Dienstag, 21. Januar 2020

Nach dem Deal ist vor dem Deal

Die Stimmung an der Börse ist fast euphorisch. Überall neue Rekorde. Ein Rückschlag ist da nur eine Frage der Zeit. Allerdings braucht es dafür einen Auslöser. Und den liefert vielleicht der US-Präsident.

Ein Rekord jagt den nächsten. Es geht nach oben an den Aktienmärkten. Vor allem an der Wall Street, wo Dow Eones und Nasdaq ein jeweils neues Allzeit-hoch erreicht haben. Besonders erwähnenswert dabei: Alphabet ist dank neuem Rekordhoch an der Börse inzwischen mehr als eine Billion Dollar wert. Auch beim DAX fehlt nicht mehr viel zum Allzeithoch — Stand Redaktionsschluss.

Das Tempo des Anstiegs ist dabei fast beunruhigend. Ursachen der Kauflaune sind die weiter niedrigen Zinsen und die zuletzt doch guten Konjunkturdaten. Und natürlich auch der „Phase-1-Deal“ zwischen den USA und China, der Hoffnung macht, dass es dort auch so positiv weitergeht — mit Phase 2 und Phase 3. Letztlich sind da also auch eine Menge Vorschusslorbeeren mit im Spiel.

Oder anders ausgedrückt: Beachtung finden derzeit nur die positiven Meldungen. Statt halb leer ist das viel zitierte Glas für die meisten Börsianer also eindeutig halb voll. Enthusiasmus allerorten. Enttäuschungen sind da aber wohl nur eine Frage der Zeit, das lehrt die Vergangenheit. Allerdings bedarf es dafür schon eines Auslösers, eines „Triggers“, damit die Stimmung kippt und das Glas einem doch eher halb leer erscheint.

Und tatsächlich: Ein möglicher Auslöser wäre eine Eskalation im Handel zwischen den USA und Europa. Jetzt, da US-Präsident Donald Trump mit China scheinbar „fertig“ ist, könnte er sich die EU vorknöpfen. Die Beziehung sei „sehr unausgewogen“, erklärte Trumps Handelsbeauftragter Robert Lighthizer neulich. Es gebe viele Handelshemmnisse und Probleme mit Europa, das beschäftige den Präsidenten.

Man wird abwarten müssen, ob es hier tatsächlich zu einem größeren Konflikt kommt. Aber so oder so ist das Risiko am Aktienmarkt derzeit angesichts des doch schon fast überbordenden Optimismus stark gestiegen. In so einem Fall genügt oft schon eine kleine negative Veränderung, damit die Stimmung kippt.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch ...
die Berichtssaison in den USA und in Europa, die gerade eingeläutet wurde. Da sieht es gar nicht so schlecht aus: Die US-Großbanken JP Morgan und Citigroup beispielsweise glänzten mit gewaltigen Milliardengewinnen. In Europa war es der Schweizer Luxusgüterkonzern Richemont, der auch dank des guten Weihnachtsgeschäfts — vor allem in China — neue Umsatzrekorde erzielte.

Apropos China: Das chinesische BIP hat im Schlussquartal 2019 um sechs Prozent zum entsprechenden Quartal im Vorjahr zugelegt. Für das Gesamtjahr 2019 liegt damit der Zuwachs der chinesischen Wirtschaftsleistung bei 6,1 Prozent. Das ist ordentlich, blieb aber deutlich unter dem Vorjahreswachstum, das 6,6 Prozent betragen hatte. Allerdings muss man deswegen nicht allzu enttäuscht sein. Denn auffällig ist, dass die chinesische Industrieproduktion zuletzt im Dezember mit 6,9 Prozent auf Jahresbasis recht dynamisch ausgefallen ist. Dies kann eine erste positive Reaktion auf den Phase-1--Deal zwischen den Handelskontrahenten sein. Auch die Einzelhandelsumsätze zeigten sich im Dezember mit einem Zuwachs von acht Prozent auf Jahresbasis mehr als robust. Zeichen eines Aufschwungs?

Letztlich sehen die Daten also gar nicht schlecht aus. Problematisch ist allerdings, dass die Kurse — wie beschrieben — wohl etwas zu schnell zu weit gelaufen sind, Rückschläge jetzt also sehr wahrscheinlich werden. Auch heftiger Art. Je nachdem, wie der Trigger ausfällt.


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