Dienstag, 28. Januar 2020

Flucht in sichere Häfen

Korrektur an den Börsen weltweit. Auslöser ist die Sorge um eine Ausbreitung des Coronavirus. Volkswirte rechnen daher mit negativen Auswirkungen auf Chinas Wirtschaftswachstum.

Das chinesische Jahr der Ratte hat begonnen. Doch es war für China wahrlich kein guter Start. Das -Coronavirus hat das Land fest im Griff. Die Behörden schränken notgedrungen die Reise- und Bewegungsfreiheit stark ein und haben insgesamt 18 Städte im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus isoliert. De facto stehen also 56 Millionen Menschen unter Quarantäne. Das weckt Erinnerungen an die SARS-Pandemie in den Jahren 2002 und 2003.

Natürlich sorgt das auch an den Märkten für Unruhe. Zum Ende der zurückliegenden und zu Beginn der laufenden Woche ging es an den Weltbörsen erst einmal ordentlich abwärts. Der amerikanische Leitindex S & P 500 beispielsweise verzeichnete am Freitag den größten Tagesverlust seit Oktober 2019. Dies liegt sicher mit daran, dass es inzwischen auch in der westlichen Hemisphäre mehrere bestätigte Fälle für den Virus gibt.

Wie die chinesischen Börsen reagieren, muss man noch abwarten. Die Handelsplätze in Hongkong, Taiwan und Festlandchina sind bis zum 31. Januar wegen der Neujahrsfeierlichkeiten geschlossen. Vermutlich wird es aber auch dort Verluste geben, sind doch China-Aktien, die an ausländischen Börden gehandelt werden, schon stark ins Rutschen gekommen.

Parallel zu den fallenden Aktienkursen legen die Kurse an den Anleihemärkten zu, ebenso die Preise für Edelmetalle wie Gold und Silber, und selbst der Dollar tendierte zuletzt wieder etwas stärker —die übliche Reaktion auf größere Krisen eben. Oder wie Börsianer gern sagen: eine Flucht in „sichere Häfen“.

Die ist durchaus berechtigt...
„Zusätzlich zu den tragischen menschlichen Kosten einer Epidemie kann eine weitverbreitete Krankheit auch bedeutende volkswirtschaftliche Schäden verursachen“, warnt Mo Ji, Chefvolkswirtin für den chinesischen Großraum beim Geldverwalter Alliance Bernstein. Vergleicht man die aktuelle Epidemie mit SARS, könnte es für Chinas Wirtschaft einen ordentlichen Dämpfer geben. „Wird die Epidemie innerhalb von drei Monaten eingedämmt, könnte das reale Bruttoinlandsprodukt um 0,8 Prozentpunkte sinken. Dauert es neun Monate, könnten es 1,9 Punkte sein“, so Ji.

Höchstwahrscheinlich werde die Dauer des Ausbruchs irgendwo dazwischen liegen, so die Chefvolkswirtin. Für mindestens weitere drei bis vier Monate werde China nicht nur mit der Ausbreitung der Krankheit, sondern auch mit dem Schaden für das Wirtschaftswachstum zu kämpfen haben. „Wir rechnen derzeit mit möglichen Kosten von einem Prozentpunkt für das reale BIP-Wachstum. Dementsprechend erwarten wir, dass China die Geld- und Fiskalpolitik noch aggressiver lockern wird, um sein Wachstumsziel von sechs Prozent im Jahr 2020 doch noch zu erreichen.“

Ob der Vergleich mit SARS sinnvoll ist, wird sich noch zeigen müssen. Interessant ist, dass die Reaktion der Börsen auf SARS nach der offiziellen Meldung Chinas an die WHO im Februar 2003 verhalten war. Die Börse in Hongkong verlor in der Spitze acht Prozent. Allerdings hatten die Märkte damals — im Gegensatz zu heute — bereits eine jahrelange Talfahrt nach dem Platzen der Internetblase hinter sich. Die gegenwärtige Situation ist also nur bedingt vergleichbar. Zudem war die Weltwirtschaft nicht in dem Maß verwoben wie jetzt. Je nach Verlauf der Krise in den kommenden Wochen und Monaten könnte, bei aller Vorsicht, also auch eine heftigere Korrektur möglich sein.

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