Mittwoch, 23. Januar 2019

Trau, schau, wem

Der gute Start ins Börsenjahr hat viele überrascht. Dabei sind die Indikatoren gar nicht schlecht, wenn man sie denn richtig interpretiert. Trotz Brexit, trotz China, trotz Querelen in den USA.

Das Wichtigste gleich vorweg: Die Handelsgespräche zwischen China und den USA scheinen inzwischen besser zu laufen. Seit vergangener Woche verhandelt eine amerikanische Delegation in Peking. Und anscheinend hat die chinesische Seite einen Schritt nach vorn gemacht und verspricht, deutlich mehr aus den Vereinigten Staaten zu importieren. Das Volumen des Angebots könne für Entspannung im Konflikt sorgen, heißt es aus Peking. Allerdings sind Punkte wie der Technologietransfer oder der Import von landwirtschaftlichen Produkten nach China noch strittig. Einigen sich beide Wirtschaftsmächte, könnte sich die Erholung an den globalen Börsen fortsetzen.

Mit dieser Perspektive sind die Märkte gut ins Jahr gestartet. Aufwärts ging es vor allem an den Schwellenländerbörsen, aber auch Wall Street und etliche europäische Börsen haben sich bislang erfreulich entwickelt. Vielleicht ist es so, dass spiegelverkehrt zu den viel zu optimistischen Erwartungen an die Börsen im vergangenen Jahr der Blick auf 2019 viel zu negativ ist.

Abseits vom politischen Geschehen sind die Indikatoren auch gar nicht so schlecht. Wieder etwas positiver entwickelte sich hierzulande zuletzt etwa der ZEW-Index, der die mittelfristigen Erwartungen von 400 Analysten und institutionellen Anlegern bezüglich der Konjunktur- und Kapitalmarktentwicklung widerspiegelt. „Es ist bemerkenswert, dass sich die Konjunkturerwartungen für Deutschland angesichts der zahlreichen weltweiten Risiken nicht weiter verschlechtert haben“, kommentiert ZEW-Präsident Achim Wambach. Vieles sei wohl schon in den Vormonaten vorweggenommen worden.

Die neuen Daten aus China sind ebenfalls passabel, obwohl so manche Schlagzeile anderes suggeriert ...
 „Das niedrigste Wachstum seit der Weltfinanzkrise 2008“, ist in vielen Artikeln zu lesen. Tatsächlich lag das Wachstum im Schlussquartal 2018 auf Jahresbasis bei 6,4 Prozent — ein Tick weniger als im Vorquartal (6,5 Prozent). Die Dynamik lässt also nach, allerdings ist das Tempo nicht besorgniserregend.

Außerdem durchläuft China eine ganz normale Entwicklung. Je höher das erreichte Wohlstandsniveau eines Staates, umso geringer werden die Wachstumsraten. Das Bruttoinlandsprodukt Chinas hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht — somit entfallen inzwischen 20 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung auf das Land. Es wird zum Dreh- und Angelpunkt der globalen Konjunktur. Das relativiert die Daten. „China kann aufgrund gestiegener Löhne nicht länger die billige Werkbank der Welt sein. Stattdessen strebt man die Technologieführerschaft in vielen Zukunftsbranchen an“, erläutert Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Die Finanzmärkte reagierten entsprechend wenig auf die China-Daten — schlicht weil sie mehr oder weniger den Erwartungen entsprachen. Andere alternative Indikatoren für China lassen schließlich auch den Schluss zu, dass die Konjunktur robuster ist als etwa 2015/16, als sich die Wirtschaft ebenfalls abkühlte.

Schwierig bleibt die Lage in Großbritannien, nachdem der Brexit-Plan von Premier-ministerin Theresa May am Votum des Unterhauses krachend gescheitert war. Auf jeden Fall will May das Parlament am 29. Januar noch einmal abstimmen lassen. Worüber genau, weiß man noch nicht. Ein wahrscheinliches Szenario: die Verschiebung des Ausstiegs Großbritanniens aus der EU, der bislang auf den 29. März terminiert ist.


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