Mittwoch, 15. Mai 2019

Völlig vernagelt

Bisher gibt es bei den sino-amerikanischen Handelsgesprächen keinen Durchbruch. Beide Seiten sind stur, so scheint es. An den Börsen werden daher weiter Gewinne mitgenommen.

Verkaufslust ist gerade recht groß an den Börsen. Schuld daran hat, so die gängige Meinung, der Handelsstreit der USA mit China: Statt sich bald zu einigen, ist man wieder auf Konfrontationskurs. Ob nun US-Präsident Donald Trump den neuerlichen Zoff ausgelöst hat oder die chinesische Seite, ist da fast schon egal.

Allerdings — und das sollten gerade längerfristig orientierte Anleger im Hinterkopf behalten — hat die aktuelle Korrektur auch etwas Gesundes. Denn das bisherige Tempo der diesjährigen Börsenrally war zu hoch. Wäre es in diesem Stil weitergegangen, hätten sich die Märkte überhitzt, und so eine „Melt-up-Rally“ endet in der Regel böse, also mit einem Crash. Die jetzige Korrektur baut dem vor. Die Übertreibung wird „normal“ abgebaut. Das schmerzt zwar auch und dauert seine Zeit, aber schließlich ermöglicht eine Korrektur auch Gelegenheiten zum Nachkaufen. „Sellers are investor’s best friend“, heißt es so schön an der Wall Street.

Natürlich sind die möglichen Effekte eines weiter eskalierenden Handelsstreits eine Gefahr für die Konjunkturentwicklung. Die US-Bank Citigroup geht — im schlimmsten Fall! — von einem um 0,5 Prozentpunkte geringeren US-Wachstum aus, bei China wären es 1,6 Prozentpunkte weniger. Auch Europa käme nicht ungeschoren davon, die asiatischen Schwellenmärkte sowie Japan ebenfalls nicht.

Allerdings, und das muss man ebenfalls in Betracht ziehen, verfügt gerade die chinesische Seite über Mittel und Wege, das Ganze abzufedern: zum einen durch eine lockerere Geldpolitik und zum andern durch eine Abwertung der Landeswährung. Eine harte Landung der Konjunktur ...
ließe sich damit abfangen. Allerdings dürfte auch China klar sein, dass dies nur temporäre Maßnahmen sein können, um die finanzielle Stabilität des Landes langfristig nicht zu gefährden.

Die Amerikaner haben es derweil nicht so leicht. Im Gegensatz zu China (und zum Verdruss des US-Präsidenten) agiert die amerikanische Notenbank Fed unabhängig, eine Lockerung der Zinsen lässt sich in den Vereinigten Staaten nicht einfach so verordnen. Gleichzeitig ist Trump aber dazu verdammt, einen Deal mit China zustande zu bringen. Will er wiedergewählt werden, hat er bis zur Wahl zwei Aspekte zu beachten: Er muss weiter für Jobs sorgen, und er muss die Wirtschaft am Laufen halten. Das war sein Wahlversprechen, und der Durchschnitts­amerikaner wird sich spätestens am Wahltag daran erinnern.

Ausreden, dass China an einem möglichen Abschwung schuld sei, wird das Wahlvolk 2020 womöglich nicht akzeptieren. Man erinnere sich: Im Jahr 1980 wurde Ronald Reagan auch deswegen zum US-Präsidenten gewählt, weil sein Wahlkampfslogan eine simple Botschaft enthielt: „Are you better off than four ­years ago?!“ (Geht es dir besser als vor vier Jahren?!) Und weil es der Mehrheit der Amerikaner damals ökonomisch eher schlecht ging, wurde Reagan gewählt und Amtsvorgänger Jimmy Carter musste abtreten.

Auch Trump wird sich dem Votum stellen müssen, ob es den Landsleuten dank ihm wirtschaftlich besser geht oder nicht. Geht man allein nach dem gesunden Menschenverstand, dann sollten also beide Seiten einen Handelskompromiss aushandeln. Allerdings haben wir es mit Kontrahenten zu tun, die möglicherweise doch anders agieren — Vernunft hin oder her. Bisher sind wir an dieser Stelle vom positiven Fall ausgegangen. Und dabei bleiben wir zunächst auch.

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