst vor dem Anstieg sowie die Notwendigkeit strategischer Investments.

Manchmal ist es ja so, dass sich die Märkte ihre Zukunft selbst schaffen. Klingt vielleicht seltsam, hat aber durchaus etwas Plausibles. Im Englischen wird so etwas Selffulfilling Prophecy genannt: eine sich selbst erfüllende Voraussage. Und aktuell könnte dies durchaus der Fall sein: Die schlechteste Januar-­Entwicklung an den Aktienmärkten seit langer Zeit führt nun vielleicht zu einer Boom-Bust-Angst, also zu einer Furcht vor einem verheerenden Crash nach einer Blase. Und genau diese Angst würde die Dinge noch viel schlimmer machen, weil dann alles Richtung Ausgang rennt. 

Diese Möglichkeit zieht zumindest Lukas Daalder in Betracht, der Chefanleger beim Geldverwalter Robeco. „Entwicklungen an den Finanzmärkten können sich quasi verselbstständigen und auf die Realwirtschaft übertragen“, so Daalder. Und das wäre insofern tragisch, als die rationalen Gründe dies eigentlich gar nicht hergeben. Denn die Ursachen für den Börsensturz, die immer wieder genannt werden — China, Öl, der Hochzinsanleihemarkt — beruhen auf zumindest fragwürdigen Annahmen.

Das große Risiko, das Daalder sieht, wäre ein Kreditereignis, das vorübergehend die Kreditmärkte lahmlegen könnte. So könnte ein weiterer Rutsch beim Ölpreis zur Zahlungsunfähigkeit von Ölunternehmen führen, was Förderländer vor immense Pro­bleme stellt, was wiederum Hedgefonds oder Geldverwalter nach unten zerrt — man erkennt den Dominoeffekt. Die Liquidität verschwände so aus den Märkten, brächte damit unter Umständen sogar gesunde Unternehmen in Bedrängnis, und das bisher eigentlich abwegige Szenario einer Rezesssion wäre plötzlich doch nicht mehr so abwegig.

Wie emotional derzeit an den Märkten agiert wird, zeigten gerade die zurückliegenden Tage. So wurden etwa die Wechselkursbewegungen beim japanischen Yen zuletzt immer wilder — vor allem als die Märkte in Tokio wegen eines Feiertags geschlossen waren. Am Wochenende gab es dann erneut schwache Außenhandelszahlen aus China — und trotzdem stiegen die Märkte am Montag stark an, insbesondere in Europa. Daalders Boom-Bust-Angst bekommt demnach ein Geschwisterchen, nämlich die Angst der Anleger, das Tief an den Aktienmärkten und damit den bestmöglichen Einstand zu verpassen.

Die Korrektur, so viel steht fest, ist heftig. Manche etikettieren das Ganze als Crash, andere als Bärenmarkt. Indes sind Kurseinbrüche von zehn oder 15 Prozent nicht selten. Nur ist es ja so, dass es seit 2009 eher wenige davon gab — Anleger waren also über Jahre recht verwöhnt von den so stetig und schier endlos steigenden Notierungen. Vielleicht sei daher auch die Boom-Bust-Angst jetzt größer als im Jahr 2000, so Daalder. „Kursbewegungen sind daher oft stark übertrieben und fallen stärker aus als in der Vergangenheit.“

Bleibt die Gretchenfrage: War es das nun mit dem Tief im DAX? Reichen die erreichten 8700 Punkte? Geht es ab sofort wieder aufwärts? Fakt ist, dass etliche Unternehmen durch den Kursrutsch richtig billig geworden sind (siehe Titelgeschichte ab Seite 12). Fakt ist aber auch, dass die bisherige Korrektur zwar heftig war, sich aber keine ausgeprägte Panikstimmung breit­gemacht hat. Und das ist insofern beachtenswert, weil es meist einer solchen Panik, einer Ausverkaufsstimmung, bedarf, da­mit die Kurse wirklich einen tragfähigen Boden finden. Es bleibt also dabei: Es ist nicht verkehrt, nach und nach strategische Investments zu starten.

