Mittwoch, 29. November 2017

Unwahrscheinlichkeitsdrive

Da kann einem schon der Schädel brummen. In Sachen Politik, in Sachen Börse. Was ist wahrscheinlich, was unwahrscheinlich? Was real, was surreal? Es gehen allerlei Prognosen um.

Ein ziemliches Bohei wird da seit einigen Tagen um einen ganz speziellen Indikator gemacht: um die immer flacher werdende Zinskurve in den USA. „Kurve des Grauens“ steht beispielsweise in der Tageszeitung „Die Welt“. Ei, ei, ei. Zum Fürchten! Oder wird da etwa übertrieben? Der Grund für das Bohei ist, dass besagte Kurve eine fast unheimliche Verlässlichkeit als Rezessionsindikator hat. Und damit auch als Indikator für eine Wende an den Aktienmärkten. Mit einer wichtigen Einschränkung jedoch: Flach allein reicht nicht, invers hat die Kurve zu sein — die Zinsen müssen am kurzen Ende höher sein als am langen. Das aber ist nicht der Fall.

Also viel Lärm um nichts? Vielleicht. Außerdem könnte das mit der sagenhaften Verlässlichkeit auch ein Ding der Vergangenheit gewesen sein. Schlicht, weil die US-Notenbank Fed sich mit ihrer Zinspolitik seit Jahren auf unerforschtem Gebiet befindet. Und da herrschen eventuell etwas andere Regeln. So hat die Fed ja auch selbst berechnet, dass ihre diversen Initiativen, die den schönen Namen „Quantitative Easing“ tragen, dafür gesorgt haben, dass die Rendite bei zehnjährigen Anleihen um 100 Basispunkte niedriger ausfällt als unter einer „normalen“ Zinspolitik. Kein Wunder also, dass die Kurve derart flach ist. Letztlich ist sie durch die extravagante US-Geldpolitik manipuliert, ob man das Attribut nun mag oder nicht. Fluch und Segen des Anleihekaufprogramms eben. Die Geister, die ich rief ...

Man darf also die Verlässlichkeit des Indikators im Jahr 2017 durchaus anzweifeln. Außerdem kommt noch ein psychologischer Faktor hinzu ...
Das aufgeregte Geschnatter um die Kurve — sogar einige der Fed-Notenbanker ließen sich zu besorgten Statements hinreißen —, führt letztlich dazu, dass das Grauen recht viel von seinem Schrecken verliert. Frei nach dem schönen Motto: „The more attention, the less it matters.“ Um es klar auszudrücken: Bevor die Zinskurve nicht mal invers ist, bevor die Realzinsen nicht signifikant steigen, bevor die Spreads an den Anleihemärkten nicht stärker auseinanderdriften und bevor die Inflationserwartungen nicht deutlicher ansteigen, so lange ist eine Rezession sehr unwahrscheinlich. Und damit auch ein Börsenabschwung.

Das mal als Leitfaden. Es scheint eben tatsächlich so zu sein, dass das schönste aller Szenarien für Aktienanleger noch nicht vorbei ist: Die Konjunktur ist weder zu heiß noch zu kalt. Die Wirtschaft wächst also moderat und nachhaltig, die Inflationsraten bleiben im Rahmen. „Goldilocks“ sagen die Amerikaner so schön bildhaft dazu — Goldlöckchen. Also einfach zurücklehnen? Warum nicht. Wach bleiben sollte man dennoch. Und immer schön darauf achten, ob und wie die monetären Bedingungen sich verändern. Siehe Leitfaden.

Ob die Goldlöckchen auch das kommende Jahr zieren, ist wieder eine andere Geschichte. Skurril ist jedenfalls, dass sowohl Goldman Sachs als auch Barclays für die US-Börse 2018 ein Kursplus von zehn Prozent vorhersagen. Und beide Banken — unabhängig voneinander — verwenden den Begriff „rational exuberance“, also rationaler Überschwang, eine Beschreibung der Börsenlage, die angelehnt ist an das gegenteilige legendäre Bonmot des Ex-Notenbankchefs Alan Greenspan. Der Optimismus lässt aufhorchen. Denn zum einen ist es so, dass die Ansagen der Strategen selten zutreffen, und zum anderen kam es in Jahren mit zweistelligen Prognosen erstaunlich oft zum Gegenteil: zu Verlusten. So ein Bohei!

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