Kommentare:

  1. Hallo Martin,

    sehr schön geschriebener Beitrag. Du hast vollkommen Recht, in solchen Phasen kommen einem Fragen über Fragen in den Sinn und Medien wie Bloomberg, Reuters und Co. haben Hochsaison. So gesehen, sind Medien und Analysten vielleicht die einzigen Profiteure, die innerhalb eines Börsen-Crashs gut verdienen, denn je höher die Unsicherheit um so höher die Nachfrage nach Informationen, die diese Unsicherheit möglicherweise dämpfen.

    Dabei ist gerade dieses Sicherheitsbedürfnis das irrationale Empfinden, dass uns in unseren Entscheidungen behindert. Wenn man es von Anfang an richtig macht, was wahrlich nicht einfach ist, sollten sich all die Fragen eigentlich gar nicht stellen, Stichwort Risiko-Management.

    Einem diversifizierenden Langzeit-Investor sollte der Crash wenig anhaben. Mehr noch kann er bald ans Zukaufen nachdenken. Ein Kurzfrist-Anleger, auch Spekulant genannt, sollte zumindest ein Risk-Management betreiben, dass ihn früh genug aus der Schusslinie bringt.

    Beides ist nicht simpel und erfordert äußerste Konzentration. In der Regel ist es aber so, dass uns der Markt selbst als Information bereits vieles zeigt. Vor allem in Zeiten, in denen viele Risiken vorhanden sind wie aktuell, sollte man den Fokus auf den Markt legen und beobachten. Sich auf die Lauer legen.

    Es ist nicht wichtig, ob man den besten Zeitpunkt für den Kauf trifft, es ist wichtig, dass viele relevante Parameter nach oben zeigen.

    Für mich stellt sich die Lage daher einfacher da, als uns die Medien erklären wollen. Je mehr Unsicherheitsparameter (Öl, Yuan, EZB, FED, BoJ, Brexit etc.) vorhanden sind umso unwahrscheinlicher der nachhaltige Ausbruch der Märkte nach oben. Das haben wir in 2015 ja schon mehrmals erlebt (Grexit, China-Crash, Yuan Abwertung, EZB-, und FED Desaster en masse)

    Diese ganzen Parameter sollten eine persönliche Gewichtung bekommen. Was ist wichtiger für steigende Märkte? Steigender Ölpreis oder EZB-QE? Und diese Gewichtung zeigt uns wiederum der Markt selbst. Es ist der beste Indikator für Erwartungen, den man haben kann.

    Grüße
    David
    http://2i-services.com/boersen-blog/

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  2. Danke für den Beitrag. Da ist schon was dran, mit der Anzahl der Unsicherheitsparameter. Aber so ein Markt, der klettert eben schon auch mal die "Wall of Worry" nach oben ... ;)

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  3. Ja die "Wall of Worry" :-) Deshalb bin ich auch der Überzeugung, dass man in Zeiten mit vielen Unsicherheitsfaktoren auf den Markt selbst schauen sollte. Von mir aus kann man das jetzt auch Markttechnik nennen, auch wenn ich jetzt zig Analysten und Anleger aufschreien höre. Aber wie es halt so ist, der Mensch befriedigt sein Sicherheitsbedürfnis lieber mit Hilfe der Analyse von nachlaufenden Daten, die darüber hinaus so gut wie nie auf die allgemeine Erwartungshaltung schließen lassen und stehen sich bei der korrekten Interpretation der Kurse dabei selbst im Weg. So zumindest meine Erfahrung.

    Was ich damit meine ist, dass der Markt einem recht oft zeigen kann, ob die Kurse nun wirklich nach oben wollen oder nicht. Das kann man mitunter oft an der Preisdynamik erkennen. Die Frage dabei bleibt dennoch natürlich, wie gut vertraut man seiner eigenen Beobachtungsgabe.

    Die "Wall of Worry" kann daher auch hier existieren. Nur ist das mediale Rauschen um einiges geringer. Kombiniert mit einem der Strategie angepasstem Risikomanagement, wäre das eher mein Ansatz, wenn man nach einem passablen Einstieg sucht.

    Grüße

    David

